Herab vom hohen Hügel und hinein ins Leben – Annotation zum Roman „Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel“ von Seni Glaister

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"Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel" von Seni Glaister. © Harper-Collins

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Es mag dickere Kartoffeln geben als die von Mr. Doubler, aber es gibt keine besseren. Seit zehn Jahren hat der englische Bauer seine Farm hoch auf einem Hügel nicht verlassen und sich ausschließlich dem Kartoffelanbau verschrieben. Während sich die Welt um ihn herum immer schneller dreht, schätzt der Eigenbrötler den Wert von einfacher Arbeit und Abgeschiedenheit. Die Einzige, die mit seiner schrulligen Art umzugehen weiß, ist seine Haushälterin Mrs. Millwood. Doch als diese irgendwann nicht mehr den Weg auf seinen Hügel findet, muss Mr. Doubler wohl oder übel hinuntersteigen und sich dem Leben stellen …“

Das verspricht der Klappentext zum Roman „Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel“ von Seni Glaister. Auf 432 Seiten steht die Grundbirne im Mittelpunkt des Geschehens. Diese halte sich laut Mr. Doubler gerne im Bauch und in der Erde auf. Gut, dass wir auch Erdapfel zur Solanum tuberosum sagen und schreiben.

Die Autorin würde laut Verlag Harper-Collins Germany GmbH mit Sitz in Hamburg „seit 30 Jahren in der Buchbranche“ arbeiten und „ihre wenige Freizeit“ als „Mutter von vier Kindern damit“ verbringen, „Schweine und Rinder aufzuziehen, Berge zu besteigen, Wein anzubauen und zu schreiben“. Glaister scheint eine nachdenkliche Autorin mit einer Liebe zur Weisheit zu sein, schließlich darf das Buch nicht nur als ein literarisches Werk betrachtet werden, sondern auch als ein philosophisches. Kurzweiliges wie einen Kriminalroman hat Glaister nicht zu bieten. Langatmig dreht sich die Geschichte um Liebe und Leben, auch Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Veränderung, wobei der einsame Held, der sich traurig auf seinen Acker zurückzog, kaum unmittelbar und überall ins Herz geschlossen werden kann. Das gilt auch für dessen Potaten und Putzfrau Mrs. Millwood.

Als die warmherzige, tatkräftige und unbeirrbare Mrs. Millwood erneut vom Krebs heimgesucht wird und in ein Krankenhaus muss, bekommt Mr. Doubler seine letzte Chance zurück ins Leben. Auf Bitten von Mrs. Millwood hilft Mr. Doubler fortan in einem Tierheim aus. Wie bei Heidi und ihrem Großvater, dem Alm-Öhi, taut Mr. Doubler, der alleine auf einem Hügel haust, langsam aber sicher auf. Wie in „Heide“ von Johanna Spyri oder „Ein Mann namens Ove“ von Frederik Backman lernt man Mr. Doubler, nachdem sich der erste Eindruck eines Griesgram auf der Mirth Farm durch neue Erfahrungen und Erkenntnisse, die dem Leser in Rückblenden erklärt werden, verändert, verstehen und gernhaben. Zudem lernt man dessen Kunst als Koch und Bäcker zu schätzen.

Wohl wahr, dass Mr. Doubler im hohen Alter von seinem nicht minder hohen Hügel herabsteigen muss. Dafür darf er ins Leben eintauchen wie eine kalte Kartoffel ins kochende Wasser.

Bibliographische Angaben

Seni Glaister, Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel, Roman, 432 Seiten, Übersetzerin aus dem Englischen: Julia Walther, Originaltitel: Mr. Doubler begins again“, erschienen bei HQ, Taschenbuch, Verlag: Harper-Collins, 1. Auflage, Hamburg, März 2019, ISBN: 978-3-95967-258-0, Preise: 14,99 EUR (Deutschland), 15,50 EUR (Österreich)

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