Generations – Kraftwerksgenerationen der USA, ein Forum-Film/ Berlinale

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Ein Kraftwerk. Eine vorübergehende Zeiterscheinung. Kraftwerk Wilmersdorf. © Foto/BU 2020: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Generations bei der Berlinale, dieser Filmtitel ist verwirrend, da bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, wie die Berlinale in Langform eigentlich heißt, mit GENERATION eine Sektion gemeint ist. Gefühlt vor langer Zeit hieß die Sektion Generation „Kinderfilmfest“. Vielleicht war der Begriff zu deutsch für ein internationales Festival, passte nicht zur Festivalsprache englisch und war für US-Amerikaner, Kanadier und Engländer mehr oder weniger schwer auszusprechen – und bestimmt: „zu lang“. Wenn ein Wort wie „Robert“ schon „zu lang“ ist und zu „Bob“ verkürzt wird, nicht nur von den „loved ones“, den geliebten Menschen aus der nächsten Umgebung wie der Familie, kann man sich vorstellen, wie „unerträglich“ lang und zungenbrecherisch eine viersilbige (4!) Vokabel wie „Kinderfilmfest“ dem Nichtmuttersprachler vorkommen muss. Oder gar „Kinderfilmfestival“.

Als gute Neuerung wurde immerhin die umbenannte Kinder- und Teenagerfilmsektion in „Kplus“ und „14plus“ aufgeteilt. Damit wurden die Streifen für kleine Kinder klar unterscheidbar. Die Teilsektion Generation 14plus entwickelte sich dann im letzten Jahrzehnt zu einer der spannendsten. Denn nicht nur für Jugendliche und junge Erwachsene, sondern auch für ältere sind die meisten 14+Filme geeignet. Es sind eigentlich normale Filme mit einem Zusatzwert, einem Mehrwert, nämlich dem, dass sie auch Teenagern gut gezeigt werden können und gern gesehen sind.

Der Film Generations im Forum der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin

„GENERATIONS“ im Plural ist hingegen ein singulärer Titel für einen einzelnen Film im Forum der 70. Berlinale. Dabei ergibt sich aus der Sicht des Muttersprachlers fast ein Wortspiel: ‚Kraftwerk‘ ist auf englisch entweder ‚Power Plant‘, ‚Power Station‘ oder ‚Generating Station‘. Energie wird „erzeugt“, bzw. „generated“. Die Ähnlichkeit mit ‚Generations‘ ist augenscheinlich, aber auch hörbar.

Generations of Generating Stations

Das 50. Forum ist und war eine selbständige Veranstaltung, die sehr gut in die Gesamtberlinale eingebunden ist.

Generations ist ein Film von Lynne Siefert aus Seattle, Washington, die auch als „moving image artist“ bezeichnet wird, also eine Bewegtbild-Künstlerin.

Dieser Film erinnert an die Arbeiten von James Benning, mit dem Unterschied, dass in Sieferts Film mehr passiert.

Benning ist derjenige, der den in unbewussten Sehgewohnheiten Gefangenen an seine Grenzen und dadurch dann manchmal aus dem Kino treibt. ( Das passiert ja vermehrt auch bei anderen Filmen, bei denen es durchaus Kamerafahrten gibt. Vergleiche „El mar la mar“. https://kulturexpresso.de/meer-ohne-wuestenschiffe-el-mar-la-mar-von-joshua-bonnetta-und-j-p-sniadecki-gewinnt-den-caligari-preis-fuer-einen-film-aus-dem-berlinale-forum/ ) Andere sind von Bennings Filmen begeistert. Endlich kann man sich einmal ausruhen und muss sich nicht von Geflacker terrorisieren lassen.

Benning arbeitet meist mit langen Einstellungen, die nicht verändert werden. Der Standort der Kamera wird gut und mit Bedacht ausgewählt, anschließend wird eine bestimmte Zeit gefilmt. Bei Benning können die Szenen entweder gleichlang sein oder durch äußere Faktoren bestimmt.

In seinem Eisenbahnfilm drehte er von Stille bis Stille, das heißt: schon bevor ein Zug kommt, wie man ihn erst nur hört, dann sieht, wie er dann vollständig durchs Bild fährt und schließlich aus den Augen und dann den Ohren verschwindet. Das dauert unterschiedlich lang und richtet sich nach Länge und Geschwindigkeit der Züge sowie die Entfernung der Kamera vom Geschehen. In anderen Filmwerken wird die Zeitspanne pro Szene vorher festgelegt.

In einem solchen Film gibt es also nur Einstellungen, keine Schwenks, kein Zoomen, keine Beleuchter. Die Bewegung findet innerhalb des Rahmens statt – wenn denn „etwas passiert“; ein Auto vorbeifährt, die Sonne durchbricht, ein Vogel fliegt.

Es passiert etwas

Siefert, deren erste Langfilmarbeit dies ist, ist da mit dem Publikum gnädiger. Erstens sind es in Generations nur je 5 Minuten pro Einstellung und Kraftwerk. Bei einem Dutzend ergeben sich 60 Minuten plus Beginn und Abspann, deshalb 67 Minuten. Es geht es auch länger. James Benning auf der 68. Berlinale 2018 gezeigter Film zeigte 45 Minuten, ohne dass die Kamera bewegt wurde. Eine Geduldsprobe. In der Ausstellung von Forum Expanded, die im 1. Stock der Akademie der Künste am Hanseatenweg stattfand, waren ein Dutzend Filmexperimente präsentiert worden, die während der Ausstellungszeit in Schleife liefen. Kollegen von Benning wie eine Regisseurin aus dem Libanon filmten sogar 9 oder 12 Stunden. Das bedeutete für die Schleife: Wer den ganzen Film sehen wollte, musste meist am nächsten Tag wiederkommen.

Bennings Vorgehen hatte Sinn. Er filmte eine Sonnenfinsternis und plazierte sie zeitlich in die Mitte seines Werks etwa in Minute 22 bis 24.

Auch bei der 70. Berlinale war Benning präsent („Maggie‘s Farm“). Siefert ist sozusagen Benning soft. Sie wählt Settings, Orte, in oder an denen etwas passiert: Kinder am Spielplatz, eine Familie am Strand, ein Liebespaar im Neuschnee. Kurzgeschichten für fünf Minuten. Und im Hintergrund raucht der Kohlekraftwerksschornstein oder dampft der Kühlturm. Das bleibt in jeder Einstellung gleich.

Wer Benning mag – wir mögen ihn – wird Siefert auch mögen. Eine Filmkritikerin sagte nach der ersten Vorführung sogar, sie würde ihn sich noch einmal anschauen.

Übrigens waren einige der Szenen von Kamera und Regie unbeeinflusst, in anderen arbeitete die Regisseurin mit Leuten vor Ort zusammen. An einer kleinen Sporttribüne telefonieren Leute mit dem Handy, an einem anderen Ort wird an der Halfpipe geübt.

Es passiert übrigens nicht nur im Bild etwas, ob nun zufällig oder inszeniert. Die Auswahl der Kraftwerke erfolgte nach optischen Maßstäben – Vorder- und Hintergrund – und historischen, wie sie im Interview preisgibt.

Interview mit Lynne Siefert

Regisseurin Lynne Siefert dazu im Interview: „Zwischen 2017 und 2019 recherchierte und besuchte ich 79 Kohlekraftwerke quer durch die Vereinigten Staaten. Schließlich wählte ich für den Dreh und die Szenen 17 aus. Ich schnitt es dann auf 12 zusammen, mit einem 13. Werk, das den Abspann begleitet.“

„Für Einstellungen ohne Menschen wählte ich einige Kraftwerke aus auf der Basis ihrer Verschmutzungswerte und Geschichte. Zum Beispiel nahm ich das Kraftwerk Scherer Power Plant in Juliette, Georgia auf, das viele Jahre lang den Rekord für den höchsten Kohlendioxidausstoß in den USA hielt. Ich filmte die „TVA Kingston Fossil Plant“ in Kingston, Tennessee, das den größten Ascheregen aller Zeiten in den USA verursachte, das gilt als einer der schlimmsten Industrieunfälle in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Damals war ich noch dabei, die Idee für dieses Projekt zu erarbeiten. Obama war noch im Amt und hatte gerade neue Regeln für die Environmental Protection Agency (EPA) (wörtlich: Umweltschutzagentur, d. Red.) erlassen.“ Einige Kohlekraftwerke standen vor der Schließung, da sie es sich nicht leisten konnten, die technischen Verbesserungen zu bezahlen, um die neuen EPA-Regeln einzuhalten. „ … es war klar, dass es mit der Branche bergab ging. Damals, wie ich schon sagte, dachte ich von diesem Projekt teilweise wie als einem Abschluss der Ära der Industrialisierung. Deshalb wurden Kraftwerke, bei denen Daten für die Abschaltung festgelegt worden waren, auch ein Faktor für die Drehauswahl, weil ich diese energieerzeugenden (Kraft-)Werke dokumentieren wollte, wie sie ihre letzten Atemzüge taten.“

Obama, Trump und die Annäherung der totalen Öko-Katastrophe

„Doch mit der Präsidentschaft Trumps änderten sich die Dinge. Viele der Abschaltdaten wurden verlegt oder überhaupt gestrichen, während die Regierung Trump viele Beschlüsse der Obama-Ära zurücknahm. Mit diesem Wandel in der politischen Landschaft wurde eine weitere Schicht meinem Projekt hinzugefügt. Wieder einmal stehen wir verunsichert an einem kritischen Scheideweg, aber diesmal steht viel mehr auf dem Spiel als jemals zuvor. Diese Kraftwerke werden entweder Zeugen der Vergangenheit werden oder bleiben, was sie sind, aktiv beitragend zu den Systemen und Kräften, die uns dem totalen ökologischen Kollaps nahebringen.“

Die Kraftwerke aus Generations

Die folgende Liste mag nicht nur für den Chronisten, sondern auch für Freitagsdemonstranten interessant sein. Der Stromverbrauch in den Vereinigten Staaten ist hoch, das Einsparpotential ebenfalls. Sparen ist aber vielerorts ein Fremdwort. Es wundert fast, dass „Sparen“ und „Einsparen“ keine deutschen Fremdwörter im Englischen sind wie German Angst, Glockenspiel und Zeitgeist. Das mag an den Schotten liegen, die auch englisch sprechen.

1. Pleasants Power Station in Belmont, West Virginia.

2. Big Bend Power Station in Apoolo Beach, Florida.

3. William H.Zimmer Power Station in Moscow, Ohio.

4. Navajo Generating Station. Navajo Nation; in der Nähe von Page in Arizona im Südwesten der USA.

5. Michigan City Generating Station in ebenjener Stadt in Indiana.

6. Homer City Generating Station in Pennsylvania.

7. Presque Isle Power Plant in Marquette, Michigan.

8. Conemaugh Generating Station in New Florence, Pennsylvania.

9. E.W.Brown Generating Station in Harrodsburg in Kentucky.

10. Dallman Power Station in Springfield, Illinois.

11. TVA Kingston Fossil Plant in Kingston, nicht auf Jamaica, sondern in Tennessee.

12. John E. Amos Power Plant in Winfield, West Virginia.

Während des Abspanns wird die Scherer Power Plant in Juliette im Bundesstaat Georgia gezeigt.

Sichtbarkeit

Wer nun meint, die Berlinale sei ja vorbei, wo könne man dann den Film sehen, dem sei dreierlei gesagt:

1. Auf Festivals läuft er noch.

2. Im Arsenal werden direkt nach den Filmfestspielen Berlinalefilme wiederholt, so auch 2020. Das Arsenal-Kino mit seinen zwei Sälen befindet sich im Filmhaus, Potsdamer Straße 2 unweit des verkehrsmäßig sehr gut angebundenen Potsdamer Platzes in Tiergarten im Bezirk Mitte.

3. Das Arsenal wiederholt auch zu späteren Zeitpunkten solche Filme.

– Ob es eine DVD gibt oder geben wird oder eine Möglichkeit des Anschauens Online, müsste nachgeschaut werden.

Generations findet man auch unter berlinale.de

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