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Die sieben Schwäne oder Schwäne über dem Weißen See – „Schwanensee – Jenseits der Bühne“ im Theater Delphi in Weißensee

Schwanensee von Grand Classic Ballet. © Grand Classic Ballet

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Schwäne über dem Weißen See sind keine Seltenheit, auch nicht sieben an der Zahl. Doch die Premiere zum „vielleicht berühmtesten Ballett der Welt – das ist: Schwanensee, fand am Samstag, den 6.7.2026, nicht auf dem oder am Stillgewässer statt, sondern im Berliner Stadtteil Weißensee, genauer: im Theater im Delphi, auch Theater Delphi genannt.

Vom Bolschoi-Theater ins Delphi-Theater

Das Theater in der Gustav-Adolf-Straße, das einst ein Großraumkino war, bietet mit seinem unprätentiösen und abgenutzten Charme bis ins Billig-will-ick-Milieu der Hinzugezogenen und Heruntergekommenen der Migrantenmetropole Berlin einen Kontrapunkt zum schönen Schwanensee. Kleingeistige Lohnarbeiter der Lücken- und Lügenmedien mögen das Interieur des Delphi-Theaters in Weißensee hingegen so „charismatisch“ finden wie das anstehende und gestandene Proletariat und Prekariat. Wie auch immer und warum auch nicht ein abgedroschenes Ballettstück in einem abgewetzten Theater auf die Bretter bringen? Wenn das nicht romantisch ist und Charme hat, was dann?

Schließlich mögen manche beim Schwanensee – die Uraufführung wurde 1877 nach unserer Zeitrechnung am Bolschoi-Theater in Moskau gegeben – ins Schwärmen geraten und tiefe Gefühle beim Hören der Musik des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski und beim Anblick der Tänzer empfinden. Romantik in Rußland und Deutschland, das geht noch immer. Alte Meister und anstehende finden ihr Publikum, wenn das Publikum das Theater findet.

Tschaikowski zieht mit Schwanensee, Dornröschen und Der Nußknacker, diesen drei berühmtesten Ballette der Musikgeschichte, nicht nur die Alten an, sondern offensichtlich auch die Jungen. Sonnabend zu 20 Uhr war das Delphi-Theater voll mit jungen und alten Leuten, die nicht auf das Libretto verzichten mußten, wohl aber auf Gerede und Gesang.

Klassisches instrumentales Ballett eines im Kern tragischen Liebesdramas

Auf den von Wladimir Petrowitsch Begitschew und möglicherweise vom Tänzer Wassili Fjodorowitsch Geltzer stammende Text wurde verzichtet. Gesagt wurde nichts, aber musiziert und getanzt: Odette, die verzauberte Schwanenjungfrau und gute Fee und Odile, die Verführerin, Tochter von Rotbart und Doppelgängerin von Odette, Prinz Siegfried und dessen Mutter, die Königin sowie Rotbart, der Böse (ganz in Schwarz mit Grün). Benno, der Freund von Siegfried, und Wolfgang, der Erzieher des Prinzen, waren wie andere mehr (darunter Hofnarr und Höflinge) nicht vonnöten, um die „tragische Geschichte um Odette, die nachts zum Schwan wird, und Prinz Siegfried, der ihr Herz gewinnt“, wie es in einer Grand-Classic-Ballet-Pressemitteilung heißt, auf die Bühne zu bringen.

Rotbart, der sich jede Nacht in einen Raben verwandelt und über die Wälder fliegt, fegt im Federkleid über die Bühne des Delphi-Theaters. Rot ist nur sein Herz zu sehen wie die Blässe im Gesicht, die sein Außenseitertum und seinen ausgezehrten Charakter. „Eines Tages“, so heißt es im Programmheft, „fällt ihm Odette ins Auge und er verlangt, sie soll für immer ihm gehören. Doch Odette weist ihn zurück. Zur Strafe verurteilt Robart sie zu einer ewigen Verdammung: Bei Tagesanbruch verwandelt sie sich in einen Schwan und nachts bei Mondschein, wird sie wieder zu einer jungen Frau. Nur derjenige, der sie wirklich liebt, kann sie vom Zauber erlösen, jedoch muss der Auserwählte vor aller Welt seine wahre Liebe schwören. Seit diesem Fluch ist Odette auf dem See gefangen, während Rotbart aufmerksam darüber wacht, ihre Hoffnungen auf eine Freilassung nicht in Erfüllung gehen zu lassen.“

Grand Classic Ballet von Konstantin Rain, dem Produzenten und künstlerischen Leiter der Aufführung, bringt das Bühnenwerk Schwanensee, dem eine gewisse Wintertradition beigemessen wird, das ganze Jahr auf die Bühne und also auch im Hochsommer. Das Klirren von Glas und Knacken von Schokoladen statt Knistern von Kerzenlicht und Knirschen von Schnee hat auch was, aber was?

Auf der Heimatseite von Grand Classic Ballet heißt es zur Schwanensee-Aufführung: „Für uns ist Ballett mehr als Tanz. Es ist eine Sprache der Seele – eine Kunst, die ohne Wort erzählt und doch alles sagt. Jedes Jahr, wenn wir aufbrechen, begegnen wir Menschen, die diese Magie seit Jahrzehnten mit uns teilen und ebenso vielen, die sie zum allerersten Mal entdecken.“ Wenn dies das Wahre, Schöne und Gute ist, dann gerne das ganze Jahr.

Die Interpretation von Schwanensee am Weißensee hat mir im Delphi-Theater gefallen, weil sie nah am Publikum geboten wurde. Auch Elizaveta Taranda, die Primaballerina des Grand Classic Ballet, tanzte sich nicht nur in das Herz des Prinzen. Gleiches gilt für das Streichquartett, auch wenn die Akustik der Räumlichkeit durchaus etwas zu wünschen übrig ließ. Das Gefühl von Kammermusik und -ballett macht das seltene Kammerkratzen und -quietschen wieder wett. Die intime Atmosphäre tat ihr übriges. Keine Frage, daß „der kammermusikalische Klang … feine Nuancen“ hervorbringt und manche Bewegung sowie manchen Ausdruck „intensiviert“.

Der abschließende wie anhaltende Beifall mit Bravo-Rufen war allen auf der Bühne und dem Balkon, wo die kammermusikalische Besetzung platziert wurde, sicher. Breite Zustimmung für die Berliner Produktion zu der es in einer Pressemitteilung vom 28.5.2026 heißt: „Mit der neuen monatlichen Berliner Reihe erweitert die Compagnie nun ihr Repertoire um ein besonderes atmosphärisches Erlebnis rund um den berühmtesten Ballettklassiker der Welt.“

Darüber hinaus wurde darüber informiert, daß „das konzeptionelle Fundament … vom Produzenten Konstantin Rain, der den Klassiker bewusst neu gedacht hat – näher am Publikum, flexibler im Raum und offen für neue Ausdrucksformen, ohne seine klassische Identität aufzugeben“, stamme. „Die choreografische und szenische Gestaltung wird geprägt von Anastasia Isaeva, ehemalig Primaballerina und heutige Ballettdirektorin und Ballettmeisterin. Ihre Erfahrung verleiht der Inszenierung Klarheit, Balance und dramaturgische Präzision. Ergänzt wird diese Handschrift durch Elisabeth Taranda, aktive Primaballerina der Compagnie. Ihre aktuelle Bühnenpräsenz und emotionale Unmittelbarkeit fließen direkt in die Inszenierung ein – auf und hinter der Bühne. Gemeinsam formen sie eine Schwanensee-Fassung, die Tradition respektiert und zugleich neu atmet: intensiv, zeitgemäß und überraschend nah.“ Wohl wahr!

Das große Werk bekommt auf der kleinen Bühne eine persönliche Note. Anders formuliert: „Schwanensee — Jenseits der Bühne“ hat Charme. Die Beteiligten auf Bühne und Balkon bezaubern auf ihre Weise. Schwanensee in Weißensee ist eine erfrischende Erfahrung wie ein Bad im Weißen See. Und das ist nicht nur gut so, sondern auch das Wahre, Gute, Schöne in einer Welt der Ware und des Spektakels.

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