Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg gestorben. „Überleben ums Verrecken“

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Das Survival-Handbuch für Kids von 2004. Vorwort: R. Nehberg. BU/ Photo: © Andreas Hagemoser 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Überleben ist wichtig, wichtiger als das Leben. Das wird manchen gerade erst heute (wieder) klar. Viele Annehmlichkeiten der Zivilisation stehen nicht zur Verfügung, stattdessen macht sich Todesangst breit. Irrational, wie Angst und Panik nunmal sind. Sie äußert sich verschieden und versteckt sich mitunter gut. Die Denunzianten, die Feiern anzeigten oder die Proben des Bayerischen Staatsballetts unterbanden; die Schleswig-Holsteiner, die hinter dem Vorhang argwöhnisch Autos mit Hamburger Kennzeichen beobachteten und verdammten – auch wenn die Insassen eine Sondergenehmigung für die Einfahrt in das sonst geschlossene nördlichste Bundesland auf dem Armaturenbrett liegen hatten; und alle anderen, die echtes oder vermeintliches „Fehlverhalten“ „meldeten“, verrieten, anprangerten. Als würde man dadurch unsterblich.

Überleben hat nicht nur einen Sinn

Das Überleben in Wald und Wildnis unterscheidet sich vom „Überleben im Markt“, im Alltag und in der aktuellen Situation. Doch genau darum geht es, um „Survival“. Das wollen nicht alle wahrhaben, aber das ist es, was an uns nagt – an den meisten. Nicht das Zuhausebleiben, nicht die Kurzarbeit und nicht die Tatsache, dass die Eckkneipe zu ist. Gewohnheiten ändern ist nicht immer leicht, doch gleich zu heulen, wenn man mal einige Zeit lang einige ändern muss, ist nicht nur nicht erwachsen, sondern auch übertrieben. Eine Katalogmentalität hatte sich breitgemacht, sogar Partner konnte man aus dem Katalog auswählen, schienen online-Plattformen zu suggerieren. Doch dem Coronavirus Sars-CoV-2 ist die Bewertung egal. Auch über einen schlechten Kommentar ist es erhaben, lebt es ja noch nicht einmal. Jedes Bakterium hat mehr Leben in sich als ein x-beliebiges Virus.

Vom Überleben zum Survival – das wörtlich genommen dasselbe ist, in Deutschland aber einen anderen Klang hat. Pink heißt auf deutsch rosa, doch viele in der Bundesrepublik sind fälschlicherweise der Meinung, es seien zwei verschiedene Farben.

„Sir Vival“, das ist Rüdiger Nehberg. So wird er mit einem genialen Homophon benannt. Also einem gleichklingenden Wort. Sowohl Survival als auch Sir Vival spricht man ja ‚sörweiwel‘ aus. Vivat Viva! Vival hat keinen wirklichen Sinn, dient aber als Anhängsel und könnte ein Name sein. Sir Rüdiger, Sir Nehberg, Sir Weiwel.

Kid‘s Survival Handbook

Das Vorwort zum Survivalhandbuch für Kids .BU/ Photo: © Andreas Hagemoser 2020

Als das „Kid‘s Survival handbook“ von 2001 („Text: Claire Llewellyn“, von Autorenschaft ist nicht die Rede), 2004 auf deutsch erscheint, schreibt Rüdiger Nehberg – wer sonst? … könnte man fragen – das Vorwort. Er charakterisiert kurz das Handbuch – das im übrigen als „Survival-Handbuch für Kids“ von außen nicht erkennbar ist, da es als Ringbuch mit unbedrucktem, gelbem Umschlag daherkommt – als mit „Sorgfalt und Liebe gemachte, abwechslungsreiche erste Anleitung für angehende junge Abenteurer“. Das letzte Wort ist aus seinem Vokabular nicht wegzudenken. „Erste Anleitung“ bezieht sich vielleicht darauf, dass er als Spezialist meinte, es sei gut, seinen Ratgeber zu Rate zu ziehen. „Schon die besondere Aufmachung macht neugierig und verlockt zum Lesen.“

„Das Buch lehrt […] die vielfältigen Schönheiten, Kräfte, Gefahren und Herausforderungen der Natur zu erkennen, abzuschätzen und zu meistern.“

Gesunde Vorsicht

Dann ein Satz, den wir uns heute wie immer hinter der Spiegel stecken könnten:

„Es erzieht zu GESUNDER VORSICHT und hilft, unnötige Ängste abzubauen. Es [das Buch] macht uns Mut und stärkt das Selbstvertrauen. Es zeigt, dass man Abenteuer nicht nur passiv im Fernsehen, sondern aktiv in der Natur selbst erleben kann.“

Ja, heute ist das eher umgekehrt. Den Couch potatoes von damals, die man hinter dem Ofen hervorlocken wollte, guckten immer mehr fern und das Internet nahm gerade unter den jungen Leuten, die das Buch anspricht, überhand. „Es wird dem Leben daheim und auf Reisen viel mehr Spannung und Erfüllung geben und garantiert auch Eltern begeistern. Denn es verführt zu gemeinsamen Abenteuern.“ Für die man dann gut gewappnet wäre.

Doch heute stellt man sich, auf der Nordhalbkugel zudem, vor dem Sommer eher die Frage: „Wohin kann ich überhaupt noch fahren??“

Tegel wird im Sommer (!) vorübergehend zugemacht, allein diese Nachricht hätte vor einem Jahr unglaublich geschienen.

Nehberg schrieb das oben zitierte Vorwort in Rausdorf in Holstein im Sommer 2003. Am 1. April 2020 starb er dort. Überleben zu können und ewig leben ist nicht dasselbe. Zumindest nicht in einem Körper.

Buchkapitel des Überlebenshandbuchs für Kinder in heutigem Licht

Ein inhaltliches Beispiel aus dem Survival-Handbuch für Kids: Überleben durch (Selbst-)Befreiung aus einem sinkenden Auto. BU/ Photo: © Andreas Hagemoser 2020

Seite 57 im Kapitel „Verhalten in großen Menschenmengen“: „Schon gewusst? Mitten in der Menge ist es oft wie in einer Herde: Jeder folgt blind dem anderen und übersieht dabei Fluchtwege.“

Wer dächte nicht daran, das auf die heutige Situation zu übertragen?

Seite 59 im Kapitel „Einen Flugzeugabsturz überleben“: „Schon gewusst? In den US kommt es alle 11 Tage zu einem Notaustieg aus einem Flugzeug.“

Heute kommt es täglich zu einem Not-Einstieg, einem Nichteinstieg in Flugzeuge. Lufthansa weiß schon jetzt, dass sie ihre Flotte um 100 Flugzeuge reduzieren wollen. Knapp 800 Flieger war die Flotte groß, die meisten jetzt grounded, am Boden.

Buchtitel und Überschrift „Überleben ums Verrecken“

Am Ende des oben genannten Vorworts steht eine Fußnote mit Sternchen, die den Verfasser wie folgt vorstellt: „Rüdiger Nehberg ist Autor vieler Survival-Bücher. Sein Bestseller für Jugendliche ist „Survival – Abenteuer vor der Haustür“ und für Erwachsene „Überleben ums Verrecken“.

Nehberg konnte als Survivalspezialist gut überleben.

Bibliographische Angaben

ISB-Nummer = ISBN 3760748147.

Ringbuch mit 96 Seiten auf deutsch.

Survival-Handbuch für Kids: Claire Llewellyn (Text)/ Nehberg, Rüdiger (Vorwort), Gutachter: Dr. Peter Barnes, The Institute f. O. Learning.

Copyright Original 2001, deutsch: 2004. Verlag: Ars Edition GmbH München. Das Buch erschien in mindestens 5 Auflagen mindestens bis 2006.

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1 KOMMENTAR

  1. RN starb am 1. April. Kein Aprilscherz.

    Warum wird nicht vermerkt, dass er am 4. Mai 1935 in Bielefeld geboren wurde?
    Das wird ja bestimmt der Anlass gewesen sein, dass der Artikel jetzt Anfang Mai erscheint, der Geburtstag.

    („Todestage sind Geburtstage der Geister“, auch das.)

    Ich hätte mir noch einen Hinweis gewünscht, dass Nehberg ausgerechnet in dem Corona-Durcheinander gestorben ist, als hätte er DARAUF auch kein Antwort gewusst. Obwohl an dem Virus immer noch weniger sterben als an anderen Ursachen. Corona ist nicht die Pest. Die Maßnahmen aber … sind extrem und bringen viele zur Verzweiflung. Nicht nur die, die 25.000 Euro bezahlen mussten, weil sie sich zu dritt oder viert in einem Laden trafen.

    Zudem Nehberg auch noch im abgesperrten Schleswig-Holstein verschied. Was mag er sich gedacht haben? Dazu und überhaupt, er, der sonst immer einen Rat zum Überleben hatte?