Haarscharf am Problem vorbei – Die ARTE-Dokumentation »Kultur – koste es, was es wolle« sucht den Wert der Kultur in Europa

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© Bernard Renoux / LVAN, Foto: WDR

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Schon der Titel ist irreführend. Er suggeriert, man könne sich in Europa Kultur leisten, egal, was sie kostet. Offiziell will die Doku der Frage nachgehen, wie viel Kultur sich Europa noch (!) leistet, welche Bedeutung sie für den Einzelnen hat und welche Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft – ein unerschöpfliches Vorlesungsthema für Uni-Professoren.

Real geht es darum, dass überall die Mittel für Kultur gestrichen werden, zum Beispiel in Holland um 40 Prozent. Die Streichorgien der deutschen Landesregierungen wie in Thüringen und Sachsen-Anhalt oder vom seinerzeitigen rot-roten Berliner Senat werden nicht erwähnt, und von Griechenland redet man erst gar nicht.

Die Filmautorin und Regisseurin Reinhild Dettmer-Finke tut sich in Holland, Frankreich, Italien und Deutschland um, um zu erkunden, welche Auswege es aus den »Sparzwängen« gibt. In Amsterdam wurde der staatliche Zuschuss für das Internationaal Danstheater von 3,5 Millionen Euro auf Null gestrichen. Zum Glück besaß die Compagnie ein eigenes Theater, das es verkaufen konnte. Das Geld reicht für zwei Jahre. Die Künstler wollen Opfer bringen, aber wie es dann weitergeht, wissen sie nicht. 50 Festangestellte wurden bereits entlassen. Die Direktorin Sophie Lambo will die Leute trotzdem »anständig« bezahlen. Aber wovon? Wir kennen das von den Berliner Symphonikern. Vor elf Jahren wurde ihnen der Zuschuss vom Senat komplett gestrichen. Sie halten sich mit Selbstausbeutung über Wasser, stecken in Berlin in die Saalmieten, was sie auf Auslandstourneen »verdienen«, aber ihre Konzerte mussten sie von 24 auf acht reduzieren. Das heißt für die Musiker achtmal im Jahr Honorar. Kein Gehalt, kein Tariflohn.

Die ehemalige Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds, Adrienne Goehler, glaubt an »alternative Finanzierungsmöglichkeiten«, indem »viele Menschen gemeinsam Projekte von 500 bis 250 000 Euro finanzieren«. Die Sängerin Bernadette La Hengst hat ein neues Album mit Crowdfunding (gesammeltem Geld) bestritten. Aber ihr ist klar: »Wenn die Künstler unterbezahlt sind, sinkt der Wert der Kunst immer mehr«. Ist das Prekariat unsere Zukunft?

Den Vogel schießt der Kulturmanager Jean Blaise in Nantes ab. Er will den Niedergang der Industrie in seiner Stadt mit Kultur-Projekten wie Installationen auf Straßen, Plätzen und Kanälen wettmachen. Das soll den Tourismus beleben. Dafür hat er einmalig von den Städten Nantes und Saint Nazaire und von der Regionalregierung 22 Millionen Euro erhalten. Wie lange reichen die? Ist vorstellbar, dass jede französische Großstadt eine solche »Spritze« bekommt? Wenn Kunst kein Privileg der Eliten ist, meint Blaise, »sind die Menschen bereit, für Kunst Steuergelder aufzuwenden«. Heilige Einfalt! Wer verfügt denn über die Steuergelder? »Die Menschen«?

Über dergleichen Pseudolösungen gehen die Erkenntnisse der Doku nicht hinaus. Woher die Unterfinanzierung kommt, wird nicht hinterfragt. Dass durch die Steuerreformen der Regierungen Gerhard Schröder und Angela Merkel den Banken, Konzernen und Großverdienern jährlich 50 Milliarden Euro Steuern geschenkt werden, ist nicht neu. Kein Bundeskanzler, kein Finanzminister, kein Kulturminister wird befragt, welchen Wert er der Kultur in seiner Haushaltspolitik beimisst. Die Misere wird nicht verschwiegen. Jedoch die Antworten, die der Film gibt, gehen haarscharf am Problem vorbei.

La Hengst meint, die Not vieler Künstler könne durch ein bedingungsloses Grundeinkommen gemildert werden. In der Schweiz bereiten zum Beispiel Aktivisten eine Volksabstimmung darüber vor. Dies wäre eine Hilfe, doch könnte sie die Unterbezahlung beheben? Nach Können und Leistung würde dann erst recht nicht bezahlt. Wer auszieht, um die Zukunft der Kultur in Europa zu erkunden, kommt nicht umhin, die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums in Frage zu stellen (um nicht zu sagen, die Systemfrage zu stellen).

Das zweite Thema der Doku: Die Autorin diskutiert mit Künstlern, ob klassische Kultur, insbesondere klassische Musik, noch zeitgemäß ist. Welchen Rang hat die Hochkultur? Wo die Opernsängerin Elisabeth Kulman bei Proben im Konzerthaus Berlin meint, die klassische Musik sei veraltet, beweist die Praxis Iván Fischers und Sebastian Nordmanns in eben jenem Hause das ganze Gegenteil. Sie verstehen es, tausende Kinder und Jugendliche ins »klassische« Konzert zu führen. Nicht anders die Komische Oper Berlin, die sich zudem glänzend um Kinder mit »Migrationshintergrund« bemüht. Das eigentliche Problem der Finanzierung umgeht der Film auch hier. Die finanzielle Ausstattung der »Leuchttürme« klappt immer. Damit polieren Banken und Konzerne liebend gern ihr Image auf. Oper, Ballett und Sinfoniekonzerte bieten auch die Theater und Orchester »in der Fläche«. Aber sie sind es, die hinten herunterfallen. Die Thüringer Landesregierung will zum Beispiel die Opernsparte im Nationaltheater Weimar einsparen. Von Solidarität der »Dinosaurier« ist in solchen Fällen kaum etwas zu spüren, denn, wie eine Amsterdamer Künstlerin sagt, wenn sie wieder etwas bekämen, würde es anderen genommen. Die Erhaltung der beispiellosen europäischen Kulturlandschaft wird – das lässt der Film vermissen – ohne eine andere Verteilung nicht möglich sein. Das großartige Engagement Einzelner löst das Grundproblem nicht. Mehr noch: Von den Autoren unbemerkt, geht ein Gespenst um in Europa, das Freie-Konkurrenz-Abkommen TTIP, mit dem wir noch unser blaues Wunder erleben werden.

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Kultur – koste es, was es wolle, Dokumentation von Reinhild Dettmer-Finke, ARTE, WDR, SFR, Deutschland 2015, Mittwoch 21.30 Uhr auf ARTE

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