Mit Zauberern fliegen, mit Hexen tanzen – Zum Buch „Im Schatten der Zauberer“ von Paul Stoller und Cheryl Olkes

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"Im Schatten der Zauberer" von Paul Stoller und Cheryl Olkes. © Piet Meyer Verlag

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Als Paul Stoller im Jahr 1976 erstmals mit dem Zauber-Kult der Songhai im Niger in Berührung kommt, zieht ihn diese Geheimlehre sofort in ihren Bann. Auf der Basis von Sprüchen, speziellen Pulvern und Mixturen agieren die Zauberer und Hexen in ihren Dörfern und Städten als Heiler*innen, führen Beschneidungen durch, haben für jedes erdenkliche Problem ein entsprechendes Ritual. Aus einem alten Kriegerkult kommend, sind diese Riten sehr machtbetont, häufig geht es darum, eine bestimmte Person auszuschalten, ihr die Kraft zu nehmen.

Für einen Europäer eine schwierige Entscheidung, für einen Anthropologen noch mehr. Paul Stoller stürzt sich begeistert in das Abenteuer und besucht in den nächsten knapp zehn Jahren immer wieder bestimmte Lehrer, Weise, bewanderte Frauen. Er dringt mehr und mehr in die Geheimnisse ein, bzw. meint, das zu tun. Denn insgesamt vertrauen ihm nur wenige seiner Lehreri*nnen, weil er ein Weißer ist, nicht aus ihrem Dorf kommt, weil sie ihn nicht kennen, weil nur ein Songhai den Schlüssel zur Macht in sich tragen kann.

Paul bleibt aber hartnäckig und bekommt es schnell mit einer Widersacherin zu tun, die ihn als lästigen Konkurrenten ansieht, denn bei aller Zauberei geht es auch um sehr viel Geld. Besessenheitstänze, große und kleine Beschwörungen, diverse Naturprodukte kosten Geld und wer ein anerkannter Zauberer ist, lebt sehr gut davon.

Hin und wieder wird Paul auch gewahr, dass viele seiner Freunde sehr an seinem Geld interessiert sind. Um an Geheimnisse zu kommen, muss er fast immer zahlen, so ist die Regel. Manche sind gierig, für andere wird er nach und nach ein Gleichgesinnter, ein Fremder aus dem Land, wo Milch und Honig fließen, bleibt er trotzdem.

Um GROß zu werden, muss man vorher HART werden. Was das in der Sahelzone bedeutet, lesen wir in diesem sehr spannenden Buch. Es ist eine fremde, faszinierende, aber auch schreckliche Welt, in die uns Stoller entführt. Angefüllt mit Konventionen und mitunter lächerlichen Maßgaben.

Doch Vorsicht, unter jeder Matte kann eine Schlange, oder ein Luftgeist lauern. Am Ende bekommt es Stoller mit einer Superhexe zu tun, die ihn förmlich aus dem Land treibt.

Mir wurde es bei der Lektüre zur Nacht recht seltsam zu Mute. Mehrwürdige Träume ließen mich zwischen Niger, Paris und eine Berliner Höllenlandschaft hin und her fliegen… ja, ich flog, und nach einer Weile war das kein schlechtes Gefühl.

Wer Nigel Barley verehrt, wird dieses Buch auch mögen, obgleich es sich zum Ende ein wenig verliert und etwas gar zu flink den Anker wirft.

Bibliographische Angaben:

Paul Stoller, Cheryl Olkes, Im Schatten der Zauberer, Als Ethnologe bei den Songhai im Niger (Offene Bibliothek), 420 Seiten, Piet Meyer Verlag, Bern 2019, ISBN: 978-3-905-7995-45, Preis: 25 EUR

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