„Einmal verdächtig, immer verdächtig“ oder „Für Irrtümer ist niemand zuständig“ – Zum autobiographischen Film „Paris, kein Tag ohne dich“ von Ulrike Schaz

30
Plakat zum Film "Paris, kein Tag ohne dich" von Ulrike Schaz. © JIP

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eine Metrofahrt in Paris. Eine Metro-Station in Paris, Hotel de Ville, und der Himmel über Paris 2014. Darunter das Café und die Brasserie „Le Chamionnet“ im 18. Arrondissement. Dort sitzen sie, Jean Marie Leleu und Ulrike Schaz, fast 30 Jahre später.

1975 in Paris: Auf einer Fete „werden die deutsche Kunststudentin Ulrike Schaz und ihr französischer Freund aus dem Nichts verhaftet“ heißt es in einer Beschreibung zum Film und weiter: „Drei Menschen, unter ihnen zwei Beamte des französischen Geheimdienstes, wurden unweit der Feier erschossen. Ulrike ist zur falschen Zeit am falschen Ort und gerät in die Mühlen der Spionageabwehr. Sie gilt als Terroristin; als Komplizin von Carlos, dem ‚Schakal‘; als Mitglied der Baader-Meinhof-Bande. Sie wird aus Frankreich ausgewiesen und von deutschen Beamten schikaniert.“ Carlos ist nur der Kampfname. Der Mann, der diesen trägt, heißt mit „bürgerlichem“ Namen Ilich Ramírez Sánchez.

Wenn das nicht „ein Ereignis“ ist, „dass sich nicht nur in ihre Biografie einschreibt, sondern auch in ihre Polizeiakte“, was dann? In einer chronologischen Aufarbeitung des Vergangenen, das scheinbar nicht vergehen will, kehrt die Filmemacherin nicht dem Gestern den Rücken zu und verdrängt, sondern nach Paris zurück, wo sie Weggefährte und Freunde von einst trifft. Der Film ist von Anfang an nicht nur ein autobiographischer Film, sondern eine künstlerisch-essayistische Erinnerungsarbeit.

Nun, Ulrike Schaz ist nicht Ulrike Meinhof. Sie dokumentarische Film „Paris, kein Tag ohne Dich“ ihr Leben, versucht eine Inventur. Aufgewachsen ist Ulrike Schaz, die von Pfarrer Helmut Ensslin, dem Vater von Gudrun Ensslin, die als „anarchistische Gewalttäterin“ und Mitglieder der Baader-Meinhof-Band galt, die sich selbst als Rote Armee Fraktion (RAF) sah, in der deutschen Stadt Tuttlingen im Bindestrich-Bundesstaat Baden-Württemberg unter der Besatzung der Franzosen.

Ulriche Schaz zog es nach Frankreich, dem Land ihrer Träume. „In Paris wollte ich leben“, sagt sie, „so wie Juliette Gréco, eine Künstlerin, Existenzialistin, ungebunden und frei, erotisch und tiefsinnig.“ Schaz schrieb Tagebuch, viele Tagebücher wurden es. Allerdings bewegte sie sich nicht wie ein Fisch im Wasser, sondern zog an die Elbe nach Hamburg, um beim „Stern“ alles über Bildgestaltung zu lernen. Danach studierte sie „weiter Kunsterziehung an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg“. Sie berichtet von einer Zeit, in der „es genügte, lange Haare zu haben, um verdächtigt zu werden“.

Dann greifen Dienstes des Staates Frankreich zu. Überwachen und Strafen. Verhöre, Schikanen, „seit Tagen nicht gewaschen“, erkennungsdienstliche Behandlung, Terror. Kellergefängnis in Folterkammern. „Loch“. „Furchtbar“, nennt das Jean Marie und lacht, aber daß er damals nicht gelacht habe, das erwähnt er.

„Festgenommen bei einem mehrfachen Polizistenmord in Paris“ solle auf einem Einlieferungsschein in ein Verließ der BRD gestanden haben. Auch dort mußte sie sich nackt ausziehen.

Das mußte auch Jean Marie, der Carlos, welcher ihm nicht sympathisch gewesen sei, wie er im Film bekennt, näher kannte, beim DST in Paris.

Was im Film folgt sind Definitionen: „Terror ist das Wesen des Krieges. Terror ist eine militärische Strategie und eine Kriegstechnik mit dem Zweck, das Ziel durch Angst und Schrecken zu Fall zu bringen. Die Zionisten sind die Meister des Terrors. Ja.“

Und dann werden Briefe entblättert und gelesen. Ein Schreiben an „Frau Schaz“ wird gezeigt, wonach das „Ermittlungsverfahren, in dem Sie am 3. und 4. Juli 1975 in Saarbrücken polizeilich vernommen worden sind, gemäß § 170 Abs 2 StPO eingestellt“ worden sei, „weil nach dem Ergebnis der Ermittlungen gegen Sie ein begründeter Tatverdacht nicht besteht“.

Auch ein „Stern“-Artikel vom 20.5.1976 wird präsentiert. Unter dem Titel „Wenn Carlos nicht geschossen hätte“ heißt es: „Angst ist verdammt anhänglich. Auch Verdacht klebt zäh. Ulriche Schaz, 26, Referendarin an einem Hamburger Gymnasium, hat beides am Hals, und das nun schon seit zehn Monaten. ‚Das Schlimme ist‘, sagt die angehende Kunsterzieherin, ‚was mir passiert ist, kann morgen jedem anderen auch passieren.‘ Ulrike Schaz, die ihr Selbstbewußtsein für eine schlagfeste Glasur hielt, ist in das Mahlwerk geraten, das man Staatsmacht nennt. Und in dieser Mühle kriegt jeder Überzug Sprünge.“

1977 dann der „Deutsche Herbst“. Zuvor wurden im Frühjahr und Sommer 1977 der Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie sein Fahrer Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft Georg Wurster erschossen. Jürgen Ponto wurde erschossen. Hanns Martin Schleyer wurde erst entführt und dann erschossen. Im Oktober dann die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und die „Todesnacht von Stammheim“, wo sich die inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe selbst töteten. Irmgard Möller scheiterte bei der Selbsttötung in Stammheim.

Ulrike Schaz schrieb anscheinend auch im Oktober 1977 Tagebuch und über ihre „verteufelt irrationale … Angst“. Während alle angeblich „nur noch von Terroristen reden“ würde, habe sie versucht, vorm Spiegel zu schauen, wie man „möglichst unterroristisch“ aussieht.

Die Zeit der „Rasterfahndung“, mit der ein Kapitel des Films übertitelt ist, beweist, daß Personen, die mit Scheiße beworfen werden, diesen Geruch nie wieder loswerden. An der Grenze nach Dänemark müssen Ute und Ulrike die Pässe vorzeigen. „Sofort umstellen drei Polizisten mit Maschinenpistolen unser Auto. Ute und ich müssen uns nackt ausziehen.“ Wieder einmal wollen Diener des Staates des Kapitals, der die häßliche Fratze des Totalitären nicht verbergen kann, Ulrike Schaz nackt sehen. Sie reflektiert: „Mit mir zu reisen konnte für Freundinnen und Freunde üble Folgen haben.“

Kein Wunder, daß die Erkenntnis reift, daß das Private politisch sei und man das Buch „Frauen und Terror“ liest.

Der weitere Film zeigt die Geschichte von Ulrike Schaz in der Frauenbewegung, der Bewegung der Überbevölkerung und Umvolkung. Doch das wird sie so nicht sehen. 1993 in New York auf dem Flughafen dann wieder eine „Erfahrung“ und „Erinnerung“ an „Carlos‘ Freundin“. Erneutes Verhören und erkennungsdienstliches Behandeln. Schaz hält fest: „Für eine Körperdurchsuchung mußten wir uns nackt ausziehen.“ An Händen und Füßen gefesselt ging es ins „Comfort Inn“. Das war kein Hotel, sondern ein Abschiebeknast.

Daß sie eine erneute Klärung der Geschehnisse zu erreichen versuchte, das zeigt, daß sie das System des Überwachens und Strafens nicht verstanden hat und offenbar ihr ganzes Sisyphos-Programm. Die Wahrheit ist, daß die Datenkraken immer dicker und gefräßiger werden, daß das System des Überwachens und Strafens immer dichter wird.

Auch der Hamburger Verfassungsschutz solle nach der Entführung von Carlos und der Inhaftierung in Frankreich 1994 erneut gegen Schaz ermittelt haben. Der Zuschauer und Zuhörer erfährt, daß die Tuttlingerin in der DDR als „Terrorist“ geführt wurde. Das Aktenzeichen sei aus Budapest, Ungarn, übernommen worden, wo der Schakal auf seinen weiten Wanderungen weilte. Goldige Schakale sind in Ungarn in der Natur übrigens keine Seltenheit.

„Es war egal, was ich unternahm. Es gelang mir nicht, mich aus den absurden Verstrickungen zu lösen, die andere über mich beliebig in die Welt setzten.“

Fazit Schaz: „Für Irrtümer ist niemand zuständig.“ Keine Frage, Ulrike Schaz ist nicht der einzige Kollateralschaden im Kampf der Klassen und Völker.

Irgendwo im Weltnetz lese ich, daß „der Film … auf geradezu erschreckende Weise“ zeige, „wie sich einmal erfasste Daten unkontrolliert verselbstständigen“ könnten. Auch das ist falsch. Daten verselbstständigen sich nicht. Es sind immer Männer und Frauen, die handeln. Die meisten verstehen dabei nicht, wieso, weshalb und warum. Sie handeln auf Befehl.

Filmographische Angaben

  • Titel: Paris Kein Tag ohne Dich
  • Staaten: Deutschland, Frankreich
  • Jahr: 2020
  • Regie: Ulrike Schaz
  • Buch: Ulrike Schaz
  • Kamera: Jule Katinka Cramer
  • Ton: Daniel Tekieli
  • Musik: Roland Musolff
  • Montage: Magdolna Rokob
  • Schattentheater: Nicola Unger
  • Mit: Jean Marie Leleu, Evelyne Byot, Ute von der Horst, Bernadette Ridard, Ingrid Niemann
  • Produzenten: Melanie Andernach, Knut Losen
  • Projektbegleitung: Marieanne Bergmann
  • Länger: 102 Minuten
  • Im Verleih von: jip film & verleih
  • Ab Herbst 2021 im Kino

Anzeige