Dada in der Komischen Oper Berlin – „Petruschka“ und „L’Enfant et les Sortilèges“

908
Quelle: Pixabay, CC0 Public Domain

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Dieser Premierenabend in der Komischen Oper Berlin hatte es in sich und das Haus unter der Leitung des ewig kreativen Intendanten Barry Kosky machte seinem Namen einmal wieder alle Ehre. Igor Stravinsky und Maurice Ravel, Freunde und „Brüder im Geiste“ überboten sich seinerzeit gegenseitig bei ihrer Suche nach Neuem und Andersartigem. Die Burlesque „Petruschka“ (Uraufführung Paris 1911) und die Fantaisie lyrique „L’Enfant et les Sortilèges“ (Uraufführung Monte-Carlo 1925) verzückte das Premierenpublikum auch in seiner Neuinszenierung an der Komischen Oper Berlin mit seinem Feuerwerk an Phantasie!

Petruschka

Igor Stravinsky’s „Petruschka“, ursprünglich als Ballett in Paris uraufgeführt in der Zeit des Dadaismus, wird vom Theaterensemble »1927« (Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barritt) in einer furiosen Explosion an Kreativität neu und andersartig inszeniert. Auf wechselnde Bühnenbilder werden phantastisch gelungene Animationen projeziert, in die hinein die Schauspieler agieren, mal oben von einem „Balkon“ singend, mal unten durch Türen ins Bild hinein entfliehend. Die Bilder der Animationen erinnern an Dadaismus, den damaligen Zeitgeist und könnten verglichen werden mit dem Beatles-Film „Yellow Submarine“ – lediglich, um eine Idee zu vermitteln, wie das Oeuvre ausschaut.

Petruschka ist eine von drei zum Leben erweckten Jahrmarktpuppen, der es gelingt, ihrem sadistischen Meister zu entfliehen. Pantomime und elegante, atemberaubende 1-A Akrobatik im Burlesque-Stil verblüffen die von den Sehgewohnheiten anders konditionierten Opernbesucher. Es wird viel gelacht über die Situationskomiken, aber auch Trauerigkeit kommt auf, als die Seele des toten Petruschka im Sternenall entschwindet. Die impressionistisch inspirierte, feurige bi- und polytonale Musik Stravinsky’s wird vom Dirigenten Markus Poschner mit dem Orchester der Komischen Oper Berlin fabelhaft dargeboten. Unsichtbar fürs Publikum singt im Hintergrund der bezaubernde Kinderchor und das Vocalkonsort Berlin.

„L’Enfant et les Sortilèges“

Ein fortwährender Wechsel immer neuer musikalischer Klangwelten dieser skurril-fantastischen „Kinder“-Oper Maurice Ravel’s mit dem Libretto der berühmten Colette sollte „wie ein erschreckender Windstoß das Genre aufwirbeln“. Und es geht „wüst“ zu! Sortilèges heißt übersetzt Verzauberungen und so rächen sich alle – von einem bösartigen Jungen (L’enfant) gequälten- Tiere und Gegenstände wie Uhr, Teekanne oder Tapete – lebendig geworden. Ravel bewies hier visionistische Tendenzen, die Walt Disney Trickfilme vorwegnahmen. Auch hier hat die Kreativ- und Theatertruppe „1927“ alle Register der menschlichen Phantasie gezogen und eine umwerfende Bilderflutszenerie jagt die andere. Die Story hat ein „Happy End“ und aus dem bösen Buben wird ein liebes Kerlchen, das bereut – phantastisch dargestellt und gesungen von Nadja Mchantaf. Ezgi Kutlu singt bezaubernd die Mutter, Tasse und die Libelle, während Tanja Liebermann als die Sonne, die Prinzessin und die Nachtigall brilliert.

Beide Werke, kreiert in Kriegsjahren des 1. Weltkriegs (an dem Ravel teilnehmen musste), spiegeln mit ihrem Ausbrechen aus Konventionen Ravel‘s und Stravinsky‘s Verve im Kampf gegen Althergebrachtes wieder – Sie revoltierten mit allen stilistischen Mitteln um als Pioniere neueste Wege zu gehen – ganz im Aufbruchs- und Zeitgeist des Dadaismus.

Das internationale Premierenpublikum im ausverkauften Haus ist begeistert – die Sehgewohnheiten ändern – das passt zur allgemeinen politischen Großwetterlage, wo auch “böse Buben“ an der Macht alles zerstören wollen. Happy End inclusive? Let’s hope for Peace! So könnte die Aufnahme dieser Kriegsjahrs-Stücke bei genauer Betrachtung und Reflektion auch ein Mahnmal sein! In jedem Fall war das ein gelungener, phantastischer Opernabend.

** *

Weitere Vorstellungen: 4., 8., 19. Februar; 2., 5., 10. und 26. März sowie 11. Juli 2017.

Anzeige