Die italienische Ultrabewegung zwischen zwei Buchdeckeln – Annotation zum Buch „Stadionrebellen – eine Geschichte der italienischen Ultrabewegung“ von Pierluigi Spagnolo

"Stadionrebellen" von Pierluigi Spagnolo. © Erlebnis Fussball

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Letzten Herbst erschien das Buch „I ribelli degli stadi“ von Pierluigi Spagnolo ufogleich am italienischen Bücherhimmel. Es eroberte im Flug die Herzen und Hirne der italienischen FußballfreundInnen. Nun ist es, übersetzt vom Fußballkenner und Wahlitaliener Kai Tippmann, im Erlebnis Fussball-Verlag zu Leipzig erschienen. Die Leipziger hatten sich pfeilschnell die Rechte gesichert. Italien gilt als Vater- und Mutterland der Ultrabewegung, insofern ist das Interesse in deutschen Ultrakreisen groß. Gespannt sind aber auch FußballfreundInnen ohne Ultrahintergrund.

Der Verlag hat sich für ein Taschenbuch entschieden, das ist ok, weil die Fotos nettes Beiwerk sind, das Hauptaugenmerk liegt auf den Texten Spagnolos, der in angenehmer Distanz über Ultras in Italien berichtet.

Spagnolo stammt aus Bari, zu seiner Fußballsozialisation sagt er altravita.com: „Ich bin 42 Jahre alt, in Bari geboren und ich lebe und arbeite seit 2012 in Mailand. Ich bin Journalist und arbeite für die Gazzetta dello Sport, die wichtigste italienische Sporttageszeitung, eine der ältesten Europas (die Gazzetta wurde vor 123 Jahren gegründet). Ich habe als Kind angefangen, ins Stadion zu gehen, mit 7-8 Jahren, mit 12-14 Jahren bin ich dann allein in die Kurve gegangen. Ich habe nie aufgehört, die Kurve meines Vereins zu besuchen, die Ccurva Nord von Bari. Auch heute noch folge ich, wenn es meine beruflichen Verpflichtungen zulassen, der Mannschaft auswärts (nach der Pleite im Sommer 2018 spielt Bari aktuell in der Serie C) oder gehe zu den Spielen im Stadio San Nicola von Bari.“

Bari in der Serie C, schöner kann es kaum sein, der Verdacht großkopfetigen Sportjournalismus fällt aus, weil Spagnolo in der Kurve steht und über alle Ultrabelange gut informiert ist. Er erzählt von den schönen und schmutzigen Momenten der Ultrabewegung. Politik, Drogen, formidable Beleidigungen, Gewalt, Tiere im Stadion, erste weibliche Ultragruppen. Er spart nicht an Kritik, erklärt den politischen Rechtsruck in den italienischen Kurven, informiert über die größtenteils linken Kurven der Anfangszeit, als der 68er-Funke im Stadion auf die Fans übergriff und die 14jährigen Rabauken ihre ersten Sträuße mit Polizei, generischen Fans und ihren Eltern ausfochten.

Den Erfolg des Buches in Italien lassen wir Spagnolo selbst erklären: „Vielleicht hatte die Welt der italienischen Ultras, der sich zwei Generationen von Fans und zehntausende Personen zugehörig fühlen, wirklich ein Buch nötig, dass die Geschichte einmal ohne die üblichen Stereotypen erzählt. Das Buch wird als ein ehrlicher Text aufgenommen, ausgeglichen, objektiv, aber mit der Leidenschaft eines Menschen geschrieben, der wirklich die Kurven frequentiert hat. Jemand, der die Welt der Ultras kennt und wirklich liebt. Vielleicht steckt das Geheimnis des Erfolgs in diesem Aspekt.“

Das Buch ist gelungen, es gehört in jedes wohlsortierte Fußballbuchregal. Spagnolo idealisiert nicht, er bügelt weder glatt noch wirbelt er im Boulevardstil Dreck auf. Spagnolo hat nach dem Sound von Ultra gehascht, er hat ihn eingefangen. Uneitel, informativ, mit Herzblut.

Bibliographische Angaben:

Pierluigi Spagnolo, Stadionrebellen – eine Geschichte der italienischen Ultrabewegung, 287 Seiten, Übersetzung: Kai Tippmann, Verlag: Erlebnis Fussball, Leipzig 2020, ISBN: 978-3-00064-378-7, Preis: 19,95 EUR (D)

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