Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „An was denkt sie? An Schläge in die Leber. An die seitliche Eindrehung, die ihr Körper macht, bevor sie das Knie anwinkelt und dem Gegner ihre Ferse in die Rippen stößt. An die Politikerin, mit der sie ab und zu Sex hat. Sie denkt an die geretteten Fledermäuse und Babyeulen, die sie sich jeden Morgen in der U-Bahn auf Instagram anguckt.“
Dieser Roman zieht einen sofort in seinen Bann. Die namenlose Hauptfigur N trainiert Diplomaten, Künstler, eine Oligarchenwitwe und einen Kripo-Kommissar. Sie drippelt in Box-Stellung durch ihr Leben, das sich zwischen schweißdurchtränkten Matten und einem fünften Stockwerk im Hinterhaus abspielt. Aus dem Fenster ihrer Wohnung sieht sie eine Brandmauer, rechts und links davon Hochhäuser, Baulücken, Clubs, Partyboote im Kanal, Mauerstreifen. Und da tummeln sich Obdachlose, Verrückte und Sprayer.
Als der Roman beginnt, tauchen an der Brandmauer gesprayte Zeichen auf und vor der Tür im fünften Stock nistet sich eine obdachlose Frau ein. Damit bricht allmählich die Fassade N‘s auf, wir erfahren: sie hat keine Verwandten (außer einer Cousine, die sie auf Instagram stalkt), keine Freunde (außer ihrem Trainer, der etwas krankes still mit sich herumträgt) und ihre Geliebte (eine bekannte Politikerin) bestellt sie per SMS zu sich, nimmt sie aber nicht wirklich ernst. Dann spaziert die obdachlose Ivy in ihr Leben und ihre Wohnung, als wäre sie eine Facette ihres eigenen Ichs.
In ein paar Stunden ausgelesen, rumort dieses ungewöhnliche Buch noch lange nach. Es ist ein Berlin-Roman der dunklen, beunruhigenden Sorte. Ein Versuch, hinter die Geschichten der vielen Menschen, die am Rande der Gesellschaft und doch mitten in der Stadt, unter uns, leben. In den Parks, auf den Bänken und manchmal direkt vor unserer Wohnungstür. Helene Hegemann schreibt hart und schnörkellos. Ihr Roman wirkt wie eine lange Trainings-Nacht im Box-Club, inklusive Schmerz, Herzrasen und wütenden Tränen. Authentisch, brutal, überzeugend!
„Den Männern erklärt sie, was von der Staatsanwaltschaft als Notwehr abgenickt wird und was nicht. Dass sie den Genickdrehhebel nur dann anwenden sollen, wenn der Angreifer ernsthaft den Eindruck macht, sie töten zu wollen. Den Frauen nicht. Die sollen so fest mit ihren Absatzschuhen in den Eingeweiden dieses Angreifers herumtrampeln, wie sie können.“
Bibliographische Angaben:
Helene Hegemann, Striker, Roman, 189 Seiten, Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG, Köln, 1. Auflage 13.3.2025, ISBN: 978-3-462-00595-0, Preis: 23 EUR (Deutschland)
Anzeige:
Reisen aller Art, aber nicht von der Stange, sondern maßgeschneidert und mit Persönlichkeiten – auch Kulturreisen durch Ferrara und den Rest der Republik Italien –, bietet Retroreisen an. Bei Retroreisen wird kein Etikettenschwindel betrieben, sondern die Begriffe Sustainability, Fair Travel und Slow Food werden großgeschrieben.