„Die Perlen der Cleopatra“ – Operette aus den „Wilden Zwanzigern“ – Premiere der Neuinzenierung an der Komischen Oper Berlin

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© 2016 Foto: Eva-Maria Koch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es glitzert, funkelt und sprüht vor überbordender Kreativität – Intendant Barry Kosky zieht wieder einmal zum Verlieben schön alle Register der komischen Oper mit Travestie, Revue und Herzschmerz-Liebesliedern. Die erstmalig 1923 uraufgeführte Operette von Oscar Straus führt den bunten Reigen der an der KO neu inszenierten, superunterhaltsamen Operetten fort (Paul Abrahams „Eine Frau, die weiß, was sie will“ und „Ball im Savoy“, wir berichteten). Dagmar Manzel ist der unbestrittene Superstar der Komischen Oper. Menzel ist ein Multi- und Ausnahmetalent. Ehemals Schauspielerin am Deutschen Theater übersteigt ihr komödiantisches, stimmliches Repertoire alle Vorstellungskraft. Rauf und runter singt ihre Stimme die Tonkoloraturen. Bauchrednerisch haucht sie ihrer Handpuppenkatze Ingeborg freches Leben ein. Sie berlinert eine derart freche Situationskomik (Arschäologen, ich bade in „Mülsch“), dass sich die Lachmuskeln kaum erholen können.

Der Plot zeigt Cleopatra beim Managen einer drohenden Hungerskatastrophe durch Ausbleiben des Nilhochwassers. Eine Staatskrise droht, Putschisten agitieren und die Römer wollen ebenfalls das ägyptische Zepter übernehmen.
Kess-frivoler Wortwitz begleitet eine Tanzgruppe, die Gliedmaßen aus Gummi zu haben scheinen à la Josefine Baker, in ihren Hauch von Kostümchen mit einmal grünen Federn, dann mit roten Federn in Andeutungen von Römeruniformen oder silbernen Glitzerlendenschurzen, Oh und Ah juchzend.

© 2016 Foto: Eva-Maria Koch
© 2016 Foto: Eva-Maria Koch

Urkomisch fetzt als übereifriger, unterwürfiger Minister Pampylos (Dominique Horwitz) über die Bühne in grün-glitzerndem altägyptischem langem Kleid mit Perücke, immer wieder französische Plaisanterien einwerfend. Marc Antonius (den fesche Toni nennt man mich) spielt und singt Peter Renz und hat mit „Cleopi“ einen wortwitzigen „ägyptischen Flirt, der was wert, der zum Dasein gehört. Ein pikantes, ein prickelndes: „Je ne sais quoi!, das verwirrt, irritiert, wo man sagt: „C’est ma foi“. Hier wird Berliner Bier statt Rotwein zum Auflösen der magischen Cleopatra-Perle zum Verführen genommen – urkomisch wie die ganze Operette. Eine Rüstung auch Perlen trägt auch Silvius, phantastisch performed und gesungen von Dominik Köninger, der vom römischen Soldaten zum „Liebessklaven“ Cleos verwandelt wird. Er jedoch liebt die ägyptische Sklavin Charmian, Talya Liebermann, mit der er ein bezauberndes, romantisches Liebesduett nach dem anderen singt.

Das Orchester unter der Leitung von Adam Benzwi ist halb sichtbar. Benzwi hat die Operette mit ihren Chansons, großen, dynamischen Tanz- und Chornumern mit Jazz, Kabarett auf Wiener Walzerseeligkeit und Revuetanz-Nummern mit arrangiert. Das Bühnenbild zeigt changierende, an Pop-Art erinnernde Art-Deco mit schwarz-weißen Schiebewänden. Die unübertroffen extrem kreativen, vielfältigen Kostüme von Viktoria Behr geben dem Ganzen den letzten ägyptischen Schliff und Flair. Jedes Chormitglied hat ein anderes ägyptisches Kostüm. Diese Vielfalt muss man gesehen haben.

Nach viel Zwischenapplaus gab es tosenden Schlussapplaus. Die Premierengäste hatten Tränen in den Augen vor Lachen. In der Pause traf man auf Menschen, die mit traumatisierten Kriegsflüchtlingen zusammen arbeiten. Die Operette bietet die Möglichkeit, kurz vom finsteren Weltgeschehen abzuschalten – ähnlich wie in den „Goldenen Zwanzigern“.

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