Kieke mal Kike Arnal! Die unglaublichen „Voladores“-Flieger aus Mexiko in einer Fotoschau von Ximena de la Macorra oder: Wie Tugend und Kultur Frieden erhalten

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© 2016 Foto: Andreas Hagemoser

Berlin-Kreuzberg, Deutschland (Kulturexpresso). Die stärkste Ausstellung des Europäischen Monats der Photographie (EMOP) verdankt ihre Kraft dem Phänomen, dem es gewidmet ist. „Voladores“ – „Dance of the Flying Men“ zeigt in Schwarz-Weiß-Bildern ein Ritual, bei dem die Schutzheiligen um Fruchtbarkeit gebeten werden, genügend Wasser gehört dazu. Überhaupt sind die Elemente unübersehbar dabei.

Von der Spitze eines schwindelerregend hohen Pfahles aus – wir sprechen hier von einem WIRKLICH HOHEN PFAHL, augenscheinlich meist mindestens so hoch wie zwanzig Männer, die übereinander stünden – schwingen die Tänzer an Seilen um ihn herum und auf den Boden. Vorher und währenddessen wird auf der Spitze des Pfahles getanzt!

Der Pfahl verbindet Luft und Himmel mit Erde, Wasser und Boden. Einst wuchs er selbst aus dem fruchtbaren Schoß der Erde heran.

Extra für diesen Anlass wird ein Baum gefällt. Das sagt sich so leicht, aber der Fall wird nicht auf die leichte Schulter genommen. Bereits die Auswahl des Baumes ist wichtig, soll der Stamm doch mehrere Tänzer tragen und fest sein, so wie die Tänzer fest sind in ihren Tugenden.

Und spätestens dann unterscheidet sich das Fällen des Lebewesens Baum vom Holzfällen für Heiz- und Tischlerzwecke westlicher Unart.

Zunächst wird der Baum umtanzt und wegen seines Lebensendes um Verständnis gebeten. Ein höheres Ziel wird angestrebt – ausgeglichenes Wetter, Regen, reiche Ernte und ein leidloses Zusammenspiel der Menschen mit den Elementen. Dabei ist der Respekt vor den Pflanzen – und der Welt um sie – schon vorhanden.

Der Veranstaltungsort von „Voladores“ und seine Geschichte

Der Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien ist manchen spätestens seit den „Häuserkämpfen“ bekannt. Hausbesetzer hatten das versteckt liegende Nebengebäude 1a des seit 1970 leerstehenden Krankenhauses „wiederbelebt“.

Die kirchliche Klinik nahe der Bezirksgrenze zu Mitte wurde ein Opfer des Mauerbaues vom 13. August 1961. Sozialisten zogen den Eisernen Vorhang zwischen den beiden politischen Blöcken hoch und gossen ihn in Beton.

Das hatte auch kleinteilig zwischen den Bezirken und innerhalb der Stadt negative Folgen. Die Zahl der Patienten und der Schwestern aus Ost-Berlin ging stark zurück, 1966 ist das Krankenhaus Bethanien zahlungsunfähig.

1968 sollen die Gebäude abgerissen werden. In der Zeit der APO und großer Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen wird der 1845-47 von Theodor Stein und Ludwig Persius erbaute Komplex nach erfolgreichen Protesten 1969 unter Denkmalschutz gestellt. Ein Jahr später die Schließung und der Verkauf an das Land Berlin. Eine Kontroverse um die Nutzung ist entflammt, die Architektin Kressman-Zschach plant, alles bis auf den Hauptbau, in dem die Bilder aus Nordamerika hängen, abzureißen und drumherum Wohnhochhäuser und ein Seniorenheim zu errichten. Doch dazu kommt es nicht, das Ensemble ist geblieben.

Heute ist das Hauptgebäude eine würdige Unterkunft für Kultur meist aus dem Bereich der Bildenden Kunst mit Ateliers und Ausstellungsräumen. Das Haus am Mariannenplatz 2 hat eine lange Vergangenheit, reicht aber nicht in die Anfänge Berlins zurück. Deutschlands Hauptstadt ist auch nur etwa 800 Jahre alt, sogar Spandau ist älter. Trier und Lüneburg können darüber nur
schmunzeln.

Gesundheit, Heilen und Harmonie

Im Studio 1 des Kunstraums mit seinen Arkaden und zwei Stockwerken wird eine der ältesten Traditionen Amerikas gezeigt, ein in jeder Hinsicht angemessener Rahmen.
Hier, wo die Gesundheit im Mittelpunkt stand, werden spektakuläre Rituale dargestellt, die Harmonie mit der Natur erzeugen sollen und schon im Prozess die Gesellschaft heilen.

In Mexiko ist Drogenhandel vielerorts ein Problem, das mit extremer Gewalt verbunden ist. Dennoch sind die Barone Vorbilder: Sie wohnen am schönsten, fahren die dicksten Autos, sind umgeben von den schönsten Frauen. Doch dieser falsche Schein hat in der Sierra keinen Reiz. Drogenhändler kriegen dort keinen Fuß an den Boden, und die Tänzer genießen eine enorme gesellschaftliche Anerkennung, einen hohen Status.

Die Entrücktheit als Vorbereitung auf das Kunsterlebnis

Wer vom U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof zu Fuß oder mit dem Bus die eine Haltestelle auf der Oranienstraße bis zum Heinrichplatz zurücklegt, lässt das Getriebe der Großstadt schon hinter sich. Zu Fuß durch die Mariannenstraße nach Norden nimmt der Straßenverkehr weiter ab. Zuletzt dringt man zu Fuß über einen gepflasterten Weg vor, lässt die Grünflache rechts liegen und ist auf dem Mariannenplatz immer mehr bei sich, der Welt immer weiter entrückt.

Am eindrucksvollen Haupteingang des Kunstraums Kreuzberg mit seinen Doppeltürmen betritt man bereits eine andere Welt. Eine gute Vorbereitung für die Ausstellung. Doch zunächst muss man, wie bei einer Initiation, noch in den ersten Stock aufsteigen und darf sich in der großen, verzierten Halle mit ihren Arkaden weder verirren noch ablenken lassen. Wer nicht wirklich zur Ausstellung möchte, bleibt in der Gastronomie im Erdgeschoss und verpasst dann wichtiges.

Im 1. Stock laden 3 Eingangstore ein, übergroße Drucke von s/w-Photos empfangen einen im Vorraum neben dem Tisch mit dem Gästebuch und dem übergroßen Buch, das zur ersten Ausstellung 2014 in Mexiko erschien. Doch ein Buch zur Ausstellung gibt es auch – später, oben.

Nach wenigen Stufen dringt man in den Hauptausstellungsraum vor, der wie manche Kirchen in drei Schiffe aufgeteilt ist. Transluszente Transparente links und rechts am „Mittelschiff“ umrahmen in ihrer schwarzweißen Leichtigkeit das Geschehen. Bei einem leichten Luftzug hat man vielleicht das Glück, dass sich die Transparente wie eine Fahne im Wind bewegen und die sich hinabschwingenden Tänzer und „Flieger“ in Bewegung kommen.

„Voladores“ – „Dance of the Flying Men“ – Flieger hängen; Hängung und Zahlen

Dabei fehlen die Zahlen und ihre Magie nicht: Manchmal sind es sechs, in den meisten Orten 4 „Flieger“, die dreizehnmal am Pfahl hinabkreisen. Das ergibt 52, einen Zahl von Bedeutung und die Anzahl der Wochen eines Sonnenjahres.

Eine innenliegende Metalltreppe führt auf die höchste Stufe – die Galerie der Galerie, von der sich neue Einblicke ergeben.

Unabhängig von der hohen Qualität der Photographien von Herrn Kike Arnal, einem in den USA lebenden Venezolaner, vergeben wir die Bestnote für die Hängung der Bilder und den Gesamteindruck.

Selten wurde eine so hohe Einbeziehung von Photographien in den Raum erreicht. Das ist eine Kunst, die nicht nur dem „Kunstraum“ alle Ehre macht, sondern vor allem dem Thema entspricht.

Ein Genuss, von dem man sich seine Scheibe abschneiden kann, photographisch, ethnologisch, mystisch-rituell oder einfach nur visuell und ästhetisch.

„VOLADORES – DANCE OF THE FLYING MEN“ European Month of Photography. Ausstellung/ Exhibition bis 1. November 2016, 12 bis 19 Uhr, Mariannenplatz 2, Berlin-Kreuzberg, Studio 1 (1. Stock)

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