Kultur braucht den Stempel „Existenzrelevant!“ – Der Leipziger Komponist Aristides Strongylis im Interview zur Lage der Künstler in der Krise

Der Komponist Aristides Strongylis. © 2020 Foto/BU: Marianne H.-Stars

Leipzig, Deutschland (Kulturexpresso). Der am 8. Juli 1974 in Athen geborene Komponist Aristides Strongylis im Intervierw mit Marianne H.-Stars.

H.-Stars: Wie haben Sie die Corona-Krise bisher überstanden?

Strongylis: Mir geht es gut, danke, allerdings musste ich Einschnitte hinnehmen. Die große Uraufführung meines neuen Werkes in Koblenz war für Oktober geplant und wurde nun auf den 30. Mai 2021 verschoben. Etliche Konzerte sind abgesagt worden. Ich kann nicht sagen, dass ich diese Phase genieße. Wir werden weiterhin aufpassen müssen.

H.-Stars: Ist es gerechtfertigt, die gesamte Kultur herunterzufahren?

Strongylis: Statt Musiker und andere Künstler zu bestrafen, müssen wir einen anderen Weg finden. Alle ächzen, auch die hinter den Kulissen, wir hängen alle voneinander ab. Aber die komplette Kultur eines ganzen Landes zu schließen, diese Botschaft ist nicht richtig. Ich bin kein Corona-Leugner, ich halte die Hygiene- und Abstandsregeln streng ein, aber ein komplettes Herunterfahren geht an die Substanz. Die Seele eines ganzen Volkes leidet darunter und wird beschädigt. Gerade in schwierigen Zeiten ist ein Kulturleben von dringender Notwendigkeit.

H.-Stars: Kann man aus der Krise lernen?

Strongylis: Ja, ich habe etwas gelernt, das mir völlig neu war. Ich habe gelernt, dass das, was ich tue und liebe, nicht systemrelevant ist. Glauben Sie mir, der Mensch braucht  die Kultur, damit die Seele angesprochen wird. Was unterscheidet ihn sonst von einem Nutztier? Deshalb braucht die Kultur den Stempel „Existenzrelevant!“

H.-Stars: Sie leben schon über 20 Jahre in Leipzig und sind ein viel gefragter Komponist. Was war Ihr größter Erfolg?

Strongylis: Das war 2018 die Uraufführung „Engel der Hoffnung“ im Gewandhaus unter Andris Nelsons zum 275. Geburtstag des Gewandhausorchesters. Ich fühlte mich angekommen und anerkannt. Das war eine riesige Ehre für mich, ein Ritterschlag. Als ich 1999 von Athen nach Leipzig zum Studium kam, war ich erst 25. Da stand ich vor dem Gewandhaus und habe mich gefragt, wann wird es soweit sein, dass in diesem Konzerthaus ein Werk von mir uraufgeführt wird.

H.-Stars: Wie sehr schränkt die Pandemie Ihre Arbeit ein als Kompositionspädagoge, Dirigent und Lehrbeauftragter an der Musikhochschule?

Strongylis: Mit dem Kammerorchester musica viva, das ich leite, kann zurzeit nicht geprobt werden, auch unsere private Musikschule „Musikinsel“ darf nicht öffnen, einzig mein Lehrauftrag Tonsatz an der Hochschule für Musik geht in Kleingruppen weiter. Dort unterrichte ich angehende Musiklehrer mit neun Stunden pro Woche. Daneben bin ich mit freier Projektarbeit beschäftigt.

H.-Stars: Ihr neuestes Musikwerk, dessen Uraufführung auf Mai 2021 verschoben wurde, trägt den Titel „2020“. Was steckt dahinter?

Strongylis: Die Nummer 2020 begleitet mich seit meiner Schulzeit am Gymnasium in Athen. Das war immer eine Zahl, die enorme Bedeutung in meinem Leben hatte. 2019 dachte ich, es wäre an der Zeit, diese Zahl zu hinterfragen und mittels eines Musikstücks herauszufinden, was es damit auf sich hat. Und nun entpuppt sich 2020 gar als Schicksalsjahr für die ganze Menschheit. Das Werk beginnt lyrisch und wird im 2. Satz bewegt oder gar wütend, als hätte ichs geahnt, was auf uns zukommt.

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