„Hahaha“, sagte Tobias. „Hahaha“, sagte der Copilot – Der geniale Erzählverweigerer Jakob Nolte schickt uns in die Luft – Annotation zum Roman „Kurzes Buch über Tobias“

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"Kurzes Buch über Tobias", ein Roman von Jakob Nolte. © Suhrkamp

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man muss dieses Buch lesen. Auch wenn die Leserin es mehrfach gegen die Wand klatschen muss. Mir ging es jedenfalls so. Weil Nolte ein enervierendes Spiel mit uns unschuldigen Lesern treibt. Das tut er schrecklich, schrecklich gut.

Das Erzählen wurde ihm in die Wiege gelegt, vielleicht hat er es auch in der Hildesheimer Schreibfabrik gelernt, egal.

Alles beginnt und endet in einem Hubschrauber. Der vielleicht landet, evtl. Tobias aufnimmt, am Ende nur in der Scheibenwelt des Tobias existiert.

Aber welches Tobias Scheibenwelt? Die des Erzähler Tobias, oder dessen Freund Tobias, mit dem der Erzähler ein Kind zeugen möchte? Tobiasse, Häsinnen, die früher einmal, als sie noch Frau waren, mit einem der zwei Tobiasse (wahrscheinlich dem Erzählertobias) eine Liaison hatten, leiten uns durch die Story, die von Herrn Nolte immer wieder um gezaubert wird, wenn wir es uns in ihr zu gemütlich gemacht haben.

Achs so, weiterhin tauchen auf: vergeschlechtliche Absolvent*innen der Hildesheimer Dichterschmiede, Silvestergesellschaften, lebende, sterbende und tote Familienmitglieder. Wer jetzt Angst bekommt, dem werfe ich entgegen:

Noltes lässig=mutiger Stil gehört zum Erregendsten, was die junge deutsche Literatur gegenwärtig zu bieten hat!

Er wirft alle Vorstellungen von Schreiben in einen Sack und dengelt mit der Kettensäge drüber. Dann öffnet er den Sack und richtig gute Literatur springt heraus, traurig, vielschichtig, lustig.

Tobias (aber welcher?) wird zum Televangelisten, Nolte veranstaltet ein Match im Reich Gottes (Emmanuel Carrère).

Ein Tobias spielt gern Tischtennis und will nur das Gute.

Klappt leider nicht, sagt der Rezensent.

Klappt, sagt Tobias. Aber welcher?

Bibliographische Angaben:

Jakob Nolte, Kurzes Buch über Tobias, Roman, 231 Seiten, fester Einband, Verlag: Suhrkamp, Berlin, 1. Auflage, 15.2.2021, 231 Seiten, ISBN: 978-3-518-42979-2, Preis: 22 EUR (Deutschland), 22,70 EUR (Österreich), 31,50 SFr

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