Eine Welt der schönen Bilder – Die Eröffnung der Bregenzer Festspiele 2018

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Eröffnung der 73. Bregenzer Festspiele.
Die Eröffnung der 73. Bregenzer Festspiele. © 2018, Foto: Midou Grossmann

Bregenz, Österreich (Kulurexpresso). Traumsommertag in Bregenz. Trachtengruppen und Militär begrüßen den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, einige Minister aus Wien sowie Vertreter aus Land und Stadt. Alles, wie seit Jahrzehnten festgelegt. Das Volksfest nach der Eröffnungs-Gala (Direktübertragung nach draußen) zeigt sich gewollt bürgernah, Speis und Trank für Alle am See, welcher leider nicht mehr zu sehen ist, hinter all der Technik.

Drinnen im Saal gibt es musikalische Kostproben des Programms 2018 sowie die üblichen Reden der VIPs. Nichts lässt vermuten, dass der Planet Erde gerade in einer heiklen Phase seiner Geschichte zu sein scheint, Unruhen und Kriege zuhauf, Menschen auf der Flucht, und das millionenfach.

Der Staatspräsident Alexander Van der Bellen sinniert in seiner Rede über die Freiheit der Kunst, die für ihn unantastbar ist. Auch die Angriffe auf die ‚Lichtgestalt‘ Karl Böhm, der einige Male das Festspielorchester – Wiener Symphoniker – in Bregenz geleitet hat, werden angesprochen, Karl Böhm wird als williger Diener der Nationalsozialisten bezeichnet. Das Schauspiel ‚Böhm‘ von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan wird diesen Sommer zudem zur Aufführung kommen.

Erstaufführung Österreich

Am Abend wird die Premiere von Berthold Goldschmidts Oper ‚Beatrice Cenci‘ nicht zum Skandal. Bregenz steht für die österreichische Erstaufführung in deutscher Sprache. Das Libretto zeigt leider nur eine etwas eindimensionale Sprachdramaturgie, vielleicht bedingt durch diese deutsche Fassung. Goldschmidts Oper entsteht 1949/1950 in London, nach einem Roman von Percy Bysshe Shelley (1819), der das Leiden zweier Frauen im dekadenten Rom des 16. Jahrhunderts zum Thema hat. Beatrice Cenci ist die Tochter des Adligen Francesco Cenci, der seine Söhne ermorden lässt, seine Tochter vergewaltigt sowie seine zweite Frau misshandelt; was aus der ersten geworden ist, erfährt man leider nicht. All das wird von der Kirche geduldet, Cenci kann sich immer wieder frei kaufen. Die verzweifelte Beatrice und ihre Stiefmutter Lucrezia beschließen Cenci zu ermorden, das gelingt, doch beide Frauen enden ebenfalls auf dem Schafott.

Regisseur Johannes Erath ist bekannt für seine ästhetische Gestaltungsmaxime. Katrin Connans klares und stilvoll bestechendes Bühnenbild gibt der Handlung, die in der geschichtlichen Epoche des Geschehens angesiedelt bleibt, einen eleganten Rahmen. Die durchweg phantasievollen, leicht überzeichneten Kostüme von Katharina Tasch, ergänzen noch das ‚Sehvergnügen‘ mit geschmackvoll angeordneten nackten Männern, Strapsen und funkelnden Penisschützern. Doch bleibt das Geschehen auf der Bühne, auch wegen der etwas entrückten Regieauslegung von Johannes Erath, immer in einem surrealen Bereich. Der bildhafte Eindruck der Szene dominiert das Geschehen, welches durchaus dramatischere Akzente hätte vertragen können. Träume, Phantasien, Wesen des Unterbewusstseins, werden eingesetzt. Eine Puppe zeigt die Verletzungen der Titelheldin. Allerdings wird dieses Konzept konsequent bis ins letzten Detail von Johannes Erath umgesetzt, und das auf einem hohen künstlerischen Niveau.

Musikalisch etwas blass

Über die Partitur der Oper kann man sagen, dass hier viel Mahler, Strauss, Korngold zu hören ist, doch ohne große Prägnanz. Es fehlen die starken dynamischen Strukturen, wenngleich man mit dieser Partitur gewiss noch tiefer gestalterisch hätte arbeiten können. Dirigent Johannes Debus begnügt sich mit einer verhaltenen Romantik, die sich so auch in der Szene wiederfindet. Ist das ein Konzept?

Die Wiener Symphoniker musizieren vielleicht gerade deshalb sehr differenziert mit klarer, schöner Phrasierung und Flexibilität. Somit können die Sänger aus dem Piano heraus gestalten, was für einige Stimmen hilfreich ist. Wie auch für die Sängerin der Titelpartie Gal James, die ihr Stimmvolumen hier geschickt lyrisch einsetzen kann, wobei die vordergründig kindliche Rollengestaltung der Beatrice ebenfalls hilfreich ist. Der Slogan der Festspiele ‚Starke Frauen‘ kann allerdings nicht umgesetzt werden, denn beide weiblichen Wesen, Beatrice sowie Stiefmutter Lucrezia, tragen von Anfang an das Stigma der Verliererinnen. Dshamilja Kaiser gibt der Lucrezia nur eine verhaltene Präsenz, doch stimmlich kann sie gefallen. Der ruchlose Francesco Cenci hat in Christoph Pohl einen überzeugenden Interpreten, der die Szene zumeist dominiert. Stimmlich hat er zudem die besten Momente, denkt man nur an eine Szene, in der er als Rockstar agiert. Per Bach Nissen sowie Michael Laurenz (Kardinal Camillo und Orsino) ergänzen mit guter Stimme und Gestaltungspräsenz. Der Prager Philharmonische Chor, seit Jahrzehnten die große Stütze der Bregenzer Festspiele, ist wie immer mit großartigem Gesang zu erleben.

Sicherlich wird sich Goldschmidts Oper nicht im Repertoire etablieren können. Als Eröffnungsabend für die Bregenzer Festspiele bleibt das Werk wohl als gelungene Arbeit, ohne belastende Bilder, in Erinnerung. Trotz Drama, man kann beruhigt zur Premierenfeier gehen. Das Gemütspendel bleibt im grünen Bereich. Der Applaus ist durchweg als mehr als nur wohlwollend für das gesamte Team zu bezeichnen.

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