Wieviel Zeit vergeht bis zur Übersetzung? Haggard, John Bryson, Reamy

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König Salomons Schatzkammer. Buch von Henry Rider Haggard in deutscher Übersetzung. Umschlagzeichnung Tomi Ungerer. © Copyright Photo/BU: Andreas Hagemoser, 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein interessanter Fakt, der wichtiger ist als man denkt, ist die Frage: Wann erschien eine Übersetzung? Wie lange dauerte es bis dahin nach dem Erscheinen des Originals? Diese Zeitspanne ist spannend, unerwartet und kann in Zukunft noch ein Feld für Forschung unterschiedlicher Methoden sein.

Nach der Originalausgabe: Wie lange dauert es, bis eine Übersetzung erscheint?

Das ist bei jedem Buch unterschiedlich. Aber es hat und hatte Auswirkungen. Auf die Rezeption, also die Wahrnehmung eines Werkes, in Gelehrtenkreisen und im Volk. Die je nach Epoche sehr unterschiedlich sein kann. Manchmal hat der Zeitpunkt des Übersetzens und des Veröffentlichens über die Wahrnehmung mitentschieden. Ob ein Buch als gut oder schlecht, relevant oder irrelevant, interessant oder uninteressant bewertet wurde, hängt doch sehr vom historischen Zeitpunkt ab.

Wieviel Zeit vergeht von einer Originalausgabe bis zur Übersetzung? Beispiel Haggard

Wie wichtig das sein kann, verdeutlichen Beispiele. Henry Rider Haggards Buch „King Solomon’s Mines“ erschien 1885 in London. Selbstredend auf englisch.

Die dritte deutsche Übersetzung erschien 1971. In einem anderen Jahrhundert. Übrigens nein – nicht in Deutschland. Auch nicht in der DDR. Kleiner Scherz. Sondern in Zürich. In der Schweizer Eidgenossenschaft. Weitere 11 Jahre brauchte es für eine Taschenbuchausgabe. Das dauerte in den 70er und 80er Jahren generell noch länger als in der 90ern und geschweige denn seit 2001.

Als 1985 die zweite Taschenbuchauflage in Zürich erschien, waren 100 Jahre seit dem ersten Lesen der Originalausgabe vergangen. Die deutsche Ausgabe erschien 86 Jahre nach dem Original. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Heute ist so etwas schlecht vorstellbar. Bestimmt gibt es noch Bücher, die nicht übersetzt werden. Aber zum einen, wenn unsere Welt, ich meine die Welt, die wir kennen, mit vielen Menschen und so, überhaupt in 86 Jahren noch existiert – für Leute mit schwacher Rechenfähigkeit: das ist im 22. Jahrhundert, im Jahr 2106, ein Jahr, das man höchstens aus der Science-Fiction kennt – dauert es wohl nicht mehr ganz so lange, ein Buch zu übersetzen wie im 19. Jahrhundert. Es gibt auch viel mehr Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und viel, viel mehr Menschen die reisen! Das gerät gern in Vergessenheit.

Wer aus Versehen denkt, die Übersetzung, die man gerade in der Hand hält, sei die deutsche Erstausgabe, ist mit seinem Irrtum nicht allein. Auch von Anna Seghers und vielen anderen Autoren sind manchmal sogar Antiquare der Meinung, eine bestimmte Ausgabe sei die Erstausgabe – die es dann doch nicht ist. Im Falle der Übersetzungen von König Salomos Schatzkammer hatte sich als erster M. Strauß an die Übertragung gemacht, dann in der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik P. Kent (Thienemann-Verlag) und zuletzt Volker H. Schmied 1971, wie oben erwähnt. Strauß‘ Version erschien unter drei verschiedenen Titeln 1888, 1898 und 1910 im Stroefer-Verlag, als Kolonialismus auch im Deutschen Reich noch eine Option war (und das Afrikabild gewiss ein anderes).

Verfilmt wurde Haggards Werk zwischen 1937 und 2008 sogar 7mal.

Fast jeder Reisende, der ein Tagebuch führte, konnte des Interesses seiner Mitmenschen gewiss sein. Eine Veröffentlichung wurde nicht zwangsläufig ein Bestseller, jedoch hatte ein Verleger kein hohes Risiko. Nein, kein Ansteckungsrisiko, hergottnochmal, sondern ein verlegerisches, also wirtschaftliches Risiko.

So ähnlich, wie in der DDR fast alles gekauft und angeguckt wurde, was mit dem nichtsozialistischen Ausland zu tun hatte. Qualitätsunabhängig. Oder der Nachholbedarf nach 1945 in Deutschland (und Österreich und manch anderen Ländern). Es wurde viel gelesen – „konsumiert“, darunter natürlich auch weniger wichtige Literatur und Sachbücher.

Reiseberichte

Heute muss ein Reisender, der während der Reise oder hinterher etwas aufzeichnet, möglicherweise lange einen Verleger suchen. Zu mehr als einer Auflage führen selbst gute Bücher und interessante Schilderungen selten. Hilfreich ist das Besuchen von verschlossenen Gegenden wie Nordkorea oder Urwaldgebieten am Amazonas, verschlossenen Gesellschaften mit eigenen Codes – „Die weiße Massai“ – oder ein bestimmter Ansatz wie Nehbergs Abenteuer Überleben.

Politische Einflüsse auf Nichtveröffentlichung und Veröffentlichung

„Natürlich“ hatte der Staat immer wieder viel Einfluss. Besonders bestimmte Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland gehörte nicht dazu oder nur in begrenzten, juristischen Ausnahmefällen. Oder wenn es um Antisemitisches ging. Im Grundgesetz, der besten Verfassung der Welt – Meckerer bitte bessere Beispiele bringen – steht schlicht: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Um nicht so weit zu gehen, nicht wieder Nordkorea zu erwähnen oder die bekannten Bashingkandidaten wie Iran, Russland, Türkei, Ungarn und und und, mit denen wir Deutschen, Mitteleuropäer und „Westler“ beruhigt werden sollen, dass es bei uns doch „Viel besser“ sei oder wäre – das ist ja nicht das, was wir wollen: Wir wollen, dass es gut ist hier, nicht, dass es ein bisschen besser ist als dort, wo es schlecht ist – betrachten wir einfach mal ehemals sozialistische Staaten wie die DDR und die UdSSR.

Beispiel gibt es ohne Ende und sind nicht repäsentativ. Jeder (jeder und jede) kann ja selbst einmal darauf achten. Überraschungen sind garantiert; Erkenntnisse nicht fern.

Autoren aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ hatten in der DDR eine bessere Chance, eine Druckgenehmigung zu bekommen, wenn sie entweder selbst Sozialisten oder Kommunisten waren, oder wenigstens die eigenen Staaten kritisierten oder Arbeiter in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellten.

Der 1935 geborene Autor John Bryson hat noch nicht einmal einen eigenen Wikipediaeintrag. Keinen deutschsprachigen. Es gibt einen iranischen und einen englischsprachigen Eintrag. Letzteres ist wegen der Herkuft des Autors aus Australien zu erwarten. Trotzdem druckte der DDR-Verlag „Volk und Welt“ in seiner Reihe Spektrum (Band 199) gleich Brysons Debütwerk. Der Verfasser war also nicht bekannt, weder weltweit noch in Europa. Es handelt mit großer Gewissheit um die ersten fremdsprachige, also nicht-englische Veröffentlichung Brysons überhaupt. Bryson ist bezihungsweise war Rechtsanwalt, Journalist und Unternehmer, schrieb Sachbücher, Kurzgeschichten und anderes. Namentlich Sonderberichte für die Presse und ein Drehbuch.

Hasta la Muerto, Amigo

Erst viel später erschien eine zweite, vielleicht auch letzte nichtenglische belletristische Veröffentlichung Brysons: auf spanisch. „Hasta la Muerto, Amigo“ aus dem Jahr 2006 mit spanischen Verlag Editorial Milenio ist eine Übersetzung des 1994 bei Penguin ersterschienenen „To the Death, Amic“. In diesem Fall dauerte es also 12 Jahre bis zur ersten ausländischen Ausgabe.

Melodram für eine Heldin (John Bryson)

Umschlag des Buches von John Bryson „Melodram für eine Heldin aus Plast. Kurzgeschichten“. copyright Photo/ BU Andreas Hagemoser 2020

Das Volk-und-Welt-Buch „Melodram für eine Heldin aus Plast“ ist schon an der Wortwahl im Titel als DDR-Veröffentlichung zu erkennen. Die deutsche Erstausgabe 1985 erschien wahrscheinlich nur in einer Auflage. Noch ohne ISBN, denn die international seit 1970 vergebenen Standard-Buchnummern (SBN) wurden in der DDR erst seit 1986 eingeführt und benutzt. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik schon weit früher, wenn auch DDR und Bundesrepublik Deutschland 1973 gleichzeitig in die Organisation der Vereinten Nationen (VN bzw. UNO) aufgenommen wurden.

Das Original heißt „Whoring around“, was wörtlich „Herumhuren“ bedeutet und wohl weder im Sinne der DDR-Regierung noch der Verlagsleitung war. Da es sich um eine Kurzgeschichtensammlung handelt, blieb sowieso mehr Freihet für die Wahl eines Titels. Es kommt häufig vor, das verschiedene Ausgaben von Kurzgeschichtensammlungen nach verschiedenen Kurzgeschichten benannt werden, nicht nur die in anderen Sprachen. Von den acht Geschichten aus „Melodram für eine Heldin aus Plast“ heißt die vorletzte ab Seite 122 genau so, die letzte dann „Humprey hurt herum“ (ab S. 139), was leicht als die in der Originalausgabe bei Penguin titelgebende Kurzgeschichte zu identifizieren ist. So allgemein wollte man das Herumhuren dann doch nicht stehenlassen und bastelte immerhin einen schönen Stabreim.

Die Titel der Kurzgeschichten

Als Chronistenkür erwähnen wir noch die Titel der ersten sechs Geschichten mit den jeweiligen Anfangsseitenzahlen: „Witwen“ (5), „Kinder haben hier eigentlich nicht zu suchen“ (43), „Stammbäume“ (58), „Inventarverzeichnis“ (88), „Immer wieder begegne ich meinem Großvater“ (100) und „Flugkarte für Charity“ (114). Insgesamt hat das Taschenbuch 195 Seiten, die Titelgeschichte der Originalausgabe endet auf Seite 192. Das als Hinweis für die Zählung der Geschichtenlänge.

Übersetzer war Rainer Rönsch.

Schöne Sprache

Wie ungewöhnlich heute im anglisierten Deutschland das Wort Flugkarte doch klingt! Schon verstehen wir unsere Muttersprache nicht mehr. Rätseln, ob mit Flugkarte eine Landkarte für Piloten gemeint sei. Nein, es handelt sich um einen Flugschein und der ist uns 2020 als Flugticket geläufig. Charity ist der Vorname von Charity Lord, der schwangeren Hauptperson der Story neben Brownlow Billy. Die beiden lieben sich und bauen etwas auf. Sie ist schneller als er. Und versteht manchmal mehr: „Ich weiß, sagte sie sanft, Du dummer Kerl hast ja nicht mal gemerkt, dass sie dich reingelegt haben, aber Du hast es durchgestanden.“ „Komm, sagte sie und führte seine Hand an ihren staubverschmierten Mund, komm mit ins Haus, wir wollen miteinander schlafen, so verliebt, wie man es beim ersten Mal ist, und morgen werden wir uns doppelt schinden.“ Die beiden lassen die Vergangenheit hinter sich und suchen am Ende zusammen das Weite. Denn Charity hat am Ende in ihren weißbehandschuhten Händen zwei Tickets, während sie mit Billy über das Flugfeld schreitet, dessen Beton Billy früher mit anderen Arbeitern selbst gegossen hatte.

Warum John Bryson eine Chance hatte, auf deutsch veröffentlicht zu werden. Vermutungen

Vielleicht war es diese Berücksichtigung von Arbeitern und Benachteiligten, die in der DDR und bei Volk und Welt Anklang fanden, vielleicht auch, das Bryson nicht abgehoben aus dem Elfenbeinturm einer Schriftstellerfamilie stammte. Sein Vater war Ingenieur. John besuchte zwar in Melbourne eine exklusive Schule, aber das kann man einem Kind ja schlecht vorwerfen. Dann studierte er Jura. Zugute gehalten wird man Bryson auch haben, dass er im Vorstand verschiedener „kultureller Institutionen“ mitwirkte und Melbourner „Arbeiter“ (vermutlich auch einfache Angestellte und Arbeitslose) unentgeltlich juristisch beriet. Vermutlich als Auswirkungen der Ölkrise nach dem Oktoberkrieg im Nahen Osten, durch die viele Mitte der 70er Jahre arbeitslos wurden, betrieb er 1975 bis 1978 Hochseefischerei zwischen dem Kontinent und Tasmanien. Vielleicht ein weiterer Pluspunkt. Ab 1983 war er Gastdozent und dann erschien ja auch schon sein erstes und einziges deutsches (deutschsprachiges) Buch. Die acht Kurzgeschichten tragen Urheberrechte aus den Jahren 1978, 1979, 1980 und 1981.

Story ohne Titel

Beispiele gibt es logischerweise Myriaden. Tom Reamys einziger Roman „Blinde Stimmen“ erschien 1982 auf deutsch, im Original 1978. „Blind Voices“. Übrigens posthum, denn Reamy starb am 4. November 1977 in Independence, Missouri in den USA. Er sah allerdings wenigstens die Veröffentlichung seiner Kurzgeschichten seit 1954 und dann regelmäßig ab 1965. Wenn auch nicht in Buchform.

Reamy, der immer wieder mit Ray Bradbury* verglichen wird, ist John Brysons Jahrgang. Geburtstag: 23. Januar ’35 in Woodson in Texas. Der Maler und Grafikdesigner widmete sich seit Spätsommer 1974 ganz dem Schreiben, als er in die Stadt Kansas zog. Bis dahin hatte er das „Fanzine“ Trumpet herausgebracht, ab dann „Nickelodeon“. Ein Fanzine ist ein Magazin fürs Fans. Science Fiction war in den 60ern und 70ern noch nicht so geläufig und etabliert wie heute.

Tragisch zweierlei: Er erlebte nie eine seiner Buchveröffentlichungen. Sowohl „Blind Voices“ als auch die Ausgabe einiger Erzählungen unter dem Titel „San Diego Lightfoot Sue and Other Stories“ erschienen nach seinem (frühen) Tod. Er starb drei Jahre nach dem Umzug nach Kansas und nachdem er begonnen hatte, sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Immerhin: Beide Titel erschienen sowohl gebunden, englisch: Hardcover oder Hardback, als auch als Taschenbuch. Gesehen hat Reamy beide nie.

Tragisch und bemerkenswert zugleich: Er erlitt einen Herzinfarkt, während er an der Schreibmaschine saß. Vele wünschen sich ja , „in their boots“ zu sterben, in ihren Stiefeln. Ob sich Schriftsteller gewünscht haben, an der Schreibmaschine zu sterben, ist uns nicht bekannt. Man fand Reamy über seinem „Typewriter“, wie das Gerät auf englisch heißt. Ayn Rand hat immerhin ihr Pseudonym einer Schreibmaschinenmarke zu verdanken. Olympia wäre vielleicht auch infrage gekommen.

Reamy war dabei, für Edward Ferman eine Geschichte zu schreiben, den Herausgeber des „Magazine of Fantasy & Science Fiction“.

Er war auf Seite 7. Die Geschichte trug noch keinen Titel.

Bibliographische Angaben

*Angeblich auch Richard Matheson und Harlan Ellison, der die Einleitung zu „“San Diego Lightfoot Sue and Other Stories“ verfasste. In dem Buch gibt es auch eine Reminiscenz von Howard Waldrop.

Tom REAMY: „San Diego Lightfoot Sue and Other Stories“, Earth Light Publishers 1979, ISBN 093512800X

Tom REAMY: „Blind Voices“, Penguin Publishing Group, Berkley/ Putnam ISBN 0399122400. Gebundene Ausgabe.

Derselbe, Dass., Sidgwick and Jackson 1979, 0283985593 . Gebundene Ausgabe.

Ders., Dass., Penguin-Taschenbuch 1982 0140061487 .

In englischer Sprache. Von „Blind Voices“ und John Brysons „Whoring around“ gibt es auch deutsche Ausgaben.

Die meisten der genannten Bücher sind vergriffen. Antiquarisch oder gebraucht bei Abebooks.de, antiquariat.de, booklooker.de, buchfreund.de.

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