Babyface Walkers Dichtung über den Irakkrieg und anschließende Aftershowdramen – Zum Roman „Cherry“ von Nico Walker

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"Cherry" von Nico Walker. © Heyne Hardcore

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Anfang des Buchs ist gleichsam das Ende der Geschichte, ein abgewichster Junkie überfällt halbdilettantisch eine Bank, um an Geld für den Drogennachschub zu kommen. Er wird erwischt. Wird es ein Krimi? Nein, ein modernes amerikanisches Sozialdrama.

Vom Cover schaut uns ein schlaksiger Typ schief und unsicher an. Es handelt sich um Nico Walker, aktuell einsitzend wegen diverser Banküberfälle. Sein Blick ist ernst, Nase, Augen, Mund suggerieren Angst und Neugier gleichermaßen. Will er mich abmurksen, oder bittet er mich gleich um die Hand meiner Tochter? Babyface Nico hat seine eigene Geschichte aufgeschrieben. Nico sagt uns, auch wenn du völlig am Arsch bist, lauert vielleicht irgendwo der alte Affe Hoffnung und reicht dir den kleinen Finger.

Denn das passierte dem einsitzenden Nico. Er schickte lose Teile seiner Biografie an einen versierten Büchermacher und der erkannte sofort den genialen Stoff.

Therapeutisches Schreiben, Schreiben als Ausweg aus dem verfuckten Leben eines Kriegsveteranen auf Droge. Nico kam mit 21 aus dem Irak zurück und hatte nur Müll im Kopf. Zugegeben, vor seinem Kriegseinsatz war er auch nicht viel klarer. Aber seine Sprache ist schön dirty und die Story eines Opioid-Süchtigen einfach Bombe! Was passiert so im Krieg? Lassen wir den Autor sprechen: „Wir durchsuchten den ganzen Tag irgendwelche Häuser. Borges schoss einem Hund ins Gesicht. Sieben. Punkt. Sechs. Zwei. Sonst ist nichts weiter passiert.“

Leider haben Nico auf seinem Weg zum Nobelpreis (Spaß) diverse Geschichtenverwerter ordentlich reingequatscht, um nicht zu schreien reingefuscht. Die Dialoge mit seiner Junkie-Freundin nerven ordentlich, überhaupt hat irgendwer (bestimmt nicht der arme Jungautor) die Story unnötig angedickt, die härter kommen muss. Jedes Wort über Hoffnung und Beziehungskram ist eins zu viel, hätte „man“ sich auf den Krieg, die Drogensucht und den Knast konzentriert, wäre Nico W. ein nobler Platz im Autorenhimmel sicher.

Cherry wird übrigens bei der Army das Frischfleisch, der Neuling genannt, der im ungünstigsten Fall, noch mit Pausbäckchen, die erste blaue Bohne frisst und einen Tag später im Leichensack zur stolzen Kriegerwitwe retour geht. Krieg ist Scheisse, Drogensucht und Knast nicht viel besser.

„Cherry“ lebt vom autobiografischen Background des Jungautoren, wenn es menschelt, liest man drüber weg und wartet auf den nächsten heißen Satz, der Elend aufs Lesesofa kippt – als wären wir keine mündigen Leser, sondern ein verchromter Müllschlucker. Dreiviertelgeile Schwarte für mitteleuropäische Hedonisten!

Bibliographische Angaben

Nico Walker, Cherry, Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch: Daniel Müller, 384 Seiten, fester Einband, Verlag: Heyne Hardcore, München, 15.4.2019, ISBN: 978-3-453-27197-5, Preie: 22 EUR (D), 22,70 EUR (A), 30,90 SFr

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