Die Maske in der Literatur. Schon Schopenhauer sagte: eine Maske tragen

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Die Maske in der Literatur. Währenddessen: Irres Wetter in Berlin. Zitat aus Kuhns "Karmel". © Copyright Photo/BU: Andreas Hagemoser, 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). In dem aufschlussreichen Buch „Geheimnis der Kunst*“, das versucht, einen Überblick zu geben, aber trotz der Kürze in der Tiefe zu verweilen, was gelungen scheint, sind dem Kapitel „Wege, Schulen, Vorbilder“ (ab S.31) gleich fünf Mottos vorangestellt.

„Armselig der Schüler, der seinen Meister nicht übertrifft.“ Leonardo da Vinci.

„Nichts, was wesentlich ist, ist den Menschen geschenkt worden. Alles muß er sich selbst schaffen.“ Ortega y Gasset.

Und sogar ein ungewöhnliches Bekenntnis eines Künstlers: „Ich habe zu keiner Zeit das besessen, was man Talent nennt.“ So Ernst Barlach.

Schopenhauer: „… eine Maske tragen“

An dritter Stelle der fünf wird Schopenhauer zitiert. „Fremden Stil nachahmen, heißt eine Maske tragen.“

Wir können uns nicht helfen, die Lektüre von Sachbüchern und Belletristik gelingt uns nicht im abgeschalteten Zustand. Die Ereignisse der vergangenen drei Monate, die trotz trügerischer Ruhe hierzulande immer noch anhalten, beeinflussen unseren Lesegenuss. Unsere Wahrnehmung, wissenschaftlich ausgedrückt: unsere Rezeption.

Ein weiteres Beispiel:

Aus der Erzählung „Karmel“ von Herbert Kuhn, Seite 10.

Eine Maske lächelte

„Der Oberst schnupperte[…]. Er lächelte. Ein Lächeln ohne Blut. Eine Maske lächelte. Eine schöne Maske, von der ein lavendelartiger, frischer und sehr kühler Duft ausging. Dieser Duft schien seiner zarten Haut zu entdringen.“

Die Originalausgabe und automatisch also auch Deutsche Erstausgabe erschien 1949, im ersten Jahr der Bundesrepublik Deutschland gegründet am 23. Mai mit dem Grundgesetz, vielleicht erschien das Buch auch im April oder früher und damit noch nicht in der „BRD“, sondern in der Zwischenkriegszeit der Besatzung, in diesem Fall der Trizone und, da das Buch in München im Chr.-Kaiser-Verlag erschien, in der US-amerikanisch besetzten Zone im Süden des ehemaligen Deutsches Reiches. Der Text bezieht sich auf eine Nacht des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront; in Schützengräben lagen sich dort Wehrmacht und Rote Armee der Sowjets gegenüber und versuchten, sich umzubringen. Der genannte Offizier hatte aus Frankreich viele Kisten Porzellans mitgebracht, Tafelsilber und seltene Gläser, aus denen zu Weihnachten – um den Weihnachtsabend geht es in dem Buch – getrunken wurde. Das Versailler Prozellan, Besteck und Gläser hatte ihm eine bretonische Gräfin geschenkt, sie waren nicht etwa geraubt worden. Das alles wurde in einem Lkw transportiert mitsamt einer Bibliothek und einer Badewanne. Und ein winziges Cembalo übrigens.

Eigentlich nahm es der General mit der Bagage sehr genau, um die Beweglichkeit des Regiments nicht zu hemmen. Die anderen Offiziere mussten sich mit einer winzigen Kiste begnügen. Doch aus unerfindlichen Gründen blieb dem Oberst der Lastwagen, der natürlich auch mit Diesel versorgt werden musste. Ein knappes Gut, da Deutschland kaum eigene Rohölreserven hatte.

Letzter Absatz: „Die Veröffentlichung erfolgte erst jetzt, weil die lange bedacht sein wollte.“ „Ich vermag sie auch nur zu verantworten, weil mir, je länger ich mich mit diesen Aufzeichnungen beschäftigt habe, allmählich zur Gewissheit geworden ist, daß sie mehr bedeuten als den phantastischen und entsetzlichen Roman einer Nacht, nämlich – den Roman aller Nacht, die über alles Volk hereingebrochen ist.“

Vieles weitere zum Thema Maske: Wie baue ich eine Maske? Wie ist einer der erfolgreichsten Lieder überhaupt mit Henry Maske verknüpft? Was meint man, wenn man sagt, dass Sahra Wagenknecht in der Maske ist? https://kulturexpresso.de/ab-in-die-maske-vermummung-gut-anleitungen-zur-deckung-eines-mangels/

Und weil’s so schön ist, nochmal: die Titelvignette von Michael Lissmann auf Prischwins Buch (’52‘? ’67?) © Copyright Photo/BU: Andreas Hagemoser, 2020

*Hugo Kubsch und Doro von Prittwitz u. Gaffron (Hrsg.): „Geheimnis der Kunst. Ein Kunstfreund durchstreift das Labyrinth der Schaffenden. Bischofswiesen Obb., 1951“

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