Berühmte Briefe an die tumbe Tochter oder Die Gräfin von Grignan – Madame de Sévigné, die Edelfeder des französischen Hochadels

Château de Grignan
Eine Ansicht des Château de Grignan. © Blaise Adilon

Grignan, Provence, Frankreich (Kulturexpresso). Sie galt und gilt als Edelfeder des französischen Hochadels: die am 5. Februar 1626 in Paris als Marie de Rabutin-Chantal geborene und am 17. April 1696 auf Schloss Grignan in der Provence als Marquise de Sévigné gestorbene Schreiberin unzähliger Briefe.

Grignan.
Blick über ein in Blüte stehendes Lavendel-Feld auf Grignan. © F. Da Costa

Irgendwer wird wohl nachgezählt haben, denn Florence, meine famose Französin, die mich Germanen in Grignan die Gassen rauf und runter führt, nachdem ich sie zuvor auf meinem Motorrad hin- und herfuhr, flüstert mir die Zahl 750 zu. Flüstert? Nun, bei einer Führung durch das Schloss schauen Besucher in der Regel andächtig auf zur Schau Gestelltes und lauschen den Worten der Herren und Damen über die Schlüssel. Es müssen viele sein, viele Schlüssel, denn das Schloss hat viele Türen, aber nach draußen nur diese eine, durch die alle Besucher müssen. Sie führt vorbei an einer Kasse, klar, an der wir Eintritt bezahlen, um uns das Gebäude ansehen zu können. Immerhin parkten wir den Feuerstuhl wild und ohne Gebühr am Fuße des großadeligen und rundum bebauten kleinen Berges.

Madame de Sévigné
Madame de Sévigné hängt im Château de Grignan. © Les Châteaux de la Drôme

Die passionierte adelige Autorin, welche die Gattung des Briefeschreibens begründete, zähle zu den großen Klassikern der französischen Literatur, und zur obersten Klasse der feinen Federn, in die es nur wenige Frauen wie Margarete von Angoulême, Madame de La Fayette, Anne Louise Germaine de Staël-Holstein oder Ende des letzten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung Yasmina Reza schafften, werde ich mit anderen, die eine Runde durchs Eckige drehen, belehrt.

Doch von Reza, der Autorin der Werke „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“, zurück zur de Sévigné, die Briefe an die im Vergleich zur Mutter tumben Tochter schrieb und ins rustikale Renaissance-Schloss des Comte de Grignan im heutigen Département Drôme in der neuen Region Auvergne-Rhône-Alpes schickte. Schließlich heiratete die innig geliebte Tochter Françoise-Marguerite 1669 den Grafen von Grignan und zog zwei Jahre später in die für schwarzen Trüffel berühmte Kleinstadt nicht weit vom Mont Ventoux im Tricastin.

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Ein schöner Ausblick vom Schloss Grignan in die Gegend. © M. Rougy/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

Wer dem Tipp mit den „Truffle“, wie Florence mir ins Ohr haucht, keinen Glauben schenken mag, der möge sich in eine der für den Ort zahlreichen Restaurants ein gutes Gericht mit Perigord-Trüffel servieren lassen. Selbstverständlich lud ich meine reizende Reiseführerin zu einer Mahlzeit Tuber melanosporum ein, nachdem wir mit dem Buch „Briefe“ von Madame de Sévigné durch Grignan und die Gegend wandelten.

Wer sich ein Bild machen möchte auch über das Leben am Hofe Ludwigs XIV., über die politischen Ereignisse zur Zeit des Sohnes der Anna von Österreich, der 1715 im Schloss Versailles starb, vor allem über die geistige und menschliche Bildung jener feudalgesellschaftlichen Zeit in ihrer reinsten, abartigsten und anmutigsten Form, der greift zu diesen Briefen. Das Buch mit zeitgenössischen Kupferstichen wird seit 1979 bei Suhrkamp als Insel-Taschenbuch verlegt.

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Dieses Mosaik in Grignan erinnert an die Edelfeder vom Château de Grignan genannten Schloss. © R. Schleipman/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

In der Gegend gedeihen nicht nur knollige Gewächse und libidinöse Gefühle, sondern neben Liebe auch Lavendel. Zudem wächst Weisen auf Äckern, reifen Oliven an Bäumen. Diese Früchte dieser Erde rahmen die Grignan in eine malerische provenzialische Kulisse ein. Kein Wunder, dass die de Sévigné 1689 an ihre Tochter schrieb: „Ich denke andauernd an Grignan, an Euch und an Eure Terrassen mit dem wunderschönen triumphierenden Blick“ auf die Natur- und Kulturlandschaft.

Dass das Schloss, das die reiche Bankierswitwe Madame Fontaine im 20. Jahrhundert vollumfänglich sanieren und wiederaufbauen ließ, einst eine Burg auf einem Berg war, einer stattlichen Erhebung inmitten einer Ebene, das sehen Besucher von Stadt und Schloss noch heute. Zum Schloss zählt mehr oder weniger auch eine kleine Kirche, in der sich das Grab der Madame de Sévigné befinden soll. Die Stiftskirche Saint-Sauveur unterhalb der Terrassen soll zwischen 1535 und 1539 gebaut worden sein. Sie besteht vor allem aus Naturstein. Immerhin ist der Grabstein der Madame aus Marmor.

Grignan.
Der Eingang zur Kirche am Schloss Grignan. © R. Schleipman/Auvergne-Rhône-Alpes Tourisme

In der Kirche, die an heißen Tagen in langen Sommern in gewisser Weise Trost weil Kühle und vor allem Schatten spendet, schrieb die Frau mit der edlen Feder allerdings nicht. Sie soll in der ein paar Hundert Meter von Grignan entfernt liegenden Grotte manche allerdings nicht grottenschlechten Texte geschrieben haben. Von einem bevorzugten Ort des achtsamen Schreibens ist bei Fremdenführern die Rede, wenn es um die Grotte von Rochecourbière geht. Florence trage ich ein paar Verse abseits Höhle aber mit Verve vor. Ob es nun die Eloge der Madame ist oder mein Elan, das vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, aber Florence folgt mir weiter durchs Département Drôme.

Und ich bin sicher: Die Gemeinde Grignan und die Gegend um das Chateau de Grignan sind eine Kultur- und kulinarische Reise wert und wer sie mit einem Motorrad unternehmen will, der wende sich an Jochen Ehlers von Endurofun Tours, der meine Recherche zum Thema freundlich unterstützte wie die Agentur für die touristische Entwicklung der Drôme, dessen Damen und Herren ebenfalls gerne Auskunft geben.

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