Klangsalven – An der Oper Lyon entfesselt Alexander Raskatovs „GerMania“ die Schrecken des 20. Jahrhunderts; auf den Spuren von Heiner Müller

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Szene aus dem Stück "GerMANIA" an der Oper Lyon. © Stofleth

Lyon, Frankreich (Kulturexpresso). Gemeinsam bewachen sie die Berliner Mauer, das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“: Ernst Thälmann und Walter Ulbricht, der Kommunistenführer und der DDR-Staatschef. Ulbricht fragt: „Weißt du was Besseres?“ Thälmann antwortet: „Nein.“ Eine beißende Salve schießt aus dem Orchestergraben; Soldaten zerren einen Flüchtling weg. „Was haben wir falsch gemacht?“

Schon in der Eingangsszene von Alexander Raskatovs Musiktheater „GerMania“ legen sich die großen Fragen des 20. Jahrhunderts schwer aufs Gemüt. Der russische, in Paris lebende Komponist schuf sein Libretto nach Heiner Müllers letztem Theaterstück, „Germania 3 Gespenster am toten Mann“. Das wurde 1995, fünf Monate nach dem Tod des Dramatikers uraufgeführt. Es geht um das katastrophale Scheitern von Utopien, zwischen Zweitem Weltkrieg und Fall der Berliner Mauer.

Müllers fragmentarisch anmutende Szenenfolge – ein Vexierspiel mit Verweisen, Anspielungen und Zitaten – ist nahezu unspielbar. Raskatov hat hier zunächst einmal die Komplexität reduziert; nicht zuletzt, um den Stoff für das französische Publikum verständlicher zu machen. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreicher 90-Minüter; auf Deutsch und Russisch, mit französischen Untertiteln.

„GerMania“ wurde von der Oper Lyon in Auftrag gegeben, die regelmäßig mit unkonventionellen Produktionen Aufmerksamkeit erregt. Beleg dafür, dass die drittgrößte Stadt Frankreichs in der Gunst der Touristen zu Unrecht im Schatten von Paris steht. Die Stadt an den zwei Flüssen, Rhône und Saône, besticht nicht nur mit beschaulichen Uferwegen, mittelalterlichen Gassen und den breiten Platanen-Boulevards. Auch das Kulturleben kann sich sehen lassen; dafür steht auch die Oper von Lyon, die 2017 zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde und schon architektonisch einen Hingucker darstellt: Jean Nouvel setzte ein markantes Dach aus Glas und Stahl auf die alten neoklassizistischen Mauern. Drinnen herrscht schwarz. Auf schmalen Rolltreppen saust man zwischen den verschiedenen Ebenen umher.

Düster ist auch die Inszenierung von John Fulljames. Auf der Drehbühne kreist ein Kleiderberg, der zugleich ein Schlachtfeld ist. Die Figuren krabbeln daraus hervor, wie Geister, die aus der Erde kommen. Gulag, Stalingrad und Holocaust – neue Leichen lagern sich wie Sedimente auf ein- und derselben Toteninsel ab. Deutsche und russische Soldaten, Häftlinge und Kriegerwitwen, allesamt traumatisiert und verroht, vegetieren hier. Ein alter Schäferhund ist Zeuge menschlicher Schrecken, die er nicht versteht.

In seiner schrillen, furios entfesselten Musik greift Raskatov das Fragmentarische Heiner Müllers auf. Seine kurzen, kontrastreichen Szenen bieten zahlreiche Stile: vom Wagner-Pathos über Agitprop und Modetänze bis zum lautmalerischen Schlachtenlärm mit Salven und Sirenen. Mehrmals ziehen die ersten Takte von „Ich hatt einen Kameraden“ wie Pulverdampf übers Schlachtfeld.

Oft klingen die Instrumente scharf wie Waffen; extreme Spieltechniken bedrängen den Hörer emotional und physisch. Immer wieder kippt die Musik abrupt ins Sarkastische. So singt der betrunkene Stalin „Ich bin ein blutrünstiger Hund“ als Foxtrott. Dann wieder erklingt ein jazziger E-Bass, während der „Rosa Riese“, ein perverser Serienmörder mit bunter Unterwäsche, von der Vergewaltigung seiner Mutter durch russische Soldaten berichtet. Karl Laquit, im Ganzkörperanzug aus rosa Plüsch, wimmert hier in höchster Tenorlage.

Der argentinische Dirigent Alejo Pérez bringt die kontrastreichen Szenen in einen großen Spannungsbogen. Das herkömmliche Orchester wird erweitert durch Saxophone, E-Gitarre, Klavier und sieben Schlagwerker. Für Raumeffekte sorgt eine Bläserriege im fünften Rang.

Die 16 Darsteller schlüpfen jeweils in mehrere Rollen. Den Sängern, allesamt exzellent, wird Außergewöhnliches abverlangt: Drei Damen (Sophie Desmars, Elena Vassilieva, Mairam Sokolova) als zum Selbstmord entschlossene deutsche Kriegerwitwen schluchzen, kieksen und gackern in schwindelerregenden Intervallsprüngen.

Mit Stiefeln anstelle der Arme verkörpert der „hysterische Buffo-Tenor“ James Kryshak einen völlig verrückten, schrill kreischenden Hitler. Bei politischen Äußerungen wird dessen Stimme durch Lautsprecher verdoppelt, was an den Klang des alten Volksempfängers erinnert.

Stalin wird von Gennadii Bezzubenkov verkörpert, dessen dunkler, grummelnder Bass dem Diktator etwas Animalisches verleiht.

Am Ende gab es begeisterten Applaus, vor allem für das Regie-Team. Heiner Müllers Fragen nach dem Wesen von Gewalt und Diktatur bleiben offen. Der Zuschauer wird ohne Lichtblick entlassen. Das Stück schließt mit Juri Gagarins berühmtem Gruß aus dem All: „Dunkel ist der Weltraum, sehr dunkel“. Seit Gagarins Zeiten ist er nicht heller geworden.

Weitere Vorstellungen: 23., 26., 28., 30. Mai; 4. Juni; jeweils 20 Uhr
www.opera-lyon.com

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