Lustiges Nietzsche-Naschen (mit hoher Coronatauglichkeit) – Annotation zum Buch „Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche“ von Sue Prideaux

"Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche" von Sue Prideaux. © Klett-Cotta

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nietzsche hat zwar gerade nicht Geburtstag, doch welche biografische Betrachtung passt derzeit besser in die Zeit als die des geistigen Brandstifters und Jugendschwarms (meines) Fritze N.?

Als ich im bitteren Entscheidungswinter 1982/83 in Weimar drittklassigen Schergen des DDR-Sozialismus ausgesetzt war, gelang es mir Dank Nietzsche und einiger weiterer smarter Gestalten (Schopenhauer, Celine, Ewers, Benn), die in keine DDR-Schublade passten, das Hirn zu lüften und die Fliege zu machen.

Waren es seinerzeit die romantisch angehauchten Gedichte und das Heldenepos um Old Zarathustra, treffen heute das wahre Leben und das anhaltende Wirken der Schriften des einsamen Cowboys meinen Nerv.

Und so ist es kein Wunder, dass jede neue Nietzschebiografie von mir verschlungen wird wie Eisbein mit Sauerkraut.

Sue Prideaux, die polyglotte Kunsthistorikerin (einst) und Schriftstellerin (heute) schürfte just im Leben des Meisters und förderte „…mysteriöses, Einsamkeit… Pathos… Drama… Absturz… Wahnsinn“ zu Tage.

Das war erwartbar, trotzdem besticht ihre Auswahl an Zitaten. Es ist immer wieder groß, sich in den Lebensdramen des großen Lützeners (bei Röcken) zu suhlen. In Krisenzeiten wirkt er noch besser, knorkerweise gibt Frau Prideaux am Ende der Biografie ihre Nietzsche-Lieblingszitate zum Besten. Wollust, Bart, Wahrheit, Statt – für jeden ein Häppchen zum lustigen Nietzschenaschen.

Auch Nietzsches trauriges Ende wird fein ausgebreitet und in „bunten Fetzen und Farben“ geschildert. Das passt zum allgegenwärtigen Coronastyle, warum mit Infos geizen, wo dich morgen schon der Pestdoktor holt?

Des Weiteren lesen wir: Gott ist tot, die Schwester Elisabeth (ihr Wesen ist gut zu erkennen im Auftrags-Portrait von Edvard Munch), genannt Lama, eine finstre Intrigantin, Peter Gast ihr willfähriger Helfer, nebst diversen Betriebsnudeln, die an FN selbstverständlich auch ordentlich abkassieren wollten.

Des Meisters Ende war bizarr und brachte nicht nur den rolligen Rüpel Klaus Kinski zum Weinen. Eingekeilt zwischen Ruhekissen in Elisabeths dunkler Matratzengruft, mümmelte er seine geliebten Kuchen, dem einzig und allein sein Interesse galt. Ab und an schrie er herzzerreißend des nachts, besonders in den Abendstunden zeigte ihn die Schwester für bare Münze seinen Narren=Anhängern, der Ruhm des Meisters hatten ihr eine nette Villa eingebracht. Sie bewegte sich in Weimar nur in Kutschen, hielt sich junge Herren für gewisse Stunden, war Herrscherin und oberste Fälscherin im Nietzscheuniversum. Sie hätte es wahrlich schlimmer treffen können.

Sues 560 Seiten sind schnell schnabuliert – legt euch ein Taschentuch ins Buch und weint eine anmutige Träne für Fritz, der Mitleid für ein modernes Laster hielt.

Bibliographische Angaben

Sue Prideaux, Ich bin Dynamit: Das Leben des Friedrich Nietzsche, 560 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Übersetzer aus dem Englischen: Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler (Orig.: I am Dynamite! A Life of Friedrich Nietzsche), gebunden mit Schutzumschlag, Verlag: Klett-Cotta, 1. Auflage, Stuttgart 2020, ISBN: 978-3-608-98201-5, Preis: 26 EUR (Deutschland), 26,70 EUR (Österreich)

Anzeige