Weltherrscher mit Skateboard – In einer spannenden autobiographischen Reportage blickt Anna Wiener ins Räderwerk des Internets

"Code kaputt" von Anna Wiener. © Droemer HC in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Realität ist spannender als jeder Roman. Das beweist Anna Wieners Reportage über ihre Erlebnisse in der Arbeitswelt des Silicon Valley. Der Leser erhält Einblicke aus erster Hand in dieses Machtzentrum des digitalen Kapitalismus.

Anna Wiener ist Mitte zwanzig und arbeitet in einem kleinen New Yorker Literaturverlag; in ihren Kreisen hat man hohe Ideale und wenig Geld. Über einen Gelegenheitsjob in einem Start-up landet sie an der Westküste, wo sie in der Kundenbetreuung verschiedener Digitalfirmen Karriere macht.

Schließlich arbeitet sie bei einem Unternehmen, das mit Big Data und Cloud-Diensten ein aggressives Wachstum vorlegt. Als unbedarfte Außenseiterin ist Anna anfangs geblendet von Unmengen Geld, dem dick aufgetragenen Fortschrittsglauben und lockeren Arbeitsbedingungen zwischen Tischtennisplatte, Büro-Yoga, Gratisdrinks und Spiele-Abenden.

Doch bald wird ihr klar: Hinter der globalen Disruption stehen nicht Ideale, sondern Größenwahn, Risikokapital und nicht zuletzt Sexismus. Junge, weiße Männer mit Kapuzenpullovern und Skateboards dominieren die Szene; mit wenig Lebenserfahrung und pubertärem Humor. Für die wenigen Kolleginnen gehören zotige Witze und Begrabschen zum Arbeitsalltag.

Gebannt liest man auch Anna Wieners feinsinnige Beobachtungen aus San Francisco; ihren Besuch bei einer Gruppentherapie. Oder ihre Erlebnisse auf dem von Airbnb zerstörten Wohnungsmarkt, wo sich am Ende aber auch für eine Gutverdienerin wie sie ein 25-Quadratmeter-Keller findet.

Am Ende hat Anna Wiener ihre Illusionen über die Heilsversprechen der digitalen Welt verloren. Heute lebt sie als Journalistin in San Franciso und schreibt für Magazine wie den „New Yorker“ über das Silicon Valley. Die Originalausgabe von „Code kaputt“, ihrem ersten Buch, erschien Anfang 2020 und stieß im angelsächsischen Raum auf große Resonanz.

Zu Recht, denn eindringlich und fesselnd schildert Anna Wiener die dekadente Weltfremdheit einer Branche, die doch so viel Einfluss hat. Ihr Bericht zeigt, wie weit Realität und digitale Verheißungen auseinanderklaffen.

Bibliographische Angaben

Anna Wiener, Code kaputt. Macht und Dekadenz im Silicon Valley, Übersetzerin: Cornelia Röser, 320 Seiten, Taschenbuch, Verlag: Droemer HC in der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München, 20.8.2020, ISBN: 978-3-426-27773-7, Preise: 18,00 EUR (Deutschland), als E-Buch: 14,99 Euro

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