Mozart unterm Matterhorn – Das Schweizer Bergdorf Zermatt hat das wohl höchst- und schönstgelegene Klassikfestival der Welt

Zermatt Festival (Symbolbild). © Zermatt Festival

Zermatt, Schweiz (Kulturexpresso). Herrlich ist die Anreise ins autofreie Zermatt. Das Bähnli schiebt sich das immer schmaler werdende Mattertal hinauf bis auf 1600 Meter Höhe. Mal plätschert ein Flüsslein neben dem Bahndamm; dann wieder rücken steile Felswände zum Greifen nah.

Touristen aus aller Welt fotografieren emsig und hoffen darauf, dass das Objekt ihrer Begierde hinter der nächsten Kurve auftaucht: das Matterhorn. Jedermann kennt die markante Silhouette des berühmten Viertausenders aus der Werbung. In der Realität aber ist der spitze Gipfel oft von Wolken umhüllt. Darunter breitet sich eine Bilderbuch-Idylle aus, mit verwitterten Almhütten und Kühen, die ihre Glocken am Halsband tragen.

Im Winter tummeln sich hier die Skifahrer; im Sommer wird gewandert. Den September, eigentlich Nebensaison, bereichert das Zermatt Music Festival, das in diesem Jahr am 7. September beginnt. Die Vorgeschichte reicht allerdings weiter zurück: Schon in den Fünfzigern lud ein ortsansässiger Hotelier den weltbekannten Cellisten Pablo Casals ein, der am Fuß des Matterhorns Konzerte und Meisterkurse gab.

Heute bildet das aus Mitgliedern der Berliner Philharmonikern bestehende Scharoun-Ensemble das Fundament des Festivals. Seit 2005 ist das Zermatt Music Festival ein Fixpunkt ihrer Tätigkeit. Hier treten die acht Scharoun-Mitglieder nicht nur in Konzerten auf, sondern geben auch ihre Erfahrungen an junge Musiker weiter. In der zweiwöchigen Zermatt Festival Academy studieren sie mit den Schülern gemeinsame Kammerkonzerte ein und bilden mit ihnen zusammen das Zermatt Festival Orchestra.

Nach einem Auftritt, den die Scharoun-Mitglieder vor 16 Jahren in der Kapelle auf der Riffelalp, oberhalb von Zermatt spielten, wurde ihnen klar: Sie hatten ihr Paradies gefunden. Beim Zermatt-Festival liefen sie offene Türen ein.

Wobei die kleine Kapelle, hart an der Baumgrenze gelegen, sich kaum als Heimstatt für ein vierzigköpfiges Festivalorchester eignet. Also stieg man hinunter ins Dorf, wo es allerdings auch keinen richtigen Konzertsaal gibt. Die Proben und Veranstaltungen finden in den Kirchen oder Tagungssälen der Hotels statt.

Dass in der Zermatt Academy nicht nur unterrichtet wird, sondern Schüler und Dozenten gemeinsam konzertieren, macht ihr besonderes Markenzeichen aus. Außerdem sind zahlreiche Proben öffentlich zugänglich. So gab es im vergangenen Jahr eine Meisterklasse, die im Ausstellungsbereich des Matterhorn-Museums stattfand.

Überhaupt kommt der Festivalbesucher im Ort gut rum. Eine Veranstaltung fand in dem kuschligen Kirchlein der englischsprachigen Gemeinde statt; eine andere im Atelier eines Bildhauers mitten im Gewerbegebiet. Stets ist spürbar: Die Abgeschiedenheit von Zermatt fördert die Konzentration der Musiker. Man kommt schwer hinauf ins Mattertal, und schwer wieder weg. Vor Ort fühlt man sich abgeschirmt vom Rest der Welt – das ganze Gegenteil zu unserem mobilen, vernetzten Alltag.

Doch so laut das Matterhorn auch rufen mag – viel Zeit zum Wandern bleibt den Dozenten und Akademisten nicht. Sie proben meist den ganzen Tag, muss doch binnen kurzer Zeit ein vielfältiges Repertoire einstudiert werden.

Wer als Besucher keine Berge erklimmen mag, könnte bei Probenbesuchen und Konzerten zwei Wochen lang quasi rund um die Uhr hochkarätige Kammermusik erleben. Und das in ganz lockeren Rahmen, tauchen doch viele Besucher in Wanderschuhen und Outdoorjacken bei den Konzerten auf. Darin liegt überhaupt der Reiz dieses kleinen, bodenständig anmutenden Festivals: Hier geht es um die Musik, die ganz ohne PR-Tamtam präsentiert wird. Abgezäunte Vip-Bereiche oder Sponsorenempfänge mit Gänsepastete erlebt man hier nicht.

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