Fortschritt? Dave Eggers räumt in seinem Roman „Die Parade“ mit Entwicklungshilfe-Illusionen auf

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"Die Parade" von Dave Eggers. © Kiepenheuer & Witsch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Schafft man es im Westen, die komplizierten Verstrickungen eines Entwicklungslandes zu begreifen? Dieser Frage geht der amerikanische Autor Dave Eggers in seinem Roman „Die Parade“ nach.

Ein international tätiger Baukonzern schickt zwei Arbeiter in ein kürzlich noch vom Bürgerkrieg zerrissenes Dritte-Welt-Land. Die beiden sollen eine Staubpiste asphaltieren, die den rückständigen Süden mit der modernen Hauptstadt im Norden verbindet. Sie haben nur zwei Wochen Zeit. Dann will der neue Staatspräsident den noch jungen Frieden mit einer Militärparade auf der neuen Straße feiern. Eggers lässt offen, in welchem Land die Handlung spielt. Der Leser denkt an Konfliktzonen wie den Kongo oder Südsudan.

Aus Sicherheitsgründen, um etwa Lösegeldforderungen zu erschweren, dürfen die Bauarbeiter einander nicht kennen und geben sich Ziffern als Namen. „Vier“ nennt sich der eine, der die hypermoderne, vollautomatische Asphaltiermaschine fährt. Er möchte schnell und korrekt seine Arbeit verrichten, befolgt pedantisch alle Instruktionen und vermeidet jeglichen Kontakt zu den Einheimischen; das kann nur Probleme bringen.

Neun hingegen, eine Frohnatur, erweist sich vom ersten Moment an als unzuverlässig. Er soll auf dem Quad vorausfahren und Hindernisse beseitigen. Doch stattdessen quasselt er seinem Kollegen die Ohren voll und nimmt ansonsten alles mit, was die fremde Kultur zu bieten hat: erotisch aufgeschlossene Frauen, exotisches Essen oder ein Bad im verseuchten Fluss. Überdies hat Neun den schnöseligen Tick, sich immer wieder die überlangen Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen.
Kein Wunder, dass Vier immer wütender über seinen leichtsinnigen Kompagnon wird, der davon in seiner Unbeschwertheit gar nichts mitbekommt. Die Atmosphäre ist gespannt. Der Leser leidet mit Vier, der sich zuweilen zusammenreißen muss, um auf Neun nicht mit den Fäusten loszugehen.

Die Konflikte verschärfen sich; kritisch wird es, als Neun schwer erkrankt. Die beiden Männer kommen auf dieser Reise durch eine Bananenrepublik an ihre Grenzen. Bis zum letzten Tag auf der Asphaltschneise sind sie jedoch sicher, etwas Sinnvolles für das fremde Land zu tun. Erst beim Rückflug erkennt Vier, dass er sich getäuscht hat.

Dave Eggers, vor allem durch seinen Bestseller „The Circle“ über das Leben im Silicon Valley bekannt, findet in diesem kleinen Abenteuerroman zu einer knappen, schnörkellosen Sprache. Die 178 Seiten liest man gebannt in einem Atemzug durch – bis zum überraschenden Finale.

Die beiden Protagonisten müssen sich am Ende fragen, ob ihr Infrastrukturprojekt der lokalen Bevölkerung wirklich hilft. So erschüttert das kluge Büchlein die geopolitische Gewissheit des Westens, dass technischer und wirtschaftlicher Fortschritt zugleich Frieden mit sich bringt. In Irak oder Afghanistan wurde diese Annahme ja auch schon gründlich widerlegt.

Bibliographische Angaben

Dave Eggers, Die Parade, Roman, Übersetzer aus dem Englischen: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, 192 Seiten, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln, 8.4.2020, ISBN: 978-3-462-05357-9, Preis: 20 EUR (Deutschland)

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