Ein amerikanischer Abenteuerroman – Zum Roman „Gotteskind“ von John Wray

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"Gotteskind" von John Wray. © Rowohlt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Zwei junge Amerikaner reisen kurz vor 9/11 nach Afghanistan. Die 18-jährige Aden (waschechte Amerikanerin) und ihr gleichaltriger Freund Decker (mit pakistanischen Wurzeln) haben nur ein Ziel: ihre verhasste Heimat zu verlassen, sich den Taliban anzuschließen, um so einen Sinn hinter ihrer Existenz zu erkennen.

Adens Verschwinden aus den USA ist die Flucht vor ihren Eltern. Sie ist wütend und verwirrt, weil die Eltern (Mutter depressive, mit sich selbst beschäftigte Alkoholikerin, getrenntlebender Vater reißt die jungen Damen auf) ihr keine Liebe schenken. Diese enttäuschte Liebe und ein daraus resultierender Wahn, samt der Sehnsucht nach einer unklaren Erlösung, sind letztlich Adens Triebfedern, die sie zur „kleinen Scharfrichterin“ werden lassen.

Aden hat noch in den USA ihre Haare abgeschnitten, die Brust abgebunden und gibt sich als junger Mann aus, weil sie nur als Mann am Dschihad teilnehmen kann. Nachdem sie sich einige Wochen in einer Koranschule an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan zum Studium des Korans aufhalten, gelangen Aden und Decker zu einer Ausbildungseinheit der Taliban. Schon bald zeigt sich, dass Decker der Wirklichkeit vor Ort nicht gewachsen ist. Aden lebt weiter ihren Traum vom Gotteskrieg, wird aber von ihrer Gefühlswelt eingeholt. Sie verliebt sich in den charismatischen Offizier Ziar, dem ihre Verkleidung als Mann nicht verborgen blieb. In der Folge ziehen Aden, Ziar und fünfzig weitere Rekruten in den Kampf. Bevor sie aber auch nur einen Schuss abgibt, wird ihre Einheit durch amerikanische Bomber aufgerieben.

Während des dramatischen Bombardements kommen sich Ziar und Aden näher. Indes Bomber wüten, haben sich Ziar und Aden in eine Höhle gerettet, um für eine Nacht das Wort Liebe zu deklinieren. Ziar wusste um ihr Geheimnis. Aber auch einige andere, nicht in sie verliebte Taliban, glauben nicht so recht, dass Suleyman, so Adens neuer muslimischer Name, ein Mann ist.

Der Kreuzweg zu Adens Befreiung ist steinig und Leichen pflastern ihren Weg.

Autor John Wray hat sich von der Geschichte des „amerikanischen Talibans“ John Walker Lindh inspirieren lassen, von dem er im Rahmen einer Reportagereise nach Afghanistan gehört hatte, er sei mit einer Amerikanerin unterwegs gewesen. Der Kunstgriff gibt dem Roman eine besondere Spannung, weil man permanent mit Aden/Suleyman vor der Angst der Entdeckung ihrer wahre Identität mitfiebert. Die Geschichte ist linear und klar erzählt, das macht sie zuweilen etwas langweilig, nichtssagende, sich ziehende Dialoge garniert mit islamischen Weisheiten, es ist bestimmt kein außergewöhnliches Prosawerk. Die eigentliche Macke unserer Heldin wird nur in knappen Texten an den jeweiligen Kapiteleingängen angedeutet. Doch weil der Autor das Genre des Abenteuerromans beherrscht, ist es immerhin leidlich spannend. „Ein Roman mit permanenter Hochspannung“, dichtete der MDR.

Wenn man sich darauf einlässt, trägt einen das bis zum traurigen Ende der Geschichte.

Mein Freund Merkel erzählte mir, unser Freund Eilenberger hätte ihm erklärt, Sprache und Dramaturgie seien kunstvoll der Erzählweise des Korans nachempfunden. Vielleicht ist das so. Ich lasse das mal so stehen.

Bibliographische Angaben

John Wray, Gotteskind, Übersetzer: Bernhard Robben, Roman, 352 Seiten, Verlag: Rowohlt, Reinbek 2019, ISBN: 3-498-07394-7, Preis: 23 EUR (D), als E-Buch 19,99 EUR (D)

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