Nie wieder Rodeo – Kritik zum relativ unkritischen Film „Der Reiter“

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Brady Jandreau und Lane Scott spielen Rodeo im Film "Der Reiter" von Chloé Zhaos. © Les Films du Losange

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Verstanden zu Zeiten, als der Norden Amerikas noch von Ureinwohnern gesäubert werden musste, die Einwanderer unter Rodeo das schnelle Einreiten von Wildpferden und die Arbeit mit dem Lasso, so ist das heute eine Schauveranstaltung, bei der keine Wildpferde einsetzt werden, sondern für wenig Geld gekaufte Tiere, die als „nicht reitbar“ gelten.

Das wird in dem Film „Der Reiter“ zwar nicht thematisiert, aber auch nicht verheimlicht, aber das Drehbuch und die Kamera (Joshua James Richards) rotieren um die raue und harte Prüfung menschlicher Fähigkeiten und um die Frage nach Männlichkeit und Mut, dem Sieg über die eigene Angst und die des ängstlichen Fluchttieres, das keine Chance hat – wie die Ureinwohner Nordamerikas keine Chance gegen die Einwanderer hatten.

Die Organisation PETA nennt Rodeo eine „billige und manipulierte Darstellungen der primitiven menschlichen Dominanz über Tiere, versteckt hinter einer mageren Verkleidung als Unterhaltung“. Das dokumentiert der Film, der als Neo-Western von Hofberichterstattern und solchen, die das werden wollen, abgefeiert wird, sehr selten. Chloé Zhao, die sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, wollte wohl eine Erzählung über den jungen indianischen Pferdetrainer Brady Blackburn (Brady Jandreau), der in Folge eines verhängnisvollen Sturzes aus dem Sattel mit einer beinahe tödliche Kopfverletzung gezwungen ist, das Rodeo aufzugeben. Mit einer verkrampfenden Hand kann er im Notfall nicht rechtzeitig vom Pferd springen, aber immerhin noch gemütlich über die Prärie reiten.

Die Geschichte spiel in einem Indianereservat in South Dakota. Brady lebt fünf Jahre nach dem Tod seiner Mutter mit seiner geistig behinderten Schwester und seinem mehr oder minder von Alkohol abhängigen und nach Glücksspiel süchtigen Vater. American life also, wie er seltener gezeigt wird.

Das Besondere: die spielen sich alle selbst – der Hauptdarsteller, die Schwester und der Vater. Auch die anderen sind Laiendarsteller. Bradys bester Freund Lane Scott, ein einst erfolgreicher Rodeo-Champion, der seit einem Autounfall (im Film ist es ein Rodeo-Unfall) körperlich schwer behindert in einem Pflegeheim wohnt, ist ebenfalls in die Handlung einbezogen. Auch Cat Clifford spielt Cat Clifford, Terri Dawn Pourier spielt Terri Dawn Pourier, Tanner Langdeau spielt Tanner Langdeau und James Calhoon spielt James Calhoon.

Cool? Das fanden zumindest einige Cineasten, sie zeichneten die Filmemacher und vor allem Chloé Zhao mehrfach aus, obwohl der Film unkritisch mit dem Rodeo an sich umgeht, als sei das nur die Hintergrundrauschen oder -geschichte eines jungen Mannes auf seinem Weg ins Leben, der sich nicht fragt, wer es ist, aber scheinbar weiß, was er will.

Rodeo ist viel mehr. „Elektroschock-Stäbe, Stäbe mit scharfen Spitzen, ätzende Salben und anderes Folterwerkzeug, das in den USA bei Rodeos verwendet wird, um die Tiere zu reizen und in Wut zu bringen“, sei laut PETRA Tierquälerei. Die oft äußerst eng geschnürten Flankenriemen sind Folterwerkzeuge, damit die Tiere, die „Rodeo-Pferde“ bocken.

PETRA verweist zudem auf Dr. C. G. Haber, einem Tierarzt, „der 30 Jahre seines Lebens als Bundesfleischbeschauer in den USA zubrachte“. Haber sei „in Schlachthäusern tätig“ gewesen und habe „viele ausrangierte ‚Rodeo-Tiere‘, die zum Schlachten verkauft worden waren“ gesehen. Er beschrieb die Tiere als „so extrem mit Quetschungen und blauen Flecken versehen, dass diese Tiere nur noch am Kopf, Nacken, an Beinen und Bauch Haut auf dem Fleisch besaßen. Ich habe Tiere gesehen, die sechs bis acht Rippen vom Rückgrat gebrochen hatten, die ihnen teilweise sogar die Lunge durchstoßen hatten. Ich habe gesehen, wie sich sieben bis elf Liter Blut unter der abgelösten Haut gesammelt hatten.“

Nein, das alles zeigt der unkritische, bisweilen kitschige und dabei durchaus wirklichkeitsnahe Film nicht.

Filmografische Angaben

Originaltitel: The Rider
Deutscher Titel: Der Reiter
Land: Vereinigte Staaten von Amerika
Jahr: 2017
Regier und Buch: Chloé Zhao
Kamera: Joshua James Richards
Musik: Nathan Halpern
Schnitt: Alex O’Flinn
Länge: 104 Minuten
Altersfreigabe FSK ab 12

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