Immer ein Ass im Ärmel, meistens zwei – Annotation zum Roman „Katzensprung“ von Uwe Preuss

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"Katzensprung" von Uwe Preuss. © S. Fischer

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Alles, was ich vorab über Uwe Preuss hörte, klang fesselnd. Jugend in Dresden, aufsässiger Geist, Lehre geschmissen, ans Theater will der Knabe. Zuerst mussten kleine Umwege bewältigt werden, wie der Job als Totengräber und später als Bockwurstkoch in der Bauarbeiterversorgung. Mitte der 80er Jahre dann von Dresden ab nach drüben und endlich Schauspiel studiert. OK, das hatte man ihm in der DDR auch angeboten, aber vorher ab zur Nationalen Volksarmee. NVA war nix für Rebellen, eh klar.

Heute kennen alle Fernsehmenschen Preuss als Kriminalhauptkommissar Röder, er leitet das Rostocker Ermittlerteam im Polizeiruf 110 um den bockigen Bukow. Den Chef gibt Preuss solide, ein netter Herr mit wenig Haar und viel Brille, der den Berserker Bukow machen lässt. Zurückhaltung ist auch eine Haltung.

Als Autor steht Preuss für soliden Angriff aus gesicherter Abwehr. Seine Helden sind die eigene Familie. Ob echt oder erfunden, ist eigentlich egal. Oma ist die Beste, Opa ein Hallodri, in Dresden wachsen die schönen Mädchen auf den Bäumen. Die Eltern nehmen den jungen Uwe mit nach Brasilien – Abenteuerherz, was willst du mehr!

Lakonische Sprache, kurze Sätze. Sehr konsequent. Überragend auf den Punkt gebracht. Ohne Belehrungen und moralisches Geschwurbel. Liebe wird gemacht. Es wird gestorben, gelebt.

Der Autor Preuss ist ein fetziger Außenseiter. Seine Protagonisten sind mehr oder weniger ehrliche Häute und Geradeaustypen. Die Blumenfrauen vom Friedhof trinken zum Frühstück ihr erstes Bier. Preuss‘ Frauenfiguren stehen im Leben wie ne eins!

Die Lektüre von „Katzensprung“ macht Spaß, der Text ist herrlich aus der Zeit gefallen. Erinnert an die Storys von Klaus Schlesinger oder Plenzdorf. Ohne Schmus: „Einiges passiert. Nichts Besonderes. Wir bleiben im Gespräch.“

Er hat lange an den Sätzen gefeilt, muss ja nicht schreiben, um Geld zu verdienen. Besonders gefallen haben mir das Rummelplatz- und das Totengräberkapitel: „Ich stehe bis zu den Knien im Schlamm und dem Gerassel von Herrn Müller. Sehe ein Stück Becken, und das könnte ein Oberschenkelknochen sein. In den Stiefeln quietscht die Nässe zwischen meinen Zehen. Aber was soll`s, ich kann jetzt nicht die Schuh wechseln. Hole mir Bretter, verschale die eingestürzte linke Seite und schaufele Herrn Müller wieder rüber. Auch die fetten Würmer. Mensch Erwin, muss das sein? Morgen kommt deine Frau!“

Literarische Moden und Trends interessieren Preuss nicht. Was gerade im Literaturbetrieb In ist? Er schreibt, fertig! Und kein Blurb einer Betriebsnudel verschandelt das Cover. Er dichtet seinen Preuss-Blurb selber: „Alles Überflüssige raus. Keiner will alles erklärt bekommen. Auch Sinnlichkeit nicht.“

Obwohl die Liebe natürlich vorkommt, wer kann schon ohne sie leben. Genial die Geschichte, wie er der Liebe wegen zum Fasching über die damalige CSSR illegal in die DDR einreist, maskiert den Karneval mitnimmt: „Und schnell wieder raus. Später Akteneinsicht. Glück gehabt.“

Kaufen, lesen.

Leider ist das Buch viel zu kurz. Preuss erzählt fabelhafte Geschichten, kommt bald Teil zwei?

Bibliographische Angaben

Uwe Preuss, Katzensprung, 176 Seiten, Format: 12,9 x 21 x 1,77 cm, fester Einband, Verlag: S. Fischer, 1. Auflage, Frankfurt am Main, 4.3.2020, ISBN: 978-3-10-397426-3, Preis: 20 EUR (Deutschland), 20,60 EUR (Österreich). Auch als E-Buch erhältlich: ISBN: 978-3-10-491029-1, Preis: 16,99 EUR

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