Eine Familiengeschichte aus Katalonien wird bei der Berlinale geehrt – Der Film „Alcarràs“ der Regisseurin Carla Simòn gewinnt den Goldenen Bären

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Joel Rovira, Ainet Jounou, Isaac Rovira in einer Szene des Films "Alcarràs " von Carla Simón. © Copyright LluisTudela, BU: Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der spanische Film „Alcarràs“ der Regisseurin Carla Simòn ist bei der 72. Berlinale mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären für den besten Film, ausgezeichnet worden.

Die Preisverleihung der 72. Berlinale wurde dieses Jahr, pandemiebedingt vorgezogen. Der Goldene Bären Gewinner des diesjährigen Festivals ist der spanische Film „Alcarràs“ der Regisseurin Carla Simòn, die hier ihren zweiten Spielfilm präsentiert. Sie setzt damit ihre Erfolge bei der Berlinale fort. Ihr erster Film „Fridas Sommer“, ein autobiographisch geprägter Film, erhielt auf der Berlinale 2017 den Preis für den besten Debutfilm, sowie den Generation Kplus Preis. Nun setzt Carla Simòn ihrem filmischen Schaffen mit dem Gewinn des goldenen Bären die Krone auf. Der Filmtitel „Alcarràs“ bezieht sich auf den Namen des katalonischen Dorfes in dem die Geschichte spielt. Hier wird die Geschichte der Familie Solè erzählt, die seit Generationen eine Pirsich-Plantage betreiben. Doch nun könnte der letzte Sommer sein, wo die Familie ihre Ernte einbringt. Der Großvater hat das Land noch auf alt eingebrachte Weise per Handschlag erworben und verfügt über keinen schriftlichen Nachweis, dass das Land ihm gehört. Nun sollen die Pfirsichbäume Solarpaneelen weichen. Es sieht also sehr danach aus, dass die letzte Pirsich-Ernte der Familie Solè ansteht. Der Film begleitet das Leben der Familie mit ihren einzelnen Protagonisten vom Großvater bis zu den Kindern in diesem Sommer. Ihr Leben bei der Ernte und ihr Leben miteinander.

Carla Simòn Film ist hier weniger spannungsgeladenes Drama und umso mehr Familiengeschichte. Ihr Augenmerk liegt hier ganz auf dem Innenleben der Familie und ihr Umgang auf die bedrohende Vertreibung einerseits, aber eben genauso auf ihren Umgang untereinander sowie ihre tägliche Arbeit beim Pfirsichpflücken. Ihr geht es mehr um das Lebensgefühl in der Familie, ihrem Leben auf dem Land und der täglichen Bewältigung der kleinen zwischenmenschlichen Herausforderungen. Ihr Film ist damit Familienfilm und ein Film über das Landleben zugleich. Carla Simòn hat ihren Ensemblefilm ausschließlich mit Laiendarstellern gefilmt. Dies merkt man dem Film an, der eine große Natürlichkeit ausstrahlt, so gut wie keine dramaturgischen Elemente beinhaltet und den Fingerzeig stark auf den kleinen Alltagsituationen der einzelnen Familienmitglieder hat. Das große Plus von „Alcarràs“ ist, das der Film keine Sekunde künstlich wirkt und ihm so zugleich einen dokumentarischen Anstrich gibt. Hier muss man Carla Simòn das Kompliment machen, dass sie es geschafft hat diese komplexe Familiengeschichte mit all den internen Auseinandersetzungen und äußeren Einflüssen, die hier auf die Familie einwirken wie selbstverständlich aussehen zu lassen. Und auch wie das Schicksal der Familie Solè mit der bedrohten Enteignung des Landes aussieht lässt sie Bewusst offen. Eben weil es ihr nicht hauptsächlich um die Bedrohung durch den Bau der Solarpaneelen geht. Die ist nur Anlass um die Familie und dem damit verbundenen täglichen Leben auf dem Land zu zeigen.

„Alcarràs“ von Carla Simon ist hier eindeutig dem europäischen Arthauskino zuzuordnen. Er gehört ganz klar zu den besseren Filmen des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs. Er ist zwar ein sehr guter aber kein herausragender Film. Vielleicht liegt es dran das wir das Leben der Familie Solè zwar sehr genau miterleben aber trotzdem eine gewisse Distanz zu den einzelnen Familienmitgliedern herrscht. Sie sind uns zwar alle sympathisch, aber sie werden uns auch nie vollständig empathisch. Auf der anderen Seite ist das Fehlen der dramaturgischen Komponente, auf die der Film bewusst verzichtet auch ein kleines Manko. Er plätschert damit vor sich hin ohne wirklich auf etwas hinauszulaufen. Wäre hier eine Idee mehr vorhanden gewesen so hätte dies dem Film von Carla Simòn gut getan, der dennoch mit einem Anliegen, Idee und Herz inszeniert ist. Denn auch „Alcarràs“ ist erneut autobiographisch geprägt. Carla Simòn kennt das Familienleben auf dem Land. Dies lässt der Film deutlich spüren.

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: Alcarràs
  • Staaten: Spanien, Italien
  • Jahr: 2022
  • Regie: Carla Simón
  • Drehbuch: Carla Simòn, Arnau Vilàro
  • Kamera: Daniel Cajias
  • Schnitt: Ana Pfaff
  • Darsteller: Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Xènia Roset, Albert Bosch, Ainet Jounou, Josep Abad, Montse Oró, Carles Cabós, Joel Rovira, Isaac Rovira, Berta Pipó, Elna Folguera, Antònia Castells, Djibril Casse, Jacob Diarte
  • Prouktion: María Zamora, Stefan Schmitz, Tono Folguera, Sergi Moreno
  • Dauer: 120 Minuten

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