Geschichte aus der Mottenkiste – Die Berliner Philharmoniker erinnern in einer Ausstellung an die Alte Philharmonie in der Bernburger Straße

Philharmonie in Berlin, angestrahlt in der Nacht. © 2016, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es mutet weltfremd an, wenn die Berliner Philharmoniker, die mit dem Neubau von Hans Scharoun über einen großzügigen Konzertsaal mit ausgezeichneter Akustik, mit bequemen Sitzen und guter Klimaanlage, verfügen, wehmütig auf die alte Philharmonie in der Bernburger Straße zurückblicken. Denn kaum einer der Philharmoniker von heute dürfte den alten Bau noch gekannt haben. Der sank 1944/45 unter angloamerikanischen Bomben in Schutt und Asche. Die Ruine wurde 1952 gesprengt.

Der Alten Philharmonie ist eine Ausstellung im Foyer der Philharmonie gewidmet. Die Bilder zeigen eine Welt, die es nicht mehr gibt, bemerkt der Intendant Martin Hoffmann im Katalog.

Entstanden war die alte Philharmonie aus einer Verkettung von Zufällen. Der Prinzipal der Concert-Direction Hermann Wolff organisierte seinerzeit die Konzertreisen der Meininger Hofkapelle, jene geleitet von dem berühmten Hans von Bülow, und brauchte 1882 in Berlin für deren Gastspiel einen Konzertsaal. Es traf sich, dass die Geschäfte der Rollschuhbahn Skating-Rink AG schlecht liefen und Partner von Wolff die Halle kauften und im Laufe der Jahrzehnte mehrfach umbauten, erweiterten und mit damals moderner Technik ausstatteten. Mit 1600 Sitz- und 900 Stehplätzen wurde die Philharmonie der größte Konzertsaal Berlins. Hinzu kam, dass 1882 ein großer Teil der »Bilseschen Kapelle« wegen schlechter Bezahlung rebellierte und sich als »Berliner Philharmonisches Orchester« neu gründete. Wolff übernahm die Organisation der Konzerte und engagierte Dirigenten und Solisten.

Die Ausstellung würdigt die herausragende Rolle der Philharmonie und des Orchesters im bürgerlichen Kulturbetrieb, das Wirken berühmter Dirigenten wie Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Bruno Walter und Wilhelm Furtwängler, die Gastspiele des Cellisten Pablo Casals, des Geigers Fritz Kreisler und des Pianisten Sergej Rachmaninow oder der Comedian Harmonists. Hier hielten Albert Einstein und Thomas Mann Vorträge. Am 13. Dezember 1930 wurde Hanns Eislers und Bertolt Brechts Lehrstück »Die Maßnahme« uraufgeführt. Die Räume wurden vermietet an Veranstalter von Bällen und Kochwettbewerben, an schlagende Verbindungen oder die KPD. Ein Schnappschuss aus dem Jahr 1930 zeigt die überraschten Gesichter der Besucher, als Joseph Goebbels SA-Leute schickte, um einen Vortrag Thomas Manns zu verhindern.

Doch in der Geschichtsschreibung ist alles relativ. Bilder sagen viel, aber nicht alles. Die Philharmonie war die Heimat großer Musik und großer Musiker, aber nicht für alle. Nicht für die vier Juden im Orchester, die die Nazis 1933-1935 ins Exil trieben und denen keiner solidarisch beistand.

Gleich 1933 schlüpfte das Orchester in den Mantel des Reichsorchesters, das dem Propagandaminister Joseph Goebbels unterstand, der es vor dem Bankrott rettete. Das alles wurde 2007 schon einmal abgehandelt mit dem Buch »Das Reichsorchester« von Misha Aster und dem gleichnamigen Film von Enrique Sanchez Lansch. Des Buches neuralgischer Punkt war die Weißwäscherei der Kollaboration mit den Nazis. Kennzeichnend war die Behauptung des Soziologen Wolf Lepenies im Vorwort: »Es gab keinen Widerstand gegen das Regime – aber auch keinen Enthusiasmus für die Partei und ihre Führung. Es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus – aber auch keinen Versuch, sich gegen den Rassenwahn aufzulehnen.« »Das Regime nutzte das Orchester – und das Orchester nutzte das Regime.« Das Verhalten des Orchesters habe sich nicht wesentlich vom Verhalten der meisten Deutschen unterschieden – eine (fast) alltägliche deutsche Geschichte.

Weit hergeholt? Die Bilder von den Trümmern der Alten Philharmonie lassen sich nicht von der Geschichte und ihrer Interpretation trennen. Denn schlimmer als die Trümmer waren die geistigen Verwüstungen, die der Faschismus hinterlassen hatte. Die Philharmoniker hatten den Nazis bis zum Ende treu gedient und mit »guter Musik« geholfen, die Niederlage hinauszuschieben. Mit jenem Ungeist aufzuräumen, war dem Dirigenten Leo Borchard überlassen, der 1945 im Auftrag des Magistrats von Berlin die aktivsten Nazis entließ.

Doch auch der Emigrant Wolfgang Stresemann sah es 1945 von New York aus nicht so dramatisch. Die übergroße Mehrzahl der Konzertbesucher, gibt der Katalog seine Worte wieder, habe die sogenannte »Kultur« der Nazis abgelehnt. Und Hitler sei ja »nur wenige Male« dagewesen (das Orchester spielte freilich zu jedem Führergeburtstag). Oder man denke: Der Märtyrer Wilhelm Furtwängler kehrte nach dem im Jahre 1934 mit Goebbels öffentlich geführten Streit um Paul Hindemiths Oper »Mathis der Maler« nach einem halben Jahr zum Orchester zurück. Andere mussten für zwölf Jahre oder für immer gehen, wie der Konzertmeister Szymon Goldberg. Alles relativ.

Apropos Orchester. Die heutigen Mitglieder der Berliner Philharmoniker haben mit jener Geschichte nichts gemein. Deren »Aufarbeitung« besorgen »Experten«. Eine ehrliche Erzählung der Geschichte aber können die Musiker erwarten. Am besten sieht man die Veränderung an Gruppenbildern. Ein Orchester, bestehend nur aus Männern, hat etwas Martialisches. Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind.

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Die Alte Philharmonie – Ein Berliner Mythos, Ausstellung von Oliver Hilmes im Foyer der Philharmonie. Bis 29. Januar 2017, geöffnet Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen 11 bis 14 Uhr. Eintritt frei.

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