Die Meister**innen der Oberfläche – Annotation zum Roman „Allegro Pastell“ von Leif Randt

"Allegro Pastell", ein Roman von Leif Randt. © Copyright Kiepenheuer und Witsch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Tanja und Jerome heißen die beiden Hauptfiguren in Leif Randts Beziehungskomödie „Allegro Pastell“. Sie sind körperbewusst, wissen wie man feiert, lassen sich nicht von wilden Gedanken aus der Bahn bringen und gönnen sich gern kleine Klamöttchen, die das Leben nicer machen. Ihr Body ist ihr Friend und sie schauen sich gern moderne Filme an. Vegan ist korrekt, die späten Nullerjahre haben ihnen nicht zu viel versprochen.

Jerome macht was mit Websites und Tanja ist eine Art Schriftstellerin, zumindest hat sie ein Buch geschrieben, in dem sich der Zeitgeist und Zeitgeistin formschön paaren.

Alles ist friedvoll, niemand will wirklich etwas Böses tun, der Wind ist lau, der Glückskeks hat frohe Botschaften in petto und das Wetter meist gut.

Jerome geht auf die vierzig zu und wohnt im Maintal, Tanja wird dreißig und logiert in Berlin. Sie hat eien Schwester, leicht dirty – und jede Menge Freund*innen.

Germany’s next Lovestory nennt Leif Randt diesen ganzen Livestyle und Kladderadatsch, den er uns in Moll um die Ohren dengelt.

Randt hat ein listiges Konzeptbuch verfasst, für viele wird es das Buch der beginnenden Zwanziger Jahren sein. Es fächert sich sonor auf, es ist auf eine langweilige Art gefühlvoll und enorm spannend in der Figurenentwicklung.

Es geht um die alten Dinge. Was will der Mensch? Und warum? Man muss die Sprache sehr lieben, so wie Randt es natürlich tut, um diese Lovestory, die wie jede gute Lovestory banal endet, bis zum Kelch zu schnabulieren.

Es geht ums Glück… es geht ums private Genervtsein. Es geht umd die Familie als Glück versus Ursache allen Übels.

Die Sprache der Held*innen ist gesättigt mit Anglizismen, das ist wahrhaftig „allegro Pastell“ und ungemein lustig.

Es ist vielleicht große Kunst, ein wenig früher Houellebecq, als Michel noch nicht alles schnulli war. Lange keinen Roman mehr gelesen, der mich so berührte/ der mir so auf die Nerven ging.

Randt hat die Story gut im Griff, sie flutscht wie ein Aal im Fischfachgeschäft, das ist geschmeidig und sehr mit Köpfchen modelliert.

Tanja und Jerome umkreisen einander, beobachten sich unablässig und ordnen ständig ihr Tun in eine der zahlreichen Schubladen, die Randt für uns Leser bereithält. Es ist herrlich weichgespült, es ist egozentrisch auf eine milde Art, es ist eigentlich eine grauenhafte Lovestory. Doch wie sie Randt erzählt, ist 100% genial! Mein Buch des Jahres 2020, auch wenn es seine Protagonisten zu 49% unerträglich sind.

Bibliographische Angaben

Leif Randt, Allegro Pastell, Roman, 288 Seiten, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln, 5.3.2020, ISBN: 3-462-0535-86, Preis: 22 EUR (Deutschland)

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