Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Sie trug ein schlichtes grauwollenes Kleid und darüber eine dunkle Hemdschürze. Um ihren Hals lag ein altmodischer weißer Kragen. Der Kadett hatte Mühe, ihren Stand zu raten. War das ein flüchtiges Nönnchen?“ Zitat aus dem Roman „Wachs“ von Christine Wunnicke.
Ein dreizehnjähriges Mädchen fragt sich an einem Abend im November 1733 durch die Kaserne der Schwarzen Musketiere vor den Toren von Paris. Das hat es hier noch nicht gegeben, wie sie sich anschleicht, wie sie zu einem Vorgesetzten geführt werden will. Als sie endlich auf eine Handvoll Bier trinkender Offiziere trifft, erklärt sie ihre Anwesenheit: „Ich möchte bitte eine Leiche kaufen…“
Marie Biheron kämpft mit den Tränen, als sie unverrichteter Dinge die Kaserne wieder verlassen muss – es herrscht kein Krieg, es gibt keine Leichen. Die Kaserne der Schwarzen Musketiere bezieht mit ihrem Auftritt eine unheilvolle Stimmung, ein wilder Glaubenseifer, der die Männer für ein paar Wochen wie ein Spuk befällt.
Das erste Kapitel ist nur 25 Seiten lang, der ganze Roman 185. Christine Wunnicke gelingt es ein weiteres Mal, in einem knappen Text eine ganze Welt auferstehen zu lassen. Sie skizziert die Liebesgeschichte der Anatomin Marie Biheron und der Blumenmalerin Madeleine Basseporte, die im Frankreich des 18. Jahrhundert eine Menge Revolten, Verwirrungen und patriarchale Hürden erleben.
In präzisen Sprachbildern erschafft Wunnicke humorvolle Szenen, die in wilden Zeitsprüngen Details beleuchten. Die greisenhafte Anatomin, die auf einem Karren durch das postrevolutionäre Paris geschoben wird, die blumenpflückende Schönheit Basseporte, die sich auf den Zeichenunterricht für junge Mädchen vorbereitet – den sie hasst, die briefeschreibende gealterte Basseporte, die wütend an ihre Verhinderer denkt und zärtlich an die abwesende Marie, eine Kaiserin, die sich ein Herz aus Wachs wünscht. Und wieder diese selbstbewusste Marie, die sich nicht abhalten lässt von ihrem Wunsch, an echten Körpern die Anatomie zu erforschen.
„Drei Tage nach ihrem vierzehnten Geburtstag bekam Marie Biheron ihre erste Leiche. Es war ein kleines Mädchen, etwa drei Jahre alt, verhungert. Sie kam nachts, in ein schmutziges Laken gewickelt, in einem Karren ohne Licht.“
Das Buch wirkt wie ein halluzinierter Reigen historischer Miniaturen, die kein ganzes Bild ergeben – deren schillernder Tanz jedoch weit über das Gelesene hinaus bezaubert.
Bibliographische Angaben:
Christine Wunnicke, Wachs, Roman, 185 Seiten, Bindung: fadengeheftet, Format: 134 x 200 mm, Verlag: Berenberg Verlag GmbH, Berlin, 1. Auflage 2025, ISBN: 978-3-911327-03-9, Preis: 24 EUR (Deutschland), auch als E-Buch erhältlich für 18,99 EUR
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