
Berlin, Deutschland (Kulturexpress). Daß der Deutsche Berthold Auerbach, der am 28.2.1812 in Nordstellen, das heute ein Stadtteil von Horb am Neckar ist, geboren wurde und am 8. Februar 1882 in Cannes und also an der Côte d’Azur starb – auf dem jüdischen Friedhof in Nordstetten wurde er begraben -, „heute fast vergessen“ ist, wie es auf der Heimatseite des Verlages Neofelis im Weltnetz heißt, das ist wohl wahr. Ja, mir gilt Berthold Auerbach hier und heute als Deutscher, nicht als Jude.
Und das, obwohl ich weiß, daß er als als Sohne von Jacob Auerbach und Edel Frank wie einer seiner Großväter Rabbiner werden sollte. Deswegen wurde er nicht nur aufs jiddisch Chejder genannte „Zimmer“ geschickt, sondern auch auf die Talmudschule Beth Hamidrash in Hechingen. Brav besuchte Berthold anschließend die Rabbinatsschule in Karlsruhe, während er bei Onkel Meier Auerbach wohnte. Die Lehr- und Wanderjahre des jungen Auerbach sind beeindruckend. Sie reichten von der Burschenschaft Germania in Tübingen bis zum Schwarzen Buch in Frankfurt am Main, wo er Mitglied der Freimaurerloge „Zur aufgehenden Morgenröte“ wurde.
Er wanderte und lernte, er studierte und übersetzte, beispielsweise sämtliche Werke des Philosophen Baruch Spinoza aus der Sprache Latein in die Sprache Deutsch. Er schrieb auch Geschichten, darunter Schwarzwälder Dorfgeschichten. Mit diesen gesammelten Erzählungen setzte er Nordstetten quasi ein literarisches Denkmal.
Doch Berthold Auerbach, der in Breslau Auguste Schreiber heiratete, brachte nicht alle zum Denken. 1880 resümierte er: „Vergebens gelebt und gearbeitet!“ Und er stellte konstatiert fest: „Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und noch dazu ein Jude.“
Berthold Auerbach sah sich demnach als Deutscher, als deutscher Schriftsteller und als Jude. Wenn er also einen „tiefen Blick ins innerste Leben des Volkes“ warf, dann war keineswegs von einem „jüdischen Volk“ die Rede, sondern von dem in Nordstellen und dem in Hechingen und dem in Karlsruhe und dem in Breslau und dem in Dresden und dem in Wien und so weiter und so fort und also dem Volk, dem Berthold Auerbach in seinen Lehr- und Wanderjahren bis zum Ende seines Lebens begegnete, vor allem dem Volk der Deutschen, nicht dem Volk der Christen oder Juden oder Schriftsteller.
Auf der Heimatseite des Verlages im Weltnetz heißt es dazu: „Mit der literarischen Darstellung des Alltagslebens des ‚einfachen Volkes‘ in seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten und Volkskalendern traf er einen Nerv der Zeit. Denn seine volkstümlichen Texte ermöglichten einen „tiefen Blick ins innerste Leben des Volkes“, wie es Auerbach selbst in einem Brief beschreibt, der nicht einfach nur ein großes Publikum zu unterhalten verstand, sondern zugleich eine politische Mission verfolgte: Auerbach wollte mithilfe seiner volkstümlichen Literatur das Volk zur Selbsterkenntnis führen und es damit zur Nationsbildung befähigen.“
Jetzt raten Sie einmal, welche Nation gemeint ist.
Weiter im Text: „Diese Hinwendung zum Volk – als Gegenstand und Adressat – findet sich zeitgleich auch in der Wissenschaft. Moritz Lazarus entwickelte mit der Völkerpsychologie eine Frühform der heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften, welche die Funktionsweisen der Volks- und Alltagskultur erforscht, um aufzuzeigen, wie ein Volk zu einem Volk wird. Auch Lazarus’ neue Wissenschaftsdisziplin war politisch ausgerichtet und wollte zur Nationsbildung beitragen.
Das geteilte Interesse an der gesellschaftlich bedeutsamen Frage nach der Entstehung kollektiver, nationaler Identität verbindet Auerbach und Lazarus. Davon ausgehend unternimmt Anna-Maria Post die erste ausführliche Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Auerbach und der Völkerpsychologie. Indem deren Werke auf die Geschichte ihrer Entstehung und Funktion hin kontextualisiert werden, treten zeitgeschichtlich charakteristische Konstellationen der Mitte des 19. Jahrhunderts zutage, die in ihrer Auseinandersetzung mit Fragen nach der Entstehung nationaler Identität bis heute von großer Relevanz sind. Die Studie zeigt, welche Bedeutung deutsch-jüdische Denker für eine Auffassung von ‚vorgestellten Gemeinschaften‘ sowie darüber hinaus auch für die Entstehung moderner Soziologie und Kulturwissenschaft hatten. Zugleich wird deutlich, welch wichtige Funktion Literatur und speziell volkstümliche Schreibweisen hierbei einnahmen.“
Wie „ein Volk zu einem Volk“ wird und was es „zur Nationsbildung“ braucht, das sollte man wissen. so wie man Wissen mehren und sich Weisheit selber lehren sollte. Mehr Wissen verspricht das Werk von Anna-Maria Post.
Bibliographische Angaben:
Anna-Maria Post, „Der tiefe Blick ins innerste Leben des Volkes“, Berthold Auerbach und die Völkerpsychologie, Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne, Bd. 35, 498 Seiten, mit 8 S/W-Abbildungen, Sprache: Deutsch, Bindung: flexiblem Umschlag, Format: 15 x 21 cm, Gewicht: 714 g, Verlag: Neofelis Verlag GmbH, Berlin, 1. Auflage 23.6.2025, ISBN: 978-3-95808-453-7, Preis: 42 EUR (Deutschland)
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