15 Minuten am Tag schreiben – Philipp Falardeaus „My Salinger Year“ über die Wirkung von Literatur entpuppt sich als gelungener Berlinale-Eröffungsfilm der stillen Art

0
346
Margaret Qualley in dem Film "My Salinger Year". © micro_scope

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das 70-jährige Berlinale-Jubiläum hat es im Vorfeld diesmal in sich. Rumorte es doch, da die nationalsozialistische Vergangenheit des ehemaligen Berlinale Direktors und Gründers Alfred Bauer ans Licht kam sowie der diesjährige Jury-Präsident Jeremy Irons wegen seiner Äußerungen zu Frauen in die Kritik geriet. Und dies alles unter der neuen Berlinale Doppelführung Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Dafür allerdings verlief der Start der diesjährigen Berlinale sehr beschaulich.

Trat Jeremy Irons in der Pressekonferenz gleich die Flucht nach vorne an und nahm in seiner Erklärung deutlich Position gegen die Diskriminiernierung von Frauen, für die gleichgeschlechtliche Ehe sowie das Recht auf Abtreibung ein. Das alles tat er wohl auch, um weitere Diskussionen darüber und die seiner Jury-Präsidentschaft während der Berlinale im Keim zu ersticken. Das dürften Chatrian und Rissenbeek, welche die Pressekonferenz von der Seitenlinie beobachteten, wahrscheinlich mit Erleichterung und Wohlwollen aufgenommen haben.

Wohlwollend verhielt es sich ebenfalls mit dem Eröffnungsfilm der 70. Berlinale. Wurde doch zur Premierenfeier im Berlinale Palast diesmal kein Film aus dem Wettbewerb gezeigt, sondern aus der Sektion Berlinale Special. Wobei erwähnt werden muss, dass Filme außer Konkurrenz nicht mehr im Wettbewerb laufen. Diese wurden gleich in die Sektion Berlinale Special aussortiert. „My Salinger Year“ ist also ein Film, der von vornherein aus dem Rennen um jedweden Preis genommen wurde und somit jede Diskussion um einen preiswürdigen Eröffnungsfilm überflüssig machte.

„Mit My Salinger Year“ präsentierte sich ein guter und stiller Film, der nicht aneckt und einem doch mit dem Gefühl entlässt etwas über das Schreiben und das Ausmaß von Literatur erfahren zu haben. In Philippe Falardeaus Film dreht sich mehr oder weniger alles um den Literaturbetrieb Mitte der 1990er Jahre, einer Zeit also, in der Internet und E-Mails noch nicht maßgeblich unser Leben bestimmten.

Briefe schreiben ist hier noch ein gängiges Kommunikationsmittel. Insbesondere auf die Fanpost, die in der Handlung einen wichtigen Stellenwert einnimmt, kommt es an. In „My Salinger Year“ wird die autobiographische Geschichte von Joanna Rakoff (Margeret Qualley) erzählt, die frisch von der Uni gern als Schriftstellerin Karriere machen möchte, sich aber als Assistentin bei der Literaturagentin Margeret (Sigourney Weaver) wiederfindet. Dort ist eine ihrer Hauptaufgaben neben den administrativen Tätigkeiten das Verwalten der Fanpost des Schriftstellers J. D. Salinger, der zu Margarets illustren Kunden gehört und von der Agentur geradezu vor seinen Fans geschützt werden muss beziehungsweise vor dessen Fanbriefen.

Joanna wird damit konfrontiert, dass Salingers Buch „The Catcher in the Rye“ Wirkung auf die Menschen hat, obwohl sie selbst den Roman nicht gelesen hat. Salinger, menschenscheu und zurückgezogen lebend und sich der Antwort jegliche Fanpost verweigernd, ist in dem Film nur ein Phantom, ein Geist. Es wird über ihn und sein Buch gesprochen, er ist in jeder Szene geistig präsent, er tritt aber nie persönlich in Erscheinung und wenn, dann sehen wir ihn nur von hinten. Er spielt für das, was Margeret wirklich will und antreibt, zu Anfangs keine Rolle. Letzten Endes jedoch wird sich sein Einfluss auch auf sie bemerkbar machen. Denn sie will ja keine Karriere im geschäftlichen Bereich der Literatur machen, sondern selbst schreiben. Und ihre tagtägliche Auseinandersetzung mit der Wirkung von Salingers Literatur lassen sie am Ende diesen finalen Schritt wagen. Eines Tages hat sie Salinger selbst am Telefon, der sie fragt, ob sie Verwaltungsarbeit erledigen oder schreiben wolle. „You’re a writer?“ fragt Salinger sie klar und deutlich. Da sie letzteres bejaht, ermahnt sie der bekannte Literat, dass sie dann schreiben soll, jeden Tag und wenn auch nur 15 Minuten. Das sei eminent.

Philippe Falardeaus Film über Joannes Rakoffs Erlebnisse im New Yorker Literaturgeschäft und dem Schriftssteller-Eremit Salinger zeichnet sich dadurch aus, das er feinfühlig, geradlinig, unaufgeregt und technig sehr gut umgesetzt ist. Und die Darstellungen von Margeret Qualley und Signourney Weaver sind erwartet gut. Und gerade für Margeret Qualley ein weiterer wichtiger Schritt in ihrer Karriere. Hatte sie doch eben erst in Quentin Tarantinos Once upon a time in Hollywood als Anhalterin Pussycat Brad Pitt um den kleinen Finger gewickelt. Falardeau‘s Film zieht uns durch sein Protagonisten Joanna und ihre Chefin Margaret in den Literaturbetrieb der 1990er Jahre herein und wir erfahren anschaulich welche Auswirkung ein Buch auf Menschen und seinen Autor hat; speziell dieses eine Buch „Catcher in the Rye.“ Zugleich ist es ein Film über Frauen und die Literatur. Da ist Joanna, die anstrebende Schrifstellerin und dann Margeret die etablierte Literaturagentin. Beide stehen stellvertretend für die zwei Seiten der Literatur, die Kreative und die Geschäftliche. Und so überrascht es nicht wenn beide immer wieder miteinander in Konflikt geraten, dann aber doch wieder auf einem Nenner landen, die Liebe zum geschrieben Wort und was sie dem Einzelnem zu geben vermag. My Salinger Year ist niemals langweilig, hat aber andererseits auch keine wirklichen empathischen Höhepunkte, die ein Film dieser Art gebraucht hätte um lebendiger zu wirken. Dennoch ist das große Plus des Films eben diese durch die Hauptfigur Joanna vermittelte Liebe zur Schrifstellerei und dem Streben danach und was es schließlich heißt sich wirklich für diese Berufung zu entscheiden. Bewährt sich Joanna am Ende in der Agentur und hätte die Möglichkeit ihren eigenen Agenturbetrieb aufzumachen, entscheidet sich aber letztlich gegen die geschäftliche Karriere und für das Schreiben. Dazu im Stillen ermutigt durch ihren Phantom-Mentor J.D. Salinger. My Salinger Year ist zwar kein großer Film, dennoch ein Film der einfühlsamen Art. Mit der lohnenswerten kleinen Botschaft: 15 Minuten schreiben am Tag!

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: My Salinger Year
  • Staat: Kanada, Irland
  • Jahr: 2020
  • Regie, Drehbuch: Philippe Falardeau
  • Darsteller: Margaret Qualley, Sigourney Weeaver, Douglas Booth, Colm Feore
  • Dauer: 101 Minuten

Anzeige