Neues Einkaufswunderland. Einkaufen jetzt billig! Wo? Was? Wieviel?

1
189
Mehrwertsteuersenkung, Aufsteller Kundenwerbung am 2.7.2020 Joachimstaler Straße/ Joachimsthaler Str. in Berlin-Charlottenburg
Umsatzsteuersenkung ("Mehrwertsteuer") ab 1.7.: Werbung an einem Berliner Geschäft in Ku'dammnähe (Textileinzelhandel). © Copyright Photo/BU: Andreas Hagemoser, 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Lange haben wir gebeutelten Deutschen (und in der Bundesrepublik wohnenden) warten müssen (ganze drei Wochen), damit endlich das Einkaufsparadies Deutschland ausbricht. JETZT IST ES SOWEIT! Runter vom Sofa, rein in die Puschen, die Wirtschaft retten! Gerade sind 230 Milliarden bewilligt worden, die muss der Staat zurückkriegen! Jetzt können wir die Innenstädte retten, den Einzelhandel (OKAY, Karstadt und KAUF-Hof nicht mehr), das Land, die Staatsfinanzen, Deutschlands Ruf in der Welt … und das einfach nur in dem wir SHOPPEN gehen! Ist das geil! Geiz ist geil, aber Einkaufen ist noch besser, wenn man dabei die Welt retten kann! Ein Solaraufladegerät fürs Handy oder eine Balkonsolarzelle sowie ein Fahrrad statt BMW (und wenn, dann einen elektrischen) retten sogar noch das Klima, also doppelt.

Doch auch Klopapiervorräte lassen sich jetzt in deutschen Landen günstiger anlegen. Ob die Regale dann wieder so leer werden werden wie weiland zu Kronen-Zeiten, wird sich zeigen.

Wer Wirtschaft und Klima jetzt stärken will, sollte Made in Germany bevorzugen und dem „buy local“ folgen, oder, auf deutsch: Kauf örtliche Erzeugnisse.

Konkurrenz auch bei Geldregen und Kaufanreizen

Die „systemrelevanten“ Geschäfte wie Super- und Getränkemärkte oder Discounter nutzten die seit Anfang Juni angekündigte Entscheidung der Regierung, die Umsatzsteuer* zu senken, für ihre eigenen Zwecke. Ende Juni preschte die Lidl-Stiftung vor. Ab dem 22. Juni 2020 senkte Lidl die Preise, obwohl die Steuersenkung noch gar keine beschlossene Sache war. Erst am 29. Juni 2020 stimmten Bundestag und Bundesrat in Berlin zu. Die Legislative hatte damit die Senkung zum Gesetz gemacht. Alles andere waren nur Ankündigungen und Pläne gewesen. Lidl hatte es damit in die Presse geschafft und sich in gewisser Weise einen Vorteil verschafft. Albrecht (Aldi) und Lidl sind weltweit tätig. Vor kurzer Zeit lag Aldi bei etwa 37 Milliarden, Lidl etwa bei 30, versucht aber aufzuholen. Anscheinend mit allen Mitteln. Aldis Antwort oder unabhängige Entscheidung: Preissenkungen effektiv seit dem 27. Juni. Recht früh hatten fünf systemrelevante Versorger, so auch Rewe, Edeka und Globus, das Weitergeben der Steuersenkung an die Kunden verkündet.

Inzwischen versüßt Aldi den Kunden den Einkauf zusätzlich. Dem Vernehmen nach gibt es nicht nur einen Preisabzug wegen der Mehrwertsteuersenkung, sondern auch noch bis zu ein Prozent oben drauf. Je nach Sortiment. Das sieht aus wie 4 Prozent. Wie das konkret aussehen soll, konnte noch nicht recherchiert werden. Vielleicht bilden sich vor dem Discounter wieder Schlangen.

Andere Geschäfte (Kleidung) versuchen die Senkung zu unterbieten, indem sie mit halben Preisen werben.

Wieviel ist eigentlich die Ware billiger, wenn die Mehrwertsteuer 2 oder 3 Prozent weniger beträgt?

Sogar Aldi weist darauf hin, dass Pfand und Bücher nicht billiger werden. Die Buchpreisbindung ist einzuhalten. Bei anderen Kulturgütern sind es schon anders aus. Antiquarische Bücher unterliegen nicht der Preisbindung, bei diesen Büchern kann die Mehrwertsteuersenkung von 7 auf 5 Prozent also wirken. Händlerabhängig. Denn es handelt sich bei der gesenkten Steuer ja um eine Umsatzsteuer, eine Steuer auf den Umsatz eines konkreten Unternehmens. Kleinunternehmer können unterhalb bestimmter Grenzen pauschal versteuern, gebrauchte Bücher von Privaten enthalten keine Steuer und werden also auch nicht billiger – jedenfalls nicht wegen der Steuersenkung -, das betrifft im großen Ganzen auch Flohmarktware.

Teure Erstausgaben vom Antiquar, mit denen man vielleicht schon geliebäugelt hat, werden in der Regel etwas günstiger sein. Je teurer die Ware, desto größer die Preisersparnis. Es lohnt sich also im Juli, die aktuellen antiquarischen Angebote von Händlern zu durchstöbern auf Plattformen wie abebooks.de, booklooker.de usw. usf. Andere Kunden sind auch nicht dumm. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Bücher aus zweiter Hand sind immer Einzelstücke. Ist eines verkauft, ist es weg. Ersatz? Fraglich. In dem Zustand jedenfalls nicht.

Rechenbeispiel

Kostete eine Ware mit vollem Steuersatz bisher netto 100 Euro, bezahlte man 119,- Würde die Senkung voll weitergegeben, nur 100,- + 16,- = 116,- Aber vorsichtig: Die Ware ist nicht drei Prozent günstiger, jedenfalls nicht genau, selbst wenn der Händler centgenau weitergibt. Nur der Steuersatz ist 3 Prozent geringer, der Preis, den wir zahlen, sinkt nicht ganz soviel. Drei Prozent von 119 Euro sind 3,57 EUR. Der Preis sinkt in dem Beispiel aber nur um 3 Euro. Das sind: gut zweieinhalb Prozent.

Beispiele aus der Praxis – mit neuen Preisschildern und ohne

Bei Rewe sind alle Waren (neu) ausgepreist. Bei Lebensmitteln liegt der Steuersatz nun bei 5 %, zwei Prozentpunkte weniger als bisher. Ein Sechserpack Bio-Eier kostet in Berlin beispielsweise 2,25, auf dem Preisschild steht genau das. Vorher kosteten die tierischen Produkte vermutlich 2,29 EUR. Ein Prozent davon sind 2,29 Cent, zwei Prozent sind 4,58 Cent, abgerundet 4 Cent, die tatsächlich zum Abzug gebracht werden.

Rechnet man bei Lebens- und Nahrungsmitteln mit 2 Prozent, landet man ziemlich richtig.

Ein weiteres Beispiel: Ein Bioladen in Charlottenburg-Wilmersdorf, „Landverte“. Alle Waren waren und sind genau gleich ausgepreist, an der Kasse erhält man aber circa 2 Prozent Rabatt. Die Preisschilder wurden nicht verändert. In einem Geschäft, das Umweltschutz und Müllvermeidung im Blick hat, kein Wunder. Franz-Brötchen zum Beispiel kosten auf den ersten Blick immer noch 1,89, 1,99 oder 2,20 – je nach Sorte. Nimmt man zwei verschiedene hochpreisige, ergäbe sich 1,99 + 2,20 = 4,19. Bezahlen müsste man im Moment aber nur 4,11 Euro. Zwei Prozent von gut 4 Euro sind etwa 8 Cent. Alles stimmt. So verdient man Vertrauen.

Geht es jetzt mit dem Land und der Kultur wieder bergauf?

Es ist nur recht und billig, zu glauben, die Steuersenkung bringe den Umschwung. Ganz falsch ist die Steuersenkung wohl nicht, spielt sie doch Wirtschaftsexperten wie Ulrike Herrmann in die Hände. Sogar der Moderator der Heute-Show ließ ein gutes Haar an dem Plan. Er musste zugeben, dass die Regierung sich etwas Gutes ausgedacht habe, da immerhin alle Käufer etwas davon haben. Eine Linke kritisierte, dass Reiche sich mehr kaufen könnten und deshalb mehr gewännen. Man kann nicht alles haben.

Besonders gebeutelt waren im zweiten Quartal (Q2) die Reisebranche, die Gastronomie, die Messebauer und, neben anderen, vor allem die Kultur. Kinos, Theatern und ähnlichen Betrieben wird die Senkung in jedem Fall helfen, zudem ja im Zweifel der Vorteil einbehalten werden kann und nicht weitergegeben werden MUSS. Die Politik setzt darauf, dass Verbraucherschützer und Kunden die Weitergabe kontrollieren und den Einbehalt des Vorteils seitens der Unternehmen abstrafen werden.

Welche Steuer und wieviel? Voller, halber und ermäßigter Satz

*Umsatzsteuer heißt die Steuer eigentlich, im Volke ist die Bezeichnung Mehrwertsteuer mehr wert, da gebräuchlicher (Abkürzung MWSt.).

Der volle Satz betrug bis zum 30.6.2020 19%, der ermäßigte 7% (gilt unter anderem für Lebensmittel, Bücher und Hotelübernachtungen).

Ab 1. Juli 2020 gelten nun die Sätze von 16 und 5 Prozent.

Früher hieß der ermäßigte Mehrwertsteuersatz auch halbe Mehrwertsteuer, zum Beispiel 1997 bei 14 und 7 Prozent. Die Mehrwertsteuererhöhung 1998 um einen Prozentpunkt (des vollen Satzes) auf 15, die nach der Meinung mancher Beobachter der konservativen Regierung Kohl den Wahlsieg kostete und Schröder und Rot-Grün erst ihr Wirken ermöglichte, führte zu einer auseinandergehenden Schere zwischen vollem und „halbem“ Satz, da der ermäßigte Satz nicht angehoben wurde, sondern bei 7 Prozent blieb, auch in der Folge bis heute. Der volle Satz stieg von 15 weiter auf 16 und 19. Bis 31.12.2020 bleibt er ein halbes Jahr bei 16%.

Die Unternehmen müssen die Steuerheruntersetzung nicht weitergeben und haben, wenn, die Möglichkeit, das auf verschiedene Art zu tun, gleichmäßig auf alle Artikel verteilt oder schwerpunktmäßig. Die Preisauszeichnungspflicht wird wegen dieser Änderung teilweise gekippt, weil das Auszeichnen der Ware bundesweit Millionen kostet. Nach Silvester 2020 hätte dann alles wieder rückgängig gemacht werden müssen; es sei denn, die Preise hätten sich zwischenzeitlich aus anderen Gründen geändert.

Fazit

Der ganze Vorgang ist ähnlich wie die Pandemieerklärung und die Kontaktbeschränkungen mit ihren psychischen Folgen ziemlich einmalig.

Die Mehrwertsteuer wird normalerweise immer erhöht, nicht gesenkt. Das war seit Jahren so, seit Jahrzehnten. Eine Ausnahme ist die Anpassung in einem multilateralen Kontext, als beispielsweise die Slowakei ankündigte, im Rahmen ihrer Europapolitik die wichtigsten Sätze auf 19 Prozent zu stellen.

Was kann der einzelne tun? Auf jeden Fall den Preisvorteil mitnehmen. Gegebenenfalls Anschaffungen vorziehen. Bücher, die man immer mal lesen wollte, jetzt schon besorgen, auch wenn man dieses Jahr meint, keine Zeit mehr zu haben. Und hoffen, dass alles gut geht. Jeder Betrag, der jetzt in die Kulturbranche, den Sortiments- und Antiquariatsbuchhandel und in den Kinobesuch fließt – die Liste ist nicht vollständig – ist zurzeit doppelt wertvoll. Viele bis März gesunde Unternehmen haben Kredite aufgenommen, deren Rückzahlung Ende September nicht gewiss ist. Wer etwas braucht oder demnächst brauchen wird, sollte jetzt zuschlagen.

Im Gegensatz zum Spenden, das während der Shutdown-Phase auch in Mode kam, haben auch Egoisten und Sparfüchse etwas von der Umsatzsteuersenkung. Es sei ihnen gegönnt. Ein bisschen Normalität tut gut. Lasst die Schnäppchenjäger doch mal durch! Kaufen und einkaufen – selten so wichtig und bedeutsam wie heute.

Es steht viel auf dem Spiel.

Steuer: Großes ‚S‘ und kleines ‚teuer‘

Vieles hat sich geändert. Manches davon wollen wir nicht auf Dauer geändert sehen.

Eines war sicher: Die Steuer. Großes „S“ wie Staat und kleines „teuer“.

Wenn sich das nun, wenn auch nur minimal und vorübergehend, ändert, sollte man sich freuen und mitmachen. Grund zur Freude gab es jüngst viel zu wenig.

Bevor es anfing, ging es noch um die Gesundheit. Wer hätte Anfang März das alles geahnt? Ein Beitrag vom 1.3.2020 im Kulturexpresso: https://kulturexpresso.de/virusbewusstsein-auf-berlinale-messen-und-flughaefen-geht-es-um-hygiene-und-einreiseberichte/

Am 21. März hieß es: Es kann nur besser werden. https://kulturexpresso.de/es-kann-nur-besserwerden-alte-lieder-mit-neuem-sinn-jetzt-neu-entdecken/

Anzeige

1 KOMMENTAR

  1. Auch bei Aldi sind alle Artikel neu ausgepreist. Die Preisschilder zeigen den neuen, ermäßigten Preis – zumindest ermäßigt im Sinne „weniger Mehrwertsteuer enthaltend“. Wer kann sich noch an alle alten Preise erinnern? Wer hat die alten Bons aufbewahrt?

    Für das klassische „Corona-Duo“ – Toilettenpapier + Nudeln – fallen unterschiedliche Steuersätze an, da Papier (also auch Küchenrolle) mit dem vollen Satz belastet wird; bis Ende Juni 19, nun 16 Prozent. (Lebens- wie Nährmittel ja nur mit 7, jetzt aktuell 5%).

    Da wieder alle Sorten Klopapier vorrätig sind, muss man auch nicht mehr das teure vierlagige nehmen und kann sogar das Recyclingpapier wählen. Auch das spart Geld, da 3lagiges Recyclingpapier 1 Cent weniger pro 100 Blatt kostet als nicht-recyceltes.