SORRY WE MISSED YOU! Systemsprenger im Freiluftkino Rehberge + anderswo

Nora Fingscheidt: Silberner Bär. In der Mitte die Hauptdarstellerin des Films "Systemsprenger", Helena Zengel. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „SORRY, we missed You“ wurde im März/ April/ Mai und auch im Juni/ Juli 2020 zu einem neuen Wieder-Willkommens-Slogan der wieder öffnenden Geschäfte, Gaststätten und Gäste empfangenden Beherbergungs- und Kulturbetriebe. Der Kulturbranche besonders. Seit wenigen Tagen haben die Kinos in Großbritannien wieder auf, wo Ken Loach herkommt. Seit dem 2. Juli 2020 dürfen auch die Berliner Kinos wieder öffnen. In Nordrhein-Westfalen geschah das früher, dafür wurde in den Kreisen Warendorf und Gütersloh das Leben komplett wieder runtergefahren, jedenfalls Kitas, Kinos und Fitnessstudios, bis ein Gericht damit gestern ein Ende machte.

Hätte heute die Kinosaison wieder begonnen, wäre „wir haben Sie vermisst“ ein Kompliment, eine Begrüßung, wie sie besser kaum sein könnte.

Der Ken-Loach-Film „Sorry, we missed you“

ist vom Titel her programmatisch für die jetzige Zeit, hatte aber natürlich gar nichts damit zu tun. Es ist das jüngste Werk – 2019 in Cannes im Wettbewerb, seit 30.1.2020 bundesweit im Kino – des 84jährigen Londoner Filmemachers, der am 17. Juni Geburtstag feierte.

2014 hatte er angekündigt, mit dem Drehen aufzuhören. Da war Loach 78 Jahre alt. „Jimmy‘s Hall“ sollte sein letzter Film werden.

2016 drehte er noch „Ich, Daniel Blake“ – den sozusagen „allerletzten“ Film.

Damit hatte er 50 Jahre Filme machen vollgekriegt. Es begann 1966 mit dem Fernsehspiel „Cathy, come Home“(Thema Obdachlosigkeit), dem 1967 der Kinofilm „Poor Cow“ (deutsch: „Poor Cow – geküsst und geschlagen“; Thema Armut) folgte und bereits 1969 der zweite Kinofilm „Kes“.

Doch Loach hörte nicht auf. Als „Sorry we missed you“ – im Fokus ein Paketfahrer und eine Pflegekraft mit zwei Kindern – 2019 in Cannes im Offiziellen Wettbewerb vorgestellt wurde, war das Wochen vor Loachs 83. Geburtstag. Und ob der Regisseur diesmal wirklich aufhören will oder wird, ist die Frage. Die Erfolge unter anderem an der Côte d’Azur sprechen dagegen, auch weil Loach in den ersten 30 Jahren seines Schaffens wenig Anerkennung erfuhr, sondern Ablehnung und Zensur. Die linken Ansichten und die Darstellung der sozialen Probleme waren vor allem Margaret Thatcher ein Dorn im Auge. Im Ausland dagegen fanden seine Filme, wohl nicht zuletzt wegen des sozialen Aspekts, Anerkennung. „Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts …“

„I, Daniel Blake“ über einen Mann, der einen Herzanfall erleidet und sich dann mit dem britischen Wohlfahrtssystem herumschlagen muss, erhielt in Cannes die Goldene Palme. Seine zweite „Palme d‘or“ nach „The Wind That Shakes The Barley“. Diese Ehre des doppelten Goldpalmengewinns wurde bisher nur 9 Filmemachern zuteil. Auszeichnungen erhielt er immer wieder, so 1972 bei der Berlinale den FIPRESCI-Preis für „Family Life“ , seinem dritten Kinofilm, und schon 1994 (!) in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.

Falls Ken Loach (eigentlich Kenneth Charles) wirklich einmal aufhört, wird es wahrscheinlich immer noch einen Regisseur Loach geben. Sogar nach seinem Tod. Sein 1969 geborener Sohn Jim und eine seiner beiden Töchter, Emma, haben denselben Beruf. Emma (Jahrgang 1972) ist Dokumentarfilmerin und, das nur nebenbei, hat mit dem Schauspieler Elliot Levey drei Söhne.

Jim debütierte mit „Oranges and Sunshine“ 2011. Er nahm – nimmt es Wunder? – soziale Missstände und Skandale seiner Heimat aufs Korn. In seinem Debutfilm spielt Emily Watson die Hauptrolle als Margaret Humphreys, die Sozialarbeiterin aus Nottingham, die den Kindermigrationsskandal aufdeckte. Arme Eltern, deren Kinder zu Adoption freigegeben wurden, wurden vom Staat belogen, die Kinder ebenso. Statt sie in Großbritannien in Pflegefamilien zu geben, wurden Tausende Kinder heimlich nach Kanada, Australien, Neuseeland, Rhodesien und in andere Ecken des Commonwealths gebracht. Nur, um Geld zu sparen. Das betraf etwa 150.000 Kinder.

Jim Loachs zweiter Film „Measure of Man“ startete im Mai 2018 in den USA und in Europa im Oktober auf dem Filmfestival in Rom. Es ist die Verfilmung des Buches „One Fat Summer“ von Robert Lipsyte.

Sorry, we missed you“ am 7.7.2020 um 21.45 Uhr im Freiluftkino Rehberge, am 9. und 10.7. um 18 Uhr im Kino Filmhaus in St. Johann (Saarbrücken), am 11. und 12.7. Sa./So. um 13 Uhr im B-Ware Ladenkino Berlin-Friedrichshain.

„Systemsprenger“

Nora Fingscheidt erhielt auch einen Berlinale-Preis, den Silbernen Bären. Der Film Systemsprenger erhielt im selben Jahr 2019 einen Publikumspreis (siehe Photo). https://kulturexpresso.de/riesige-deutsche-erfolge-nora-fingscheidt-und-angela-schanelec-erhalten-silberne-baeren-bei-der-berlinale-2019/

Filmvorführungen unter anderem hier:

Mittwoch 8.7. 2020 um 20 Uhr: Capitol-Lichtspiele Kornwestheim.

Mittwoch, 8.7.2020, 21.30 Uhr: Freiluftkino Rehberge Windhuker Straße Ecke Petersallee in Berlin-Wedding alias Mitte, bekannt aus dem Theaterstück „Auf der Straße“.Vorführung findet bei jedem Wetter statt.

Samstag, 11. Juli um 18 Uhr: Cinema am Rossmarkt in Frankfurt am Main und Casino Aschaffenburg.

Montag, 13. und Dienstag, 14. Juli 2020 Lichtblick Insel-Kino, Triihuk 1, Norddorf auf der Insel Amrum.

14. Juli 2020, 15, 17.30 und 20 Uhr im OHO-Kinocenter, Hamburger Straße 13 in Bad Oldesloe.

Angaben wie immer ohne Gewähr.

Fürs Freiluftkino Rehberge kann man Karten nur online erwerben, wegen der Abstände. Es gibt Einzel- und Zweierplätze, auf denen aber nur Personen aus dem gleichen Haushalt sitzen können. Weitere Regeln wegen der reduzierten Plätze – immerhin waren die Freiluft- und Autokinos die Vorreiter im Juni 2020 – gibt es auf der Homepage des Kinos ( http://www.freiluftkino-rehberge.de/index.php ) oder unter Tel. (030) 293 6160.

http://freiluftkino-rehberge.de/kinosommer-2020.php erklärt mehr. Bis 15. Juni durften es 200 Plätze sein, seitdem 500, wegen des Abstands aber aktuell nur etwa 350 (von 1500). Das wird ja nicht für immer sein und jetzt wird es einen Corona-Untersuchungsausschuss geben.

Andererseits sind die Abstände bitter nötig, wenn Brasiliens Präsident Jair Bolzonaro und Trumps Schwiegertochter positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet wurden und der Präsident auch erkrankte.

http://freiluftkino-rehberge.de/kinoinfo.php erklärt auch weitere coronabedingte Besonderheiten, so können Sammelkarten dieses Jahr nicht benutzt werden. Es gibt auch eine Site zu den Kinoregeln 2020. Kontakt-E-Mail zur Klärung von Einzelheiten: rehberge@pifflmedien.de

Eintritt 8,50 Euro, ermäßigt 5,- Euro.

Vorteile gegenüber Indoor-Kinos: Fahrräder dürfen mitgebracht werden.

Hunde dürfen an der Leine mitgebracht werden.

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2 KOMMENTARE

  1. Neben Präsident Bolsonaro gibt es mit Jeanine Áñez in Südamerika gleichzeitig schon einen weiteren Staatschef, der positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getestet worden ist.

    Jeanine Áñez ist Regierungschef und die 66. Präsidentin Boliviens. Sie ist 52 Jahre alt, geboren am 6. Jahrestag des Mauerbaus (1967).

    Schade übrigens, dass die beiden Präsidentinnen Boliviens beide nur als Interim in das Amt kamen, ihre Kollegin Lidia Gueller Tejada 1979/80.
    Die neue Präsidentin Boliviens trat das Amt an, als Evo Morales zu sehr unter Druck geriet.

  2. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro war am Dienstag morgen (14.7.) immer noch positiv, wie am Donnerstag morgen (16.7.) gegen 2 Uhr europäischer Zeit bekannt wurde. Er hatte es Dienstag Abend, am französischen Nationalfeiertag erfahren und Mittwoch Abend in einem Video in den sozialen Medien bekanntgegeben.

    Seitdem regiert er aus der Präsidentenresidenz in der brasilianischen Hauptstadt Brasília.

    Am Dienstag der Vorwoche (7.7.) hatte er die Infektion bekanntgegeben.