Frankreichs koloniales Wüten in Afrika – Annotation zum Buch „Afrika, in Ketten“ von Albert Londres

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"Afrika, in Ketten" von Albert Londres. © Die andere Bibliothek

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Den französischen Schriftsteller und Journalisten Albert Londres kann man getrost als leidenschaftlichen Kämpfer für die Menschenrechte bezeichnen.

Bis zu seinem schrecklichen Flammentod an Bord eines Luxusdampfers im Jahr 1932, er war auf dem Rückweg aus Shanghai, wo er über die organisierte Kriminalität recherchierte, beschäftigte er sich mit den menschlichen Auswüchsen rücksichtsloser Geld- und Machtgier.

Er bereiste Asien, die Sowjetunion, wie auch französische Kolonien und nahm in seinen daraus entstandenen Reportagen bezüglich der Verhältnisse vor Ort kein Blatt vor den Mund.

„Afrika, in Ketten. Reportagen aus den Kolonien“ ist ein zweigeteiltes Buch. Im ersten Teil bereits Londres 1928 Französisch-West- und Äquatorialafrika, um mit eigenen Augen zu betrachten, wie genau es die französische Kolonialmacht mit der Ächtung der Sklaverei nahm.

Unter anderem besucht er die im Bau befindliche Bahnstrecke der „Kongo-Ozean-Bahn“, wo er erlebt, dass ein schwarzer Mensch und dessen Leben nichts wert ist, wenn es um die Interessen der imperialistischen Besatzer geht. Die in Sklaven-ähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen lebenden Ärmsten der Armen werden gnadenlos an den Baustrecken verheizt. Die weiße Oberschicht und ihre schwarzen Lakaien und Befehlsempfänger leben auf Kosten der besitzlosen Minderheit, die über keine politische Macht verfügt. Eine Frau ist weniger wert als eine Kuh, es gibt kein soziales Netz, in den Kolonien herrscht das Recht des Stärkeren.

Es sind grausame Reportagen, die Rechtsprechung bevorteilt die Weißen und ist zutiefst korrupt. Sadisten, Frauenversklaver, irre Vergewaltiger und windige Glücksritter sind kleine Könige in den Kolonien, die über Wohl und Wehe der Menschen brutal entscheiden.

Londres Stil ist sachlich und fast ein wenig empathielos, besonders wenn er über die schwarzen Opfer schreibt. Nichtdestotrotz ist es eine mutige Anklage gegen das koloniale System, die ihm in der Heimat wenig Freunde brachte.

Er wurde als Nestbeschmutzer und Scheinpatriot beschimpft, auch weil er im 2. Teil des Buchs schonungslos über grausige Strafkompanien der französischen Armee in Marokko schreibt, wo Zustände wie in Dantes Vorhölle herrschen. Der Bodensatz Frankreichs wurde abgestellt, um Soldaten wegen einfachster Vergehen das Leben zur Qual zu gestalten.

Ein bitteres Buch der europäischen Aufklärung, verfasst von einem Überzeugungstäter, der sich einzig der Wahrheit verpflichtet fühlte.

Bibliographische Angaben:

Albert Londres, Afrika, in Ketten, Reportagen aus den Kolonien, Band 424, 300 Seiten, Übersetzung: aus dem Französischen von Petra Bail und Yvan Goll, mit einem Nachwort von Irene Albers und Wolfgang Struck. Buchgestaltung: Nicole Pfeiffer, Hamburg, Einband aus metallisch durchsetztem Naturmaterial, Verlag: Die Andere Bibliothek, Berlin 2020, ISBN: 3-847-7042-49, Preis: 44 EUR

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