Im Herz der deutschen Nazibestien – Zum Roman „Ritchie Girl“ von Andreas Pflüger

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"Ritchie Girl" von Andreas Pflüger. © Suhrkamp

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Andreas Pflüger hat mit Ritchie Girl ein recht lesbares Zwitterwesen aus Roman und Krimi geschaffen. Wer Hochliteratur erwartet, wird enttäuscht sein, auch Psychologen werden das Buch womöglich zur Seite legen. Wer aber einen feinen Schmöker für die Mußestunden des Frühherbstes sucht, wird voll auf seine Kosten kommen. Manchmal gehen die Gäule leicht durch, wenn aus Suspensegründen die sprachliche Akkuratesse und der denkrichtige Aufbau in den Hintergrund treten. Gehobene Unterhaltung, politisch angenehm linkslastig, wenn die Zeitgenossenschaft von Weizsäcker als Herrenreitermoralist und Stefan Heym als aufgeweckter Geist skizziert werden. Manchmal etwas viel Namedropping, weil auch Nixon, Adenauer, Klaus Mann, Hemingway, Marlene Dietrich, Robert Kempner, Ilja Ehrenburg, Oskar Schindler usw. usf. ihren Auftritt haben. Ja Herr Pflüger, sie sind gelehrig und kennen alle.

Der Verlag sagt: „Paula Bloom kehrt nach ihrer Ausbildung in Camp Ritchie, Maryland als amerikanische Besatzungsoffizierin in ein zerstörtes und gebrochenes Deutschland zurück, das sie vor neun Jahren über Nacht verlassen hatte. Als Tochter eines amerikanischen Geschäftsmannes führte sie im Berlin der Nazizeit ein Leben im goldenen Käfig. Ein Leben, das eine Lüge war. Jetzt glaubt Paula, dass sie niemals vergeben kann. Nicht den Deutschen. Und nicht sich selbst.“

Die Amis wollen einen deutschen Nachrichtendienst aufbauen, natürlich mit Altnazis wie Gehlen & Co. Die Russen/Kommunisten sind der neue Feind, einen braucht man, schließlich kurbelt das die Industrie an. Spione taumeln durch Frankfurt, Paula versucht rauszubekommen, wer gut und wer böse ist. Im Spionagegeschäft eine traditionell schwer, bis nicht zu beantwortende Frage.

Paula ist ganz schön mit ihren Dämonen und Dämonchen beschäftigt, das ist mitunter schön böse, wenn beispielsweise das Aufhängen der Hauptkriegsverbrecher beschrieben wird, oder die recht drastische Rache an Nazischweinen (Hände und Füße abhacken), das ist schon Tarantinomässig, erfreut aber vielleicht die Lesejugend? An die sollte auch denken. Ebenso an die Liebe, nebst Schuld uns Sühne die Haupttriebfedern der Heldin Paula.

Ok-es Buch, leicht übermotiviert.

Bibliographische Angaben:

Andreas Pflüger, Roman, 464 Seiten, fester Einband mit Schutzumschlag, Format: 13,6 x 21,4 x 3,8 cm, Gewicht: 580 g, Verlag: Suhrkamp, Berlin, 1. Auflage, 11.9.2021, ISBN: ‎978-3-518-43027-9, Preise: 24 EUR (Deutschland), 24,70 EUR (Österreich), 34,50 SFr, auch als E-Buch erhältlich für 20,99 EUR

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