„Europa flieht nach Europa“ von Miroslava Svolikova

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Bestuhlung in einem Theater. Quelle: Pixabay, Foto: Holger Langmaier

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Beste Unterhaltung mit geistreichen Bosheiten bescherte das Burgtheater mit „Europa flieht nach Europa“ von Miroslava Svolikova. Die Autorin wurde im letzten Jahr bei den Autorentheatertagen für ihre Stücke „die hockenden“ und „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ mit dem Hermann-Sudermann-Preis ausgezeichnet.

In Svolikovas neuem Stück ist die gesamte Geschichte des Abendlandes enthalten. Das ist viel Stoff, aber weil die Details bekannt sind, genügen kurze Hinweise.

Zu Beginn hat Europa den Stier getötet, von dem sie entführt wurde. In beiden Händen hält sie sein Herz und verspricht, dass die von ihr soeben begangene Bluttat die letzte an diesem Ort sein werde. Hier will sie ein Land gründen, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen und in dem es keine Unterdrückung gibt, keine Armut und niemals Krieg.

Dorothee Hartinger präsentiert die von humanistischen Idealen beseelte Europa mit einer unerschütterlichen Naivität und distanziert sich gleichzeitig durch einen leicht ironischen Unterton von ihr ohne sie zu verraten. Diese Europa ist kein Mensch, sondern eine Idee, unveränderlich und wahrhaftig um ihr Leben kämpfend, während ihre Kinder gegen alle Regeln verstoßen.

Wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie erschöpft sind von ihrem Kolonialismus, ihren Kreuzzügen, Klassenkämpfen und unzähligen Kriegen, dann rufen die missratenen Kinder nach ihrer Mutter. Die ist immer für sie da, auch wenn sie deutlich an Stärke und Überzeugungskraft verliert, sich manchmal selbst nicht mehr zu glauben scheint. Immer noch macht sie Versprechungen, die sie nicht einhalten kann. Längst hat sie die Übersicht verloren. Erreicht hat sie nichts, obwohl sie alles versucht hat.

Am Ende ist Europa ausgelaugt und zu Tode erschöpft, und ihre Kinder begreifen, dass sie mit der Mutter sich selbst umbringen. Noch sind sie nicht tot, aber nur noch eine vage Hoffnung hält sie am Leben.

Franz-Xaver Mayr hat den satirischen Abgesang auf die Idee des Guten, Wahren und Schönen kabarettistisch und temporeich in Szene gesetzt. Sven Dolinski, Alina Fritsch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayer und Marie-Luise Stockinger sind, in wechselnden Rollen, die ungeratenen Kinder. Sie sind bockig, widerspenstig, bösartig, manchmal aber auch brav und folgsam, wie Kinder eben sind. Sie spielen ja auch nur. Mit Worten gelingt ihnen das kreativ und voller Entdeckungsfreude. Selbstverständlich streiten sie auch miteinander, und dann nehmen sie Waffen in die Hand, aber das ist doch nur ein Spiel. Ganz entzückende Menschen sind diese Kinder Europas, nur leider entsetzlich dumm.

Europa steht immer im Zentrum, majestätisch wie eine Königin. Miroslava Svolikova hat eine grandiose Frauenrolle erschaffen und Dorothee Hartinger gestaltet sie anbetungswürdig, zeigt facettenreich die Entwicklung dieser Gestalt von der begeisterten Heldin bis zur dahin siechenden Märtyrerin. Angesichts der unerwarteten Verwirrungen und Katastrophen, in die sie hineingerät, verliert Europa manchmal sogar ihre Naivität und Dorothee Hartinger ihre leichte Ironie. Zum Niederknien!

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