Immer wieder anders. Grüne Woche mit Rekord, hin zu diesem Ort

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Bei aller Raffinesse: Auf dass man das Brot nicht vergesse. Das tägliche wurde schon in der Bibel erwähnt. Usbekisches Brot in der Russlandhalle der Grünen Woche. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2019

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Bereits einen Tag vor Beginn, als die ersten Pressekonferenzen liefen, meldete die Messe Berlin: „Mit 125.000 Quadratmetern ist die zur Verfügung stehende Hallenfläche auf dem Berlin ExpoCenter City ausverkauft. Die Messe Berlin erwartet in den zehn Messetagen rund 400.000 Fach- und Privatbesucher.“ Der letzte Satz spricht noch von Erwartungen, doch der feststehende Rekord von 125.000 Quadratmetern spricht für sich, 2018 waren es noch nicht einmal 118.000. Vordergündig liegt das daran, dass die Modemesse Panorama sich diesmal nicht mit der Grünen Woche überschnitt.

Die Panorama ging vom 15.-17., die Internationale Grüne Woche Berlin (IGW) vom 18.-27. Januar 2019. In den Vorjahren flanierten Modefachbesucher von Grünwöchlern unbemerkt durch die Hallen 1.1 bis 6.1, während über ihnen die Grüne Woche in vollem Gange war in den Hallen 1.2 bis 6.2 und weiteren. Es war die 84.; die erste Grüne Woche 1926 füllte 7.000 Quadratmeter und es war noch keine internationale.

Rekorde haben also manchmal ganz banale Gründe. Wir kennen das vom deutschen Bruttosozialprodukt. Es erreichte unlängst von einem Jahr auf das andere Rekordniveau bei annähernd gleicher, sehr guter Wirtschaftslage. Was aber hatte konkret den obersten Platz auf dem Treppchen bewirkt? Nichts anderes als der Kalender. Es fielen in dem Jahr viele Feiertage auf einen Sonntag, dadurch wurde einen Tag länger gearbeitet. Das war es schon.

Dass Berlins Regierender Bürgermeister Müller nun stadtweit einen neuen Feiertag (wir berichteten) ausrief, wird dem Berliner Sozialprodukt, von dem unter anderem die Hartz-IV-Empfänger bezahlt werden, automatisch einen Dämpfer versetzen. Die Hartz-IV-Empfänger werden von dem Feiertag fast so wenig mitkriegen wie von dem Schuldenberg der Stadt, mit dem Unterschied, dass sie vielleicht im März bei Aldi vor verschlossenen Türen stehen werden.

Welcher Feiertag? Es ist der Tag, bis zu dem in Russland die Weihnachtsbäume stehen dürfen. Anfang März, von einer Deutschen erfunden. Woanders gefeiert.

Kein gewöhnliches Jahr

Bei der Internationalen Grünen Woche Berlin sind die verfügbaren 125.000 Quadratmeter (aus-)verkauft gewesen, das ist nicht selbstverständlich. Bloß weil sie zur Verfügung standen, hätten sie nicht ausgebucht sein müssen. Was also macht die Attraktivität aus? Und warum lohnt der Besuch jedes Jahr aufs Neue?

Die Berliner zumindest sind ja so leicht nicht aus der Fassung zu bringen. Damit sie endlich mal zuhause bleiben können und die Füße hochlegen – immerhin dauert jeder normale Weg von A nach B in der Hauptstadt 30-45 Minuten – sagen sich einige einfach: „Naja, auf der Grünen Woche ist es ja immer wieder dasselbe. Dieses Jahr muss ich da nicht hin.“ Das mit dem ‚müssen‘ stimmt im Prinzip und mal Pause machen ist eine gute Sache. Doch die zweite Januarhälfte ist dafür der falsche Zeitpunkt.

Ein paar wenige Gründe von vielen lassen sich sofort aufführen. Zwar sind einige Aussteller hier seit 20 Jahren Stammgäste. Herrmann‘s Gewürze, ein Familienbetrieb aus dem Saarland, ist seit 2 Jahrzehnten jedes Jahr dabei. Welcher Grüne-Woche-Dauerbesucher hätte nicht schon einmal die mit Mayonnaise und Ketschup angerührten Gewürzmischungen probiert, die zum Beispiel „Jambalaya“ heißen? Zwanzig Jahre sind noch nicht einmal ein Viertel von 84 und Herrmann‘s hat sich verändert, hatte jetzt einen zweiten Stand mit Biogewürzen.

Wela mit seinen Trockenmischungen und Pasten für Suppen und Saucen ist auch seit Jahren bekannt; wohl kaum ein Deutscher, der sie nicht schon einmal probiert hätte. Ihre Qualität hat sich gesteigert; viele löffelten ahnungslos die „leckere Suppe“, die ihnen die „Hausfrau nach Hausmacherart“ präsentierte. Doch auch hier gibt es neue Sorten und Produkte. Außer Spargelcreme- Kokos-Ingwer- oder Waldpilzsuppe.

Nicht zuletzt bietet Wela eine Kakaopulvermischung. Wer weder die Hausmarken der Discounter dauerhaft goutiert noch mit der Politik und dem Geschäftsgebaren der Weltmarktführer einverstanden ist, findet hier eine Alternative für seinen Frühstückskakao.

Erstes Fazit: Selbst die bekannten Aussteller bringen Überraschungen.

Echte Novitäten

Von Algen über Gojibeeren bis hin zu finnischen Eiweißriegeln gab es soviele Neuheiten, dass wir sie weder alle gesehen haben noch zählen können. Unzählige Neuheiten, im wahrsten Sinne des Wortes. Überhaupt Finnland. Von den Malzbrotbackmischungen, Knäckebrot, das nicht wie solches aussieht und Joghurt aus Hafer, das sich nicht so nennen darf, soll an anderer Stelle extra berichtet werden. Finnland war dieses Jahr Partner und das wird noch lange nachwirken. Es hat sich als Produzent außergewöhnlicher (Bio-) Lebensmittel ins Gedächtnis eingebrannt und zusätzlich als Reiseland.

Auch die Novitäten verdienen gesonderte Berichterstattung. Gojibeeren hatten wir in Japan verortet. Dass diese jetzt ausgerechnet in Südosteuropa angepflanzt werden, hätten wir weder klimatisch noch wirtschaftlich vermutet. Dass Goji für Superfood steht, ist bekannt. Das G von Goji gibt‘s jetzt aus Griechenland. Griechische Gojibeeren sind ganz groß im Kommen. Und woher kommen sie? Aus Korinth, nur 70 Kilometer von Athen entfernt am Isthmus. Die Rosinen im griechischen Kuchen waren bisher Korinthen; wer jetzt nach echten Rosinen sucht, pickt sich Gojibeeren heraus. Klein, rot, lecker und gesund.

Leckere tschechische Sanddorn-Rezepturen

Sanddorn aus Tschechien ist auch gesund, aber schon bekannt; irgendwie hat es die Familie von Ing. Pavel Cvrcek geschafft, Rezepturen und Erzeugnisse auf den Markt zu bringen, wonach die Leute Schlange stehen. Es verging kein Tag auf der Grünen Woche, wo man in den Durchgangshallen 8/10 in der Nähe des Großen Sterns bei Cvrcek-Sanddorn nicht auf eine Menschen-Traube stieß. Die Menschenmassen stockten, das Durchkommen war erschwert. Wohl dem, der kein großes Kamera-Equipment mit sich herumschleppen muss.

Erst am letzten Tag der Grünen Woche gelang es, am Ausgabefensterchen – eine Gewohnheit aus sozialistischen Zeiten oder dem knappen Platz geschuldet? – mit Pavla Hatasová zu sprechen. Pavla ist Pavels Tochter, aha. Ihr Nachname spricht sich Hataschowa. Sie hat einen Magister – tschechisch Mgr. – und ist für výroba zuständig, die Herstellung
– oder, wer das deutsche Wort nicht mehr versteht, die Produktion.

Pavel und die schöne, kompetente Pavla haben den Geschmack vieler Mitteleuropäer getroffen. Zum Beispiel mit einer Art Himbeer-Sanddorn-Marmelade, die Stärke enthält. Für Russen ein No-Go. Russische Varenje ist flüssig und wird zum Tee gelöffelt. Deutsche Marmelade enthält dagegen für viele Geschmäcker oft zu wenig Obst und schmeckt einfach nicht gut genug, selbst wenn sie aus Bad Schwartau in Schleswig-Holstein kommt.

Vielleicht ist es auch nur der Reiz des Neuen und Ungewöhnlichen, der das Internationale der Grünen Woche so gut schmecken lässt. Wer sich selbst überzeugen will, findet die Sanddornprodukte von Paul, Paula und Tatjana aus Lhota pod Libcany in unserem Nachbarland unter www.rakytnik.eu . Die Website ist auch slowakisch, deutsch und englisch.

Ob es nun schmeckt oder nicht, lässt sich mit Sanddorn zumindest die nächste Grippewelle elegant umschiffen.

Zum Markenzeichen gezeichnet eine lustige Grille, die einen Zapfhahn in eine riesige Sanddornbeere geschlagen hat und sich in ihre Bechertasse einen labenden Trank abfüllt.

Algen essen im Trend

Gesundheit bringen auch die Algen. Viele kennen wir nur aus Japan. Sie sind teuer, wie alle japanischen Lebensmittel, und seit Fukushima scheuen wir uns ein bisschen. Ähnlich wie bei den Gojibeeren findet sich hier eine europäische Alternative: Bioalegria-Algen aus Galicien. Eigenname: „Biofreude aus Spanien“. Alegria ist das spanische Wort für Freude, fängt aber auch mit Al- an und geht mit „eg“ weiter.

Erzeugnisse aus der EG oder EU sind immer auch eine Freude für das Kohlendioxidkonto. Gojibeeren aus Griechenland und Algen aus dem Atlantik statt aus Japan, Sanddorn vom Nachbarn statt aus der Ferne … bei aller Meckerei über Europa sollten wir das Energieplus nicht aus den Augen verlieren. Nicht nur bei den Algen, die ein eigenes Thema sind, auch in Berlinalefilmen. Und gerade immer wieder zum Thema CO2 um Verwüstung zu verhindern, sprich: globale Erwärmung anzuhalten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Garten seines Amtssitzes. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Noch gar nicht erwähnt wurde die Politikerschwemme auf der Berliner Internationalen Grünen Woche, über 70 Minister reisten an, darunter die wichtigen deutschen für Landwirtschaft und Umweltschutz. Nicht zu vergessen der erste Mann im Staate, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

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