Köche, Küchen, Kochen und immer wieder Kühlschränke, aber keine Kritik im Kochbuch

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© Taschen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das ist dick, das Buch. Das passt eigentlich nur in die Zeit, in der Hausfrauen ein dickes Kochbuch hatten mit Basisbanalitäten. Mehr brauchte Frau nicht. Jetzt können sich alle, die zuhause kochen, ein weiteres, 328 Seiten langes Werk im A4-Format dazustellen. Aber auch drin blättern!

Denn der Schinken hat es in sich, weil die in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) aufgewachsenen Autoren Carrie Solomon, die fotografierte, und Adrian Moore, der schrieben, sich Zutritt zu „spärlich möblierten Single-Apartments von Bistroköchen und zu noblen Residenzen von Starköchen“ verschafften.

Der Verlag teilt mit: „Beiträge von 40 Spitzenköchen aus ganz Europa mit insgesamt 60 Michelin-Sternen, Nummer eins und zwei der Liste „The World’s 50 Best Restaurants“ aus dem Jahr 2015 sowie die beste Köchin des Jahres, Hélène Darroze, zwei Rezepte pro Koch mit Schwerpunkt auf regionalen Zutaten und Spezialitäten, einen schnellen Zugang zu den Rezepten durch ein detailliertes Register, Adressen aller Restaurants und Illustrationen der 40 Kühlschränke und weiterer Details von Aurore d’Estaing.“

Das Vorwort stammt von Nathan Myhrvold, Autor von Modernist Cuisine, und liest sich als Hommage an den Kühlschrank, der die Küche „demokratisierte“. Irgendwelche Begriffe planlos in den Raum werfen, das können US-Amerikaner so gut wie gezielt und möglichst günstig Bomben auf Millionen von Menschen, die sie überhaupt nicht kennen. Weisheiten wie diese: „Wichtig für den Betrieb eines Kühlschranks ist es, auf eine gleichbleibende niedrige Temperatur zu achten“, oder „Wenn die Tür länger offen steht, steigt die Innentemperatur an“ hält der Mann, dessen Hirn offenbar nicht heiß genug war, um wirklich Wichtiges zu Papier zu bringen. Immerhin verdanken wir ihm den Hinweis, dass „in den USA … die Kühlschränke riesig, oft richtige Kühlkammern“ seien, „denn die Amerikaner lagern darin alles: Bier und Limonade in großen Mengen, Eier, Butter und sogar Brot.“

Die Einleitung ist nicht viel besser als das Vorwort. Von Foodfoto und Foodjournalist ist die Rede. Neben Anglizismen wird über den Kühlschrank geschrieben. Alle drei Autoren, die für das Vorwort und die Einleitung verantwortlich zeichnen, haben das Thema verfehlt. Ein Vorwort muss die Aufgabe, die sich die Autoren eines Textes stellten, deren Motivation darlegen und das Ziel eines Buches nennen. Ein Vorwort sollte Auskunft über die Autoren geben, die Leser, für die das Buch gedacht ist, beschreiben und kann eine Danksagung beinhaltet. Eine Einleitung hingegen sollte den Leser in den Hauptteil eines Buches geleiten, ihn ins Thema einführen. Dem Leser muss kurz und knapp klargemacht werden, was ihn im Buch erwartet. Punkt. Solomon und Moore machen das mit einem Abwasch. „Unsere Entdeckungstouren zu einigen der interessantesten Köche der Welt, gewährten uns nicht nur Einblick in ihre Kühlschränke, sondern auch in ihr Leben. Viele Monate verbrachten wir mit mehr als 40 kulinarischen Vordenkern, die zusammen 60 Michelin Sterne haben. So haben wir höchst originelle visuelle Schätze aus einer unterkühlten Welt gewonnen. Und tief in dieser frostigen, hermetisch abgeschlossenen Welt hoffen wir, etwas von der dort vergrabenen Persönlichkeit der Besitzer eingefangen zu haben.“

Eine bewusste, reflektiere, kritische und wenigsten ein wenig wissenschaftliche Arbeit ist auch das, was folgt, nicht. Das Buch mag für die USA passen wie die Faust aufs Auge, weil alles in den „Biografien“ von Joan Roca, Massimo Bottura, Fergus Henderson, Yotam Ottolenghi, Marco Pierre White, Hélène Darroze, Inaki Aizpitarte, Mauro Colagreco, Thierry Marx, Christian F. Puglisi und anderen nur „nett“ und so belanglos ist wie Backpflaumen. Eine Biografie zu schreiben heißt, einen Lebenslauf zu beschreiben, und das Verhältnis von subjektiv verstandenem Leben und objektiven Leben dazulegen, sich mit Leben und Werk gleichermaßen zu befassen sowie mit Zeit und Raum in den jeweiligen Lebensabschnitten, welchen auch immer.

Das ganze Buch ist auf Stil aus und scheint die die Handschrift von Designern, Gestaltern, die keine Ahnung vom Inhalt haben, zu tragen. Früher war das umgekehrt. Inhalt war alles und Verpackung scheiß egal. Das war besser und wäre auch für dieses Buch besser gewesen.

Hören wir an dieser Stelle auf mit dem Schlechten des Buches auf und wenden wir uns dem Guten zu: den Rezepten. Tomatensuppe mit Litschis, baskischer Kalmar oder gebratener Grünkohl dürften nicht nur für mich neu sein. Neugierig? Buch kaufen, denn das Buch stellt nicht nur „40 europäische Spitzenköche und ihre privaten Kühlschränke zu Hause vor“, sondern soll „ihre regionalen Lieblingszutaten und besten Hausrezepten“ präsentieren.

* * *

Carrie Solomon und Adrian Moore, Inside Chefs’ Fridges, Europe. Spitzenköche öffnen ihre privaten Kühlschränke, 328 Seiten, Hardcover, Format: 21 x 30 cm, Verlag: Taschen, Köln 2015, ISBN: 978-3-8365-5352-0, Preis: 39,99 EUR (D)

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