Liechtensteiner Schweinsülze mit Goldrand – Zum Roman „Für immer die Alpen“ von Benjamin Quaderer

0
266
"Für immer die Alpen" von Benjamin Quaderer. © Luchterhand

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ich weiß nicht, was ihr die ganze Zeit so treibt, was mich betrifft, kann ich behaupten, im Good old Coronajahr stellen die 592 Seiten Quaderer kein Lese-Problem.

Und glaubet mir, es ist nicht so übel, was der schnauzbärtige Bohrmaschinenvertreter (unendlicher Spaß!), ich meinen den jungen Dichter, in fünf Jahren für uns über die (dummen?) Streiche der Liechtensteiner mit Witz, Fabulierlust und Erfindungsreichtum aufgeschrieben hat.

Wir kennen das irgendwie überflüssige Fürstentum Liechtenstein nur aus der Philatelie und dem Steuerbetrug. Ganz dunkel erinnern wir uns an die Nullerjahre, als dieser kosmische Pinsel=Fürst das deutsche Steuersystem als das unfairste auf der ganzen Welt charakterisierte, weil es reichen Menschen nicht die Möglichkeit gab, auf Kosten der Allgemeinheit noch reicher zu werden. Im guten alten Bananenrepublikstyle bastelte sich der kleine Fürst ein höchst schlüpfriges Bankensystem in seinem Puppenstubenland zusammen, dass schon alsbald Steuerbetrüger vom allerfeinsten anzog wie die Motte das Licht. Leider, leider hatte der Pippiefürst als Obermotte vergessen, dass es hässliche Berufe wie den des Mottenkugelherstellers gibt.

Gut, ich will euch nicht länger mir Steuerscheiß langweilen, jedenfalls gingen Pippiefürst und Pippieland baden und einigen fiesen Steuerbetrügern wurde da und dort die eiserne Jungfrau angelegt.

Zurück bleiben ein verbitterter Pippiefürst, der den ganzen Laden beizeiten seinem Sohn vermachte, sowie eine Geschichte von bösem Betrug, die ihrer literarischen Aufarbeitung entgegenfieberte.

Justament fand sich mit Benjamin Quaderer ein einheimischer Jungdichter, der mit Puppendoktorpillebrille, fieser Rotzbremse und Basecap bewaffnet dem ganzen Geraffel auf den Grund ging, soll heißen in Eulenspiegelmanier einen traurigen Verlierer nebst herzzerreißender Looser-Story schuf. Hot-Literatur vom Feinsten! Quaderer erweist sich als Anwärter der hohen Buchstabensuppe.

Jaja, der Roman um den Herrn Johann Kaiser, je nach Ansicht ein Whistleblower, mieser Betrüger, KleinStaatsFeind, Robin Hood der deutschen Finanzämter, liest sich größtenteils ganz fetzig weg, auch wenn der Jungdichter uns mitunter ordentlich einseift und mit eingeschobenen literarischen Experimentchen und doofen Mätzchen (Metaebenen, parallel gesetzte Erzählstränge (Seite 418-497), halbeitle Fußnoten) unnötig nervt.

Wundervoll sind seine zwei Anspielungen auf unser aller Gott Roberto Bolano, dem er auf den Seiten 102 und 112 ein kleines Insiderdenkmal setzt.

Vergleiche mit Bolano unterlassen wir mal heute, Quaderer hat mit „Für immer die Alpen“ ein anständiges Debüt hingelegt, ob es die kolportierten 100.000 Euro Vorschuss wert ist, bläst uns der Wind (my Friend) die nächsten Monate.

Bibliographische Angaben:

Benjamin Quaderer, Für immer die Alpen, 592 Seiten, fester Einband mit Schutzumschlag, Format: 13,5 x 21,5 cm, Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 9. März 2020, ISBN: 978-3-630-87613-9, Preise: 22 EUR (Deutschland), 22,70 EUR (Österreich), 30,90 SFr (empfohlener Verkaufspreis)

Anzeige