Das Große Warten – Ein kniffliges Meisterwerk der DDR-Erklär-Literatur

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"Die Tatarenwüste" von Dino Buzzati. © Die Andere Bibliothek

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Im Winter 1983 fokussierte sich im langweiligen Weimar meine Sehnsucht auf die Suche nach dem 1982 erschienenen und sofort ausverkauftem Reclam-Bändchen „Die Tatarenwüste“ des italienischen Autors Dino Buzzati. Es dauerte ein paar Wochen, bis ich das rare Buch einer Hippibraut unter dem Hintern wegziehen konnte, mein Lesehunger war enorm, ich konnte keine Rücksicht auf etwaige Fremdinteressen nehmen. Einmal in meinem Besitz, las ich das Buch immer wieder, bis es einem speckigen Pappklumpen glich.

„Die Tatarenwüste“ war pures Dynamit, das wurde mir bereits auf den ersten Seiten klar. Ein Buch kann eine Waffe sein, dieses Buch war es bis 1989 unter Garantie.

Irgendwie muss bei Reclam ein listiger Mensch gesessen haben, der sämtliche Bonzenknechte und Parteizensoren an der Nase herumführte, um GiftschrankLiteratur unter das Arbeiter und Bauernvolk zu schmuggeln.

Die Geschichte ist großartig, purer DDR-Alltag (dachten wir). Soldaten dienen auf einer abgelegenen Festung im Grenzgebiet. Vor ihnen befindet sich eine Wüste. Unter den altgedienten Offizieren geht das Gerücht um, dass aus der Wüste ein Angriff feindlicher „Tataren“ drohe. Kein Offizier will an diesem Ort bleiben, doch paradoxerweise fällt es nach ein paar Wochen allen schwer, von dort zu verschwinden. Zu heftig ist die Macht der Imagination.

Das Warten wird von Buzzati in halluzinatorische Sprachbilder in diesem großen und leisen Meisterwerk umgesetzt. DDR-Bürger kannten das Große Warten aus allen Lebensbereichen. Warten auf den Kommunismus, Warten auf den Dachdecker samt heimlich geklauter Dachziegel, Warten auf die Ausreise in die BRD, Warten auf das Visum für eine Reise in die Sowjetunion, Warten auf neue Bücher, Schallplatten und Filme aus dem Westen, Warten auf den Zeltplatzschein, Warten auf den Trabi, Warten aufs Ende des Militärdienstes, Warten auf den Franz-Josef-Strauß-Kredit.

Für jeden Leser versinnbildlicht die Festung die DDR. Von deren Mauerkrone der junge Leutnant Drago in die Wüste starrt, wo das Fremde, das Unbekannte verlockend lauert. Die Besatzung der Festung ist ein Trupp gescheiterter FastHelden, die keinen Platz in der Gesellschaft finden, ihre einzige Beschäftigung sind das Starren ins Nichts der Wüste und das Warten. Drogo ist sich anfangs der Sinnlosigkeit seines Handelns bewusst und will die Festung bald wieder verlassen. Letztlich verschiebt er seinen Abschied von Jahr zu Jahr, bis ihn der Teufel holt, gefangen im Bann der Festung und eines wie auch immer gearteten Ereignisses. Ein Traum von einem Buch!

Nun erschien „Die Tatarenwüste“ als Extradruck im Verlag „Die Andere Bibliothek“ für schmale 22 Euro. Versehen mit einem lesenswerten Essay zu Buzzati von Maike Alboth, ist dieser allgewaltige Roman ein Muss für jeden, der die Seele des Ossies begreifen will.

Bibliographische Angaben

Dino Buzzati, Die Tatarenwüste, 256 Seiten, aus dem Italienischen von Percy Eckstein und Wendla Lipsius, bearbeitet von Julika Brandestini, mit einem Nachwort von Maike Albath, Band: 333, Verlag: Die Andere Bibliothek, Berlin, Oktober 2019, ISBN: 3-847-72027-0, Preis: 22 EUR (Deutschland)

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