Blaue Stunden in der Astronomie, Kunst und Musik. Was bedeutet eigentlich „Blaue Stunde“?

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Die Sonne beschert uns blaue Stunden. Warum ist der Himmel blau? Das wird hier erklärt. - Gesundbrunnen in Berlin. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Vor weniger als zwei Jahren bekam man in vielen Bäckereien den kleinsten Kaffee zum Mitnehmen für etwa zwei Drittel des heutigen Preises. Das nennt sich Inflation. Blaue Stunden gibt es anscheinend auch vielerorts, wenn man nur hinschaut – oder -hört? Doch was ist das eigentlich, eine „Blaue Stunde“?

Blaue Stunden stehen vor den Sternen

Im Englischen gilt „blue“ meist als „traurig“, wenn es nicht gerade um die Farbe geht und selbst dann drückt sich Freude eher mit orange aus.

Blaumachen

Im Deutschen galt „blau“ eher für Freiheit und Freizeit. Reisebüros und Friseure leisteten es sich in den 70er und 80er Jahren noch, den ersten – beziehungsweise zweiten – Tag der Woche geschlossen zu lassen oder erst am Nachmittag zu öffnen.

Im Mittelalter, die in England auch synonym mit ‚dark ages‘, also den dunklen Zeiten oder Zeitaltern, bezeichnet werden, war der blaue Montag frei.

Heute wird zuviel Augenmerk auf die tatsächlichen oder angeblichen Errungenschaften der Gegenwart gelegt. Besonders dann, wenn es etwas wenigstens angeblich früher nicht gab, wird das gern breitgetreten. Dass es aber auch viele Vorteile gab, denen wir inzwischen verlustig gingen, wird entweder gern verschwiegen, vergessen oder geht in Unkenntnis unter. Allmende, Kleiderordnung 4-Tage-Woche bei Dutzenden von Feiertagen würde ja die heutigen Verhältnisse in einem schlechten Licht erscheinen assen. Zumindest einem schlechteren.

Blauer Montag

Im echten oder übertragenen Sinne wird der „blaue Montag“ gern als Bezeichnung verwendet. Ein aktuelles Beispiel ist ein Angebot des Hotels Sellhorn in der Lüneburger Heide. Offeriert wird eine Übernachtung mit Genießerfrühstück und Candle-light-Dinner im seit 1873 bestehenden Haus in Hanstedt/ Nordheide (https://www.hotel-sellhorn.de/).

Blaues Licht – kein Blaulicht – blaue Stunden?

Womit wir beim blauen Licht wären. Blaulicht, dass aufleuchtet, wenn jemand unverantwortlicherweise blau in Schlangenlinien die Straßen entlangbraust, ist hier kein Thema.

Auch der Witz „Blau ist keine Farbe, blau ist ein Zustand“ nicht.

Blau ist eine Farbe, OKAY. Aber …

Grün hat eine Wellenlänge von 500 Nanometer (nm), blau von 400. Darunter kann man keine Farben sehen. Rot hat 700 nm, darüber liegt Infrarot, das kann man auch nicht sehen, aber spüren. Die 1000 nm der Infrarotstrahlung fühlen wir warm unter der Glühlampe, deren Licht mehr gelb- und Rottöne als das Tageslicht aufweist und deswegen als „warm“ gilt. Außerdem liegt bei dieser Wellenlänge der Bereich der Selbstreparatur der Netzhaut.

In der blauen Stunde ist nicht nur der Himmel blau, sondern auch das Licht. Warum war noch mal der Himmel blau? Es gibt ja Leute, die Kinder kriegen, damit sie alles nochmal lernen dürfen (was sie zum Teil schon vergessen hatten, aber das fiel nicht auf, denn es hatte niemand gefragt). Wie schön, dass wir heute bei ecosia.org oder sonstwo im Internet alles nachgucken können. Da erfährt man zum Beispiel, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt.

Friederike weiß, warum der Himmel blau ist

Die Himmelsfarbe erklärt Friederike Wilhelmi in „Was ist wahr? Müssen Fische trinken?“ (München 2005). Die Erde ist ja von der Atmosphäre umgeben. „Sie besteht aus vielen unsichtbaren Luftschichten und ihr tummeln sich unzählige winzige Teilchen“. Wie recht Frau Wilhelmi doch hat. Sehr anschaulich formuliert. „Das Sonnenlicht strahlt in allen Farben des Regenbogens, also in Violett, Blau, Grün, Gelb und Rot, durch diese Atmosphäre hindurchauf die Erdoberfläche.“ Ja schon, aber wann kommt der springende Punkt?

„Dabei verhalten sich die einzelnen Farben ganz unterschiedlich: Das rote und das gelbe Licht fließen ohne Umwege wellenförmig auf die Erde zu.“ Das scheint ein Widerspruch zu sein, aber wenn man eine Welle ist, der direkte Weg. Ganz schön zielstrebig; ich kenne solche Leute. „Doch das blaue Licht lässt sich von den vielen kleinen Teilchen, die in der Atmospäre herumschwirren, aufhalten und wild durch die Gegend schubsen.“

Wäre ein gehänseltes Kind, das herumgeschubst wird, eine Farbe, wäre es also blau. „Es zerstreut sich in alle Richtungen. Stell dir einen Gummiball vor, der wild durch ein Zimmer wirbelt. Durch diese so genannte hohe Streuung der blauen Farbe scheint uns der Himmel blau.“ Der scheint uns also nur blau, der ist es gar nicht. Eigentlich schade. Ich finde schwarz irgendwie angsteinflößender. Dann müsste ja auf dem Mond der Himmel gar nicht blau sein. Stimmt, auf den gefälschten Photos, die gar nicht gefälscht wurden, ist der Himmel ja schwarz. Dafür ist die Erde blau. Das muss aber am Himmel liegen, also am Erdhimmel, der hiesigen Atmosphäre. Vom Erdmond aus und auch von anderen Monden aus muss man ja durch die Atmosphäre des Planeten hindurchgucken um auf den Grund der Tatsachen zu kommen.

Blauer Himmel, okay, aber Stundenlicht? Die Atmosphäre ist doch die ganze Zeit da? Warum Blaue Stunden?

Schön und gut, zugehört und verstanden, aber warum erscheinen manche Stunden in einem anderen Licht? Die Erdatmosphäre ist doch die ganze Zeit da, obwohl sie durch die Spraydosen kleiner geworden ist. Oder?

Die blaue Stunde ist ein Teil der dunkleren Phase der Morgendämmerung. In der Abenddämmerung dann wieder; macht, wenn Nebel oder schlechtes Licht keinen Strich durch die Rechnung machen, zwei blaue Stunden pro Tag.

Die blaue Stunde ist dann, wenn die Sonne noch recht weit unter dem Horizont ist (morgens) oder schon recht weit unter dem Horizont. Recht weit? Das ist etwas ungenau! In der Tat. Die Dämmerungsphasen kann man schon genauer bezeichnen, da gibt es die astronomische, nautische und bürgerliche Dämmerung. In dieser Reihenfolge morgens. Das sind feststehende Ausdrücke, die man qua Definition minutengenau für einen bestimmten Ort auf der Erde berechnen kann. 18 bis 12 Grad unter dem Horizont ist die Sonne dann. Gerade in der lichtverschmutzten Stadt mit vielen Straßenlaternen wird man die Nacht nicht leicht von der astronomischen Dämmerung unterscheiden können.

Zwischen 12 und 6 Grad nennt man es nautische Dämmerung. Jetzt ist der Übergang von der Nacht zum Tag schon deutlicher zu merken, falls man nicht noch im Berghain ist oder sich in einem geschlossenen Raum mit Jalousien befindet. Der Name nautische Dämmerung kmmt daher, dass ein Kapitän auf einem Schiff mit dem Sextanten bei gutem Wetter und klarer Sicht den Horizont und die hellen Sterne sehen kann. Durch die Messung der Höhe der Sterne über dem Horizont lässt sich die Position bestimmen.

Bürgerliche Dämmerung ist dann die letzte Phase bevor die Sonne aufgeht. Zwischen 6 und 0 Grad unter dem Horizont steht die große Leuchtkugel. Zivile Dämmerung sagen auch manche. Sie dauert am Äquator etwa 20 Minuten, in Frankfurt am Main über eine halbe Stunde. Während der Tagundnachtgleichen.

Dämmert es, wann die blaue Stunde ist?

Immer noch wissen wir jetzt nicht genau bescheid. Zum Beispiel, warum das Licht so blau ist. Oder wann die blaue Stunde ist.

Vieles kann man – für einen bestimmten Ort auf der Welt – ganz genau bestimmen. Nehmen wir mal den 8. April 2019. Die Sonne geht in Berlin in der Bundesrepublik Deutschland um 6,25 Uhr auf und um 19.52 wieder unter. Die Tageslänge kann man auf die Sekunde genau berechnen: 13 Stunden 26 Minuten und 43 Sekunden. Etwa 4 Minuten länger als der 7. April. Die astronomische Dämmerung begann um 4.19 Uhr, die nautische um 5.07 Uhr, die bürgerliche um 5.50 Uhr, Sonne, wie gesagt, ging um kurz vor halb sieben auf, den Mond ignorieren wir mal, und um kurz vor acht geh die Sonne wieder unter. Das Ende der bürgerlichen Dämmerung liegt um 20.27 Uhr, das der nautischen um 21.11 und das der astronomischen um 21.59 Uhr.

Sehr praktisch dieser Tag. Wenn die Nacht wirklich beginnt, ist auch per Gesetz in den Häusern Ruhe angesagt und wer die Bohrmaschine betätigt, dem kann man das untersagen. Später im Jahr, im Sommer, wenn die Tage wegen der vermaledeiten „Sommerzeit“ abends lange hell sind, sieht das der Lärmende vielleicht anders.

Sehr praktisch dieser Tag. Wenn die Nacht wirklich beginnt, ist auch per Gesetz in den Häusern Ruhe angesagt und wer die Bohrmaschine betätigt, dem kann man das untersagen. Später im Jahr, im Sommer, wenn die Tage wegen der vermaledeiten „Sommerzeit“ abends lange hell sind, sieht das der Lärmende vielleicht anders.

Nicht minutengenau – und unterschiedlich lang: Die Blaue Stunde

Die Blaue Stunde jedoch lässt sich nicht auf die Minute bestimmen, anders als Ruhezeiten einer Hausordnung oder das Unumstößliche Aufgehen oder Untergehen der Sonne. Es geht um die Lichtverhältnisse. Am wahrscheinlichsten trifft man diese ins Bläuliche getauchte Kulisse zwischen -4 und -8 Grad (des Vertikalwinkels) an. Das passiert in zwei Dämmerungsphasen, der bürgerlichen und der nautischen.

Am 8. April 2019 in Berlin am Abend also gegen 20.20 Uhr bis kurz vor neun.

Blaue Stunden in Berlin und anderswo

Konzertveranstaltungen und Ähnliches „Blaue Stunde“ zu nennen ist wieder in Mode. Nach der Kapernaumkirche annoncierte auch die Grunewaldkirche 2018 eine Veranstaltung unter diesem Namen.

Blaue Stunden in Kunst und Literatur sowie Lyrik

Worpswede ohne Blaue Stunden – undenkbar. Die Künstler nutzten das blaue Licht besonders in den Abendstunden.

Ingeborg Bachmann und Gottfried Benn ließen sich von der Blauen Stunde inspirieren und benannten ein Gedicht nach ihr. William Boyds und Joan Didiers Romane heißen auf deutsch blaue Stunden, bei Boyd im singular Allerdings handelt es sich um die Titel der Übersetzungen, die Originale heißen „Blue Afternoon“ (Boyd), Blauer Nachmittag, und „Blue Nights“ (Didion, Blaue Nächte).

Musikalische Veranstaltungen werden nicht nur ‚Blaue Stunden‘ genannt, nein, es gibt auch so benannte Musiktitel. Lieder von Faun und Funny van Dannen heißen „Blaue Stunde“. Herbert und Rudolf Nelsons Chanson „Eine blaue Stunde“ wurde Greta Keller bekannt. Und Udo Lindenberg besingt sie, die Blaue Stunde, in seinem Stück „Odyssee“.

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