Suchende auf dem Weg ins verlorene Paradies – Der Film „Paradise Drifters“ in der Generation 14+ auf der 70. Berlinale

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Szene mit Tamar van Waning und Jonas Smulders in dem Film "Paradise Drifters" von Mees Peijnenburg. © Jasper Wolf/2019 Pupkin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es ist stockdunkel. Ein nackter jugendlicher Männerkörper krümmt sich. Der Rücken scheint zu zerbersten, die Haut pulsiert. ann formt sich ein markerschütternder Schrei aus der Kehle des jungen Verzweifelten. Doch kein Laut ist zu hören. Der Schrei bleibt stumm.

In visuell ergreifenden und gleichzeitig erschütternden Bildern beginnt das Spielfilmdebüt „Paradise Drifters“ von dem jungen niederländischen Regisseur Mees Peijnenburg. Der Film wird in der Generations Sektion 14+ auf der diesjährigen 70. Berlinale aufgeführt. Es ist eine „Coming of Age“-Geschichte in harter Realität und in der Peripherie der Gesellschaft.

In fragmentarischen Bildern zeichnet der Regisseur Mees Peijnenburg die getriebene Suche von den drei jungen Erwachsenen Chloe (Tamar van Waning), Yousef (Bilal Wahib) und Lorenzo (Jonas Smulders). Alle sind gerade mal 18 geworden und werden buchstäblich auf die Straße geworfen. Sie haben alle kein Obdach und kommen aus schwierigen Verhältnissen, aus dem Jugendheim oder aus zerrütteten Familien. Sie haben niemanden mehr, noch jeglichen Rückhalt, der sie auffangen könnte. Doch hat jeder einzelne von ihnen hat – vorerst noch – einen inneren Antrieb – den Überlebenswillen – irgendeinen Platz im Leben zu finden.

Als sie sich zufällig an einer trostlosen Autobahnraststätte treffen, sind alle drei – auf Grund ihre erdrückenden Erlebnissen aus der Vergangenheit -, geprägt von Misstrauen. Die jungen Erwachsenen wollen nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben, nur durch gegenseitigen Zwang landen sie schließlich widerwillig zusammen in einem Wagen und begeben sich auf eine Reise nach Südeuropa. Wobei vorerst unbekannt ist, was eigentlich der Grund der Reise ist. Jeder hat einen eigenen Plan, eine Motivation, die ihn antreibt.

Doch die gemeinsame Fahrt bringt sie einander näher – und es wird erahnbar, dass unter ihren rauen Schalen, ein Funke – eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Verbundenheit – keimt.

Chloe ist schwanger, sie wurde von ihrem Stiefvater vergewaltigt und von ihrer Mutter verlassen. Sie hat Kontakt aufgenommen zu einer zwiespältigen Organisation, an die sie ihr ungeborenes Kind verkaufen will. Lorenzo will seinem Bruder helfen, der im Gefängnis sitzt und ein Paket Drogen nach Frankreich schmuggeln, um Geld zu machen. Yousef ist gerade von seiner Jugendeinrichtung auf die Straße gesetzt worden. Er ist voller Angst vor dem Leben. Überfordert von der Situation, leidet er unter tiefen Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen. Die drei streunen haltlos herum. Mit dem Auto von Lorenzo begeben sich dann gemeinsam auf eine Fahrt in drei verschiedene Städte und Länder.

Doch sie wissen nicht wohin und wonach sie streben sollen. Ist es Geld? Ist es die Suche nach aufregenden Gelegenheiten – zu entfliehen von einer überschatteten Vergangenheit, die jegliche gute Startbedingungen ins autonome Leben erschwert ? Ist es die Flucht vor den Grausamkeiten von damals, die sie rastlos umherstreifen lässt? Und doch ist da der animalische Instinkt, die innere Hoffnung, die sie antreibt. Aber nicht jeder von ihnen wird es schaffen.

Es ist ein Road-Movie ohne Bewegung. Die drei befinden sich auf der Reise, doch nie sieht man das Auto fahren. In Standbildern friert das Bild an den trostlosen Raststätten ein. Oft ist es nachts. Immer an eiskalten, sozial schwachen Orten und ständig irgendwo auf der Autobahn an irgendeiner Tankstelle oder irgendeinem trostlosen Rastplatz machen sie einen Zwischenstopp. Sie befinden sich im Niemandsland. Dort wo niemand niemanden kennt, dort wo der Umgangston rau und brutal ist. Dort wo für Geld und den letzten Funken Existenzberechtigung alles gemacht wird.

Mit zugleich dynamisch geschnittenen und langen und porträthaften Einstellungen entwickelt „Paradise Drifters“ eine ganz eigene starke visuelle Kraft. Gleichzeitig spiegelt die Form des Filmes die innere Verfassung der Getriebenen. In eher gedeckter Farbigkeit vermittelt „Paradise Drifters“ ein Bild der zubetonierten, rauen Gegenden. Worte sind rar. Die drei sind innerlich angetrieben und haltlos, zerrissen in ihrem verschütteten Wunsch nach authentischer Bindung und gleichzeitiger Freiheit. Lange, beobachtende Einstellungen auf die Gesichter der Erschütterten offenbaren Einblicke auf ihre inneren Gemütszustände. Viel Stille, karge Dialoge, die schlichten Orte, an denen sie sich immer nur kurz aufhalten: dort eine zerschlissene Matratze, hier vergilbte Vorhänge im kargen Rastzimmer. Die Orte, an denen sich der Filme elipsenhaft auffächert, verkörpern sinnbildlich die Trost- und Haltlosigkeit der Jugendlichen.

Und gleichzeitig ist da eine Wildheit, ein unbedingter Lebenswille, eine aggressive Explosion, die unter der Fassade der Protagonisten pulsiert. Die drei Jungschauspieler verkörpern ihre Rollen mit einer ungekünstelten Natürlichkeit. Die Kamera beobachtet sie von weitem, beinah skizzenhaft. Die Annäherung an die Dargestellten ist behutsam und kontrastiert auf sanfte Weise zu der Rohheit des Sujets. Wir erfahren nicht allzu viel über die Charaktere. Und trotzdem werden ihre Verfassungen und Zustände deutlich. Sie wirken lebensecht und sind realistisch gezeichnet. Beinah dokumentarisch. Chloe ist tough und anpackend und gleichzeitig verletzlich. Sie wird hart auf die Probe gestellt, durch ihren, für sie zermürbenden Handel, mit den Kindesverkäufern. Yousef ist in seinem Schmerz immer an der Schneide zu seinem Auf – oder Abstieg. Das ist spürbar für den Betrachtenden.

Aufregend ist auch der der Schauspieler Jonas Smulders. Er spielt den introvertierten Lorenzo, aber sein Blick besitzt ein solches Feuer und eine Getriebenheit, bei der die gewaltige Explosion immer kurz vor dem Ausbruch zu stehen scheint. Diese Wildheit und innerliche Aggression und Unruhe pulsiert ständig und ohne Unterlass. Das ist faszinierend anzusehen und kann dem jugendlichem Zuschauer als Identifikationsfigur – die Zerrissenheit widerspiegelt- dienen.
Es gibt noch Sex und Gewalt und Geld, immer episodenhaft eingefügt, und dann ist da auch noch der große, schmerzhafte Entscheidung von Chloe.

Das trotz der Distanziertheit von Lorenzo, sich noch so etwas wie eine vorsichtige Annäherung zwischen den Darstellern andeutet, lässt den Film an einigen Stellen fast zärtlich wirken.
Die Umstände sind tragisch und fast ausweglos und die gesamte Härte und Ungerechtigkeit des Lebens, in das die drei ohne ihr Zutun geworfen worden sind, wird glasklar sichtbar in diesem Film, und trotzdem ist da ein Fünkchen Vertrauen, dass so etwas wie der unbedingte Wunsch nach authentischer Verbindung und Zugehörigkeit, vielleicht doch für sie möglich sein kann, – auch wenn sie das nie kennengelernt haben.

Diese ungeschönte Darstellung von jungen Heranwachsenden, die extrem schwierige Startbedingungen ins Leben haben , macht den Film sehr empfehlenswert, nicht nur für die Generation 14+. Eine harte Realität wird aufgezeigt und gleichzeitig Sensibilität transportiert. „Dem dem Menschen innewohnenden Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit – und Verbündeten“ , wie der Regisseur sagt, möchte er Ausdruck verleihen. Und diese Botschaft, die der Film aufzeigt, vermittelt sich auf leise, unaufdringliche Weise in trostlosen Umgebung und mündet in einen – nicht mehr stummen – sondern befreienden Schrei.

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: Paradise Drifters
  • Originalsprachen: Niederländisch, Spanisch, Französisch
  • Staat: Niederlande
  • Jahr: 2020
  • Regie: Mees Peijnenburg
  • Drehbuch: Mees Peijnenburg
    Kamera: Jasper Wolf
  • Schnitt: Imre Reutelingsperger
  • Musik: Juho Nurmela, Ella van der Woude
  • Darsteller: Bilal Wahib (Yousef), Tamar van Waning (Chloe), Jonas Smulders (Lorenzo), Joren Seldeslachts (Ivan), Camilla Siegertsz (Chloes Mutter), Steef Cuijpers (Chloes Stiefvater), Micha Hulshof (Cor)
  • Produzenten: Pieter Kuijpers, Iris Otten, Sander van Meurs
  • Länge: 85 Minuten

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