Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Zu der Stelle am Fluss gehst du jedes Mal, wenn du ein bisschen Zeit für dich alleine brauchst, jedes Mal, wenn dir alles zu viel wird.“
Vom Schatten der Bäume verdeckt lässt sich ein Junge lauwarmes, trübes Wasser zwischen den Zehen hindurchrinnen. Als Marek nach dem ersten Drittel des dreihundert Seiten starken Romans am Fluss sitzt, ist grade mal wieder alles zu viel. Der Junge hat am Vorabend mit Mutter und Oma die Gilmore Girls geschaut und Mutter wie Oma haben sich lustig gemacht über die hohe Stimme eines Darstellers: „Der is so was von schwul, das ist schon gar nicht mehr wahr.“
Das Anders-Sein ist Dreh-und Angelpunkt dieses zart erzählten und doch so brutalen Romans. Was die Zeit nicht nimmt, so der Titel, kann Gutes oder Böses sein. Erinnerungen an Schmach, Mobbing, Schläge – aber auch an Wärme, Geborgenheit und erste Zärtlichkeit. Marek fühlt sich zu Jungs hingezogen, besonders zu Marián.
In zeitlich verschränkten Szenen erzählt der Roman in der zweiten Person von einer Kindheit und Jugend zu Anfang des Jahrtausends in einem Plattenbaugebiet Přerovs, einer mährischen Kleinstadt in Tschechien. Daneben liegt die Fabrik, in der fast alle arbeiten. „Früher fandest du, dass Přerov keinerlei Zauber hat. Es war voll mit schäbigen Plakaten und staubigen Fenstern, in denen keine Spiegelbilder lebten.“
Inzwischen sind die mickrigen Straßenbäume doppelt so hoch, die Häuser tragen bunte Fassaden, der Bahnhof wurde renoviert und viele Plattenbauten abgerissen. Marek lebt weit weg, ohne geahnt zu haben, dass er alles mitgenommen hat, den fehlenden Vater, den saufenden und cholerischen Großvater, die rassistisch höhnischen Sprüche von Mutter und Großmutter. Die Menschen tragen die Wut über ihre eigene Unzulänglichkeit und verpasste Chancen in sich, lassen sie ausbrechen, wenn sich ein Ventil bietet – auch Marek bleibt nicht unschuldig in diesem Teufelskreis.
Universell könnte man nennen, was Marek Torčík (1993 in Přerov geboren) mit seinem autofiktionalen Debüt geschaffen hat. Der bisher in 27 Sprachen übersetzte und mehrfach prämierte Roman blickt behutsam auf ein prekäres Lebensgebäude, das authentisch vor uns ersteht. In präziser Sprache (und wohltuend mannigfaltiger Übertragung) entwirft der Autor ein Menschwerden, ohne jemals den Zeigefinger zu heben. Er beobachtet und liebt, anstatt zu werten oder zu verurteilen. Der junge Autor verfügt über erstaunliche Weisheit, die seinen Figuren innewohnt. Mareks Mutter wird mit all ihren Nöten und ihrer derben Sprache gezeichnet – sie bleibt liebenswert und möglicherweise nahbar.
„Es ist schwer, sich klarzumachen, dass deine Mutter dich höchstwahrscheinlich verstanden hätte, wenn du bloß fähig gewesen wärst, es ihr anders zu sagen.“
Ein reiches Talent, von dem Großes zu erwarten ist!
Bibliographische Angaben:
Marek Torčík, Was die Zeit nicht nimmt, Roman, 320 Seiten, Übersetzer aus dem Tschechischen: Mirko Kraetsch, Format: Bindung: fester Einband, Anthea-Verlag, Berlin, 1. Auflage 10.2.2026, ISBN: 978-3-89998-456-9, Preise: 25 EUR (Deutschland)






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