„Vincent ist siebzehn und eine Doppel-C-Seele“ – Zum futuristisch-fiktionalen Endzeitroman „Der Zwillingscode“ von Margit Ruiles

63
"Der Zwillingscode" von Margit Ruile. © Loewe

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Was passiert, wenn die Dinge, die wir erschaffen, uns gar nicht mehr brauchen?“ Diese Frage steht auf der Klappenbroschur des Thrillers „Der Zwillingscode“ von Margit Ruile.

Ruile, die 1967 in Augsburg geboren wurde, studierte an der Münchner Filmhochschule, wo sie nach ihrem Abschluss mehr als zehn Jahre in der Lehre tätig war. Sie drehte Dokumentationen und arbeitete als Drehbuchlektorin. Informatik und Künstliche Intelligenz scheinen weniger zu ihren Fachgebieten zu gehören als vielmehr Fantasie und das Erzählen von Geschichten, ja, das Schreiben fiktionaler Texte. Laut Löwe-Verlag solle sie herausgefunden haben, „dass Schreiben sich“ anfühle, „wie im Schneideraum zu sitzen – mit dem riesengroßen Vorteil, dass man die fehlenden Szenen nicht nachdrehen“ müsse, sondern einfach erfinden“ könne. Das gilt nicht nur für die „fehlenden Szenen“, die Ruile als „atmosphärisch Bildwelten“ gestalte.

Nun, beim Lesen müssen die Bilder immer noch höchstselbst „gebaut“ werden, aber die Vorgaben – keine Frage – kommen von den Autoren. Gerade in Science Fiction genannten utopischen Romanen, in Zukunftsromanen, die so wenig mit Science zu tun haben, wie die Spirits der parapsychologischen Versuchsanordnung. Geisterstunden sind fiktionale Stunden und virtuelle Welten alles andere als echt. Richtig, sie sind erstunken und erlogen. So ist auch das Begriffsungetüm „Künstliche Intelligenz“ nichts weiter als ein Kofferwort, mit dem Spinner auf Kopfreisen gehen. Keine Frage, damit kann man nicht nur Filme füllen und Seiten, sondern auch Seminare.

In „Der Zwillingscode“ spielt die Autorin mit der Technik der Zukunft und dem Begriff Künstlicher Intelligenz wie andere Mikado. Wohl wahr, dass es „bereits heute … von vielen technischen Objekten einen digitalen Zwilling oder ein digitales Modell“ gebe, „mit dem die Funktionsweisen des Objektes virtuell erprobt und optimiert werden können“. Gut so, dass Atombombentests nicht mehr in der Südsee oder sonstwo im Nirgendwo stattfinden müssen. Weiter im Pressetext, den wir am 8.12.2020 erhielten, heißt es: „Margit Ruile geht in ‚Der Zwillingscode‘ von einer philosophischen Frage aus: Hat der Mensch in der neuen Welt, die er sich erschafft, selbst überhaupt noch einen Platz?“

Nun, die Frage nach dem Sinn ist mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber dem „17-jährigen Halbwaisen Vincent“, der in einer „hochtechnologisierten Welt“ lebe, in der „ein Punkteystem über den Status jedes einzelnen Menschen“ entscheide. „Vincent steht nach dem Tod seiner Mutter als sogenannte Doppel-C-Seele am unteren Ende der Gesellschaft. Er verdient sein Geld mit der heimlichen Reparatur von Copypets, mechanischen Haustieren, die erfunden wurden, weil es kaum noch echte Tiere gibt. Als er auf der Suche nach der Todesursache seiner Mutter Zugang zu der Firma UTwin erhält, wird schnell klar, wie weit die Digitalisierung schon vorangeschritten ist: Die Menschen sind für die KI nur noch obsoletes Beiwerk und ihre Vernichtung lediglich eine Frage der Zeit.“

Das Punktesystem gibt es längst und läuft nicht nur in der angeblichen Volksrepublik China unter den Begriffen Überwachen und Strafen. Das Punktesystem der VR China gilt Kennern und Kritikern auch als barbarisches Anpassungssystem, das Aftergang belohnt. Punkte als Motivation sind die Karotten vor der Rübe der Esel, oder?

Nach dem nett erzählten futuristisch-fiktionalen Endzeitroman „Der Zwillingscode“ für die Einzelmatratzenmentalität, der auch Sozial- und Gesellschaftskritik beinhaltet, empfehlen wir für die Studierstube Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts. Mit anderen Worten: „Vincent ist siebzehn und eine Doppel-C-Seele“, darauf einen Doppelkorn!

Bibliographische Angaben

Margit Ruile, Der Zwillingscode, Thriller, Jugendbuch, ab 14 Jahre, 320 Seiten, Klappenbroschur, mit Spotlack und Hochprägung, Format: 13.5 x 21.0 cmVerlag: Loewe, Bindlach, 1. Auflage 13.1.2021, ISBN 978-3-7432-0324-2, Preise: 14,95 EUR (Deutschland), 15,40 EUR (Österreich)

Anzeige