Erinnerungen an die Kulturrevolution in China. Berlinale Special Yi zhi

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Zwei Chinabücher, das linke mit sozialistischen Erzählungen aus der Kulturrevolution, veröffentlicht 1977, das rechte über die Zeit unmittelbar danach und wie es dazu kam. © 2020, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Erinnerungen an die Kulturrevolution in China aus der Sicht von Schriftstellern, Dorfbewohnern und ihren Familien. Mit dem Wortsinn „Swimming Out Till The Sea Turns Blue“ – Hinausschwimmen, bis das Meer(-wasser) blau aussieht, chinesisch „Yi zhi you dao hai shui bian lan“ – hat dieser Film eigentlich gar nichts zu tun. Ganz am Ende der etwa 17 durchnummerierten Kapitel, die banale Titel wie ‚Familie‘, ‚Sohn‘, ‚Ernte‘ tragen, klärt sich der Filmtitel auf.

Ein rätselhafter Filmtitel – „Swimming Out Till The Sea Turns Blue“

Ein Protagonist erzählt, wie er als Kind eine Diskrepanz vermutete zwischen dem Meer, das angeblich blau sei, so vermittelte die Schule, und dem tatsächlichen gelben Meerwasser. Nicht umsonst gibt es drei Namen für die Anteile am Weltmeer, die das Reich der Mitte umspülen: Südchinesisches, Ostchinesisches und Gelbes Meer. Das hat nun ganz und gar nichts mit einer Hautfarbe zu tun und auch nicht mit der im (nichtchinesischen) Ausland häufig mit dem Land assoziierten Farbe ‚gelb‘, sondern mit den Lösspartikeln, die der Gelbe Fluss, chinesisch heißt er genauso (Huanghe, huang= gelb, ausgesprochen wie eine Silbe, also nicht hu-ang) in die nördliche Bucht des Pazifik einspült.

Der Gelbe Fluss ist einer der drei großen Ströme Chinas. Der längste ist freilich der Chang Jiang – der Jiang (sprich: dsjang), also Strom, im Namen kündigt es schon an gegenüber dem Wort Fluss (He, mit einem offenen ‘e‘ wie in kommen, also nicht Hej oder hee). Im Westen und in der Literatur oft als Jangtsekiang bekannt, in China Yangzi oder Chang Jiang. An diesem liegt neben Chongqing (Tschungking) übrigens auch die durch einen Virus jüngst in die Schlagzeilen katapultierte Stadt Wuhan. Vom Aktuellen einmal abgesehen nennt man Wuhan „Stadt der Flüsse“, sie entstand durch die Zusammenlegung dreier Städte, Wuchang, Hankou (Hankow, Hankau) und Hanyang. (Noch ein Fakt: Dadurch wurde Wuhan nach Chongqing zur zweitgrößten Stadt im Binnenland.)

Der Changjiang ist länger, mächtiger und wasserreicher, bekannt auch durch die drei Schluchten und ein Wasserkraftwerk. Dennoch färbt er das Meer nicht so wie der kürzere Gelbe Fluss, der in der Nähe von Peking (Beijing bedeutet wörtlich ‚nördliche Hauptstadt‘) fließt und viel fruchtbare gelbe Erde in den Stillen Ozean einträgt.

Gelbe Erde, Gelber Fluss, gelbes Wasser

Die riesige Flächen bedeckende gelbe Erde ist landwirtschaftlich, poetisch und literarisch von Bedeutung, man vergleiche die Bücher von Johanna Wieland und Kim Chi-ha. Küstennah ist das Wasser mehr oder weniger gelb gefärbt. In der „Nähe“ von Beijing und vor der benachbarten Küstenstadt Tianjin, also an der Flussmündung ist das Wasser gelbfarben. Dem Namen nach nicht nur in der großen Bohai-Bucht, nein, das Gelbe Meer erstreckt sich in den Pazifik hinein bis auf eine Linie Jeju-Schanghai. Also von der Südspitze der koreanischen Halbinsel bis hinüber auf das chinesische Festland.

Die Chinesen sind ein Volk der Dichter. Nicht umsonst konnte man jahrtausendelang nur Staatsbeamter werden, wenn man eine Prüfung ablegte, bei der Lyrik im Zentrum stand.

Welche Bedeutung es für den Film hat, erschließt sich einem Außenstehenden nicht.

Große Namen fallen

Durch die Kapitel sehen wir eine Reihe „Talking Heads“, sprechender Köpfe, die sich an die Vergangenheit erinnern, ihre Familien, die Schriftsteller und die Kulturrevolution.

Chinesische Literatur wird in der Breite erst in der jüngsten Vergangenheit weltweit rezipiert. Während es in Deutschland beispielsweise viele übersetzte Bücher von Verfassern aus Nordamerika gibt, warten immer noch große Klassiker und einiges an Gegenwartsliteratur auf Verlage, die gute Übersetzer beauftragen. Manche große Klassiker erschienen stark verkürzt, moralisch zensiert oder in einer dem Original nicht angemessenen Sprachqualität.

Es nimmt also nicht Wunder, dass der deutsche Zuschauer viele Namen nicht kennt, es sei denn, er sei Chinawissenschaftler, also Sinologe.

Dadurch kann man auch den Querverweisen schwer folgen. Ein Arbeiter, der bei einem Wettbewerb gewinnt und dann an ein Institut darf und dort Wang Meng oder andere Schriftsteller kennenlernt – diese Geschichte kann man nur zum Teil verstehen. Die große Ehre, die dem „kleinen Mann“, der hier zu großer Bekanntheit aufsteigt, widerfährt, indem er Kontakt zu Wang Meng und seinen Kollegen erhält, muss man erraten.

Die Erinnerungen an die Kulturrevolution in China sind teils sehr persönlich, schlug sich auch in Lyrik und Prosa nieder.

Zitate

Zu den Kapiteln werden Texte zitiert, vorgetragen und anschließend die Zeilen (in chinesischen Schriftzeichen) eingeblendet. Die Untertitelung ist englisch. Die Autoren, die zitiert werden, sind wiederum vielen unbekannt. Zu den großen Namen gehört unter anderem Shen Congwen (1902-1988, sprich: Schänn Zung-wenn).

Shen Congwen

Der Schriftsteller veröffentlichte ab 1926 bis in die 40er Jahre hinein, auch in den 60ern vor der Kulturrevolution und dann noch bis in die 80er. Er schrieb 20 Romane und zehn weitere Werke. Im deutschsprachigen Raum ist er vor allem durch die bei Suhrkamp in Frankfurt am Main 1985 verlegten Erzählungen rezipiert wurden. Diese erschienen kurz vor dem Untergang der DDR auch im Verlag Volk und Welt unter dem Titel „Die Grenzstadt und andere Erzählungen“ in Ost-Berlin. Es war Shens Todesjahr.

1928 und 1931 erschienen unter anderem Alices Abenteuer in China, im Original ”阿麗思中国遊記”. Shen lehnt sich dabei an Lewis Carroll an. Ausgesprochen bzw. transkribiert wird das Werk Ālìsī Zhōngguó Yóujì. Die Umschrift schuf der Linguist Zhou Youguang. Sie nennt sich Hanyu Pinyin (sprich etwa Chanjü Pinjin) und wurde in der Volksrepublik China 1978 offiziell als Standard eingeführt im Gegensatz zu der Wade-Giles-Umschrift, die in Hongkong und in der Republik China (heute auf Taiwan) verwendet wurde und wird.

Shen Congwen stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Vorfahren waren teils im engeren Sinne keine Han-Chinesen, sondern Miao (Großmutter väterlicherseits) und Tujia (seine Mutter). Fast alle Chinesen sind Han; sie stellt die größte Ethnie der Welt dar. Daneben gibt es viele Minderheiten. Viele dieser Völker zählen nur recht wenige Köpfe. Auch die Figuren seiner Werke sind hauptsächlich Miao (sprich Miau, in einer Silbe) oder einfache Leute.

Beispiel Shen Congwen – mehrfach verfolgt und bedrängt. Unter anderem 1969 zur Zeit der Kulturrevolution in China

An ihm wird beispielhaft klar, welches Schicksal Schriftstellern im China des 20. Jahrhunderts drohte, das von großen Umwälzungen, Hungersnöten und Krieg betroffen war. Shens Werk ist stark von der Tradition beeinflusst, von der klassischen Literatur. Dementsprechend wird er nach 1949 zweimal Opfer von Hetzkampagnen. Die Kommunisten hatten andere Ansprüche an Literatur und waren in ihren Forderungen unerbittlich. Nach Ende des Bürgerkriegs übernahm die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) in Peking die Macht. Das war im Oktober 1949. Seitdem hat die KP auf dem Festland das Sagen. Kleinere Gefechte und Kämpfe gab es nur noch in den Randgebieten, beispielsweise in Tibet. Später folgten noch Artillerieduelle mit der Republik China. Die Republikaner waren auf die Insel Formosa oder Taiwan geflohen, die China 1945 von Japan zurückgegeben worden war.

Ausgebremst und dem Tode nah

Shen wird zu Beginn der Volksrepublik von den Sozialisten als „bürgerlicher Autor“ angegriffen. Er versucht, sich das Leben zu nehmen. Danach war Schluss mit der Belletristik. Falls von „Alices Abenteuern in China“ jemals ein dritter Band geplant war, hätte er nicht erscheinen können.

Shens Werk war fortan rein wissenschaftlicher Natur, er arbeitete am Museum für chinesische Geschichte.

1960 erschien „Drachen und Phönix in der Kunst“ “ 龙凤艺术“ , in Hanyu Pinyin: „Lóngfèng Yìshù“. 1962 „Lackwaren aus der Zeit der Streitenden Reiche“ „战国漆器“ „Zhànguó Qīqì“. 1981 dann „Kleidung und Ornamentik im alten China“.

Dazwischen liegt die Kulturrevolution von der Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre. Shen wird erneut Opfer einer Kampagne gegen ihn, leidet nicht nur unter der Hetze, sondern muss, bereits betagt, körperliche Arbeit verrichten. Später wird er wieder rehabilitiert. 1978, im Jahr der Einführung der Hanyu Pinyin, ist er 76 Jahre alt und nimmt erneute eine Tätigkeit als Wissenschaftler auf. Zwei Jahre später darf eine seiner Novellen Grundlage für ein Drehbuch sein. Nun gibt es einen Bezug zum Film. Mit 80 Jahren wird er Verbandsmitglied. Mit 81 darf er sogar eine Funktion in einem Komitee der politischen Konsultativkonferenz übernehmen.

Es ist im Oeuvre dieses Schriftstellers ein klarer Bruch erkennbar. 1948 datiert „Langer Fluss“, „Chang He“. Es bleibt ein Romanfragment.

Der Linguist Zhou Youguang, Zeitgenosse

Zhou Youguang (sprich: Dschou Jouguang), der Linguist, der die heutige Standardumschrift der Volksrepublik schuf, überlebte Shen Congwen um fast 30 Jahre. Zhou war 69 Jahre lang verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb vor drei Jahren im Alter von 111.

Zhou und Shen begegneten sich persönlich, wie ein Photo aus dem Jahr 1946 belegt.

Weltpremiere in Berlin: „Yi zhi you dao hai shui bian lan“. Erinnerungen an die Kulturrevolution in China

Die Weltpremiere des Films „Yi zhi you dao hai shui bian lan“ von Jia Zhanke fand auf der Berlinale am Freitag, den 21. Februar 2020 statt.

Genau gesagt um 15 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Daran schloss sich ein Publikumsgespräch an (Q&A).

„Swimming Out Till The Sea Turns Blue“ oder „Yi zhi you dao hai shui bian lan“, einen deutschen Titel gibt es (noch?) nicht, wird am Dienstag, den 25.2.2020 um 12.30 Uhr im Cubix 6 gezeigt. Der Film ist ausverkauft. Aber nur online. Bei starkem Interesse besteht ohne Garantie die Möglichkeit, an der Tageskasse im Cubix am Alexanderplatz etwa ab 11.30 oder 12 Uhr zu versuchen eine Karte zu erwerben. Im Kino selbst werden immer die freien Plätze gezählt und dementsprechend vergeben. Karteninhaber werden gegenüber Ausweisträgern bevorzugt. Immer wieder gibt es Einzelne, die durch Krankheit, Zuspätkommen und Verkehrsprobleme oder Wichtigeres verhindert sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die Veranstaltungen, hier Filmvorführungen beginnen pünktlich. Werbung gibt es keine.

Ansonsten wünschen wir viel Spaß oder Erkenntnis in einem der anderen annähernd 400 Berlinalefilme. Mit oder ohne Erinnerungen an die Kulturrevolution in China.

Die Erinnerungen fesseln, die Kulturrevolution in China ließ niemanden kalt, der betroffen war. Diese Phase hat bei allen einen großen Eindruck hinterlassen. „Kinderlandverschickung“ ist ein deutscher Begriff, der positiv belegt war, wenn auch eine Folge des Bombenkriegs. Es ging um die Rettung von Kindern. In China wurden durch die Kulturrevolution viele ihrer Chance auf ein Studium beraubt.

Mehr Informationen unter:

https://www.berlinale.de/de/programm/programm/detail.html?film_id=202012118&openedFromSearch=true

https://www.berlinale.de

https://kulturexpresso.de/garagenvolk-top-film-der-berlinale-sektion-perspektive-deutsches-kino/

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