Herr Müller, Hopper und Vermeer. Deutsche Kinemathek brachte mit „Master of Light“-Filmreihe die Verbindungen alter Meister zum Kameramann Robby Müller ans Licht – Ausstellung läuft

"Robby Müller - Master of Light": Filmreihe über den Kameramann, dem im Filmhaus eine Ausstellung gewidmet ist, die noch bis zum 5. November zu sehen ist. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Kino am Potsdamer Platz hat auf den ersten Blick mit den Gemäldegalerien im Kulturforum oder auf der Museumsinsel – die schönen Dahlemer Museen wurden ja im Zentralisierungswahn abgeschafft – nichts zu tun. Ins Imax oder Cinestar im Sony-Center ziehen viele junge Leute oder Familien zum Popcornessen, das ist in der Bilderausstellung am Matthäikirchplatz oder im Kupferstichkabinett nicht erlaubt, genausowenig wie das Herumtollen oder Kreischen.
Dass zwischen den Alten Meistern und Robby Müller eine Verbindung besteht, deren Enge durchaus mit der räumlichen Nähe des Sony-Centers zum Berliner Kulturforum mit der Philharmonie, Staatsbibliothek und seinen vielen Museen vergleichbar ist, bewies die Filmreihe „Master of Light“ im Filmhaus an der Potsdamer Straße.
Es ist das große Verdienst des „Arsenals“, Filme nicht nur nach Regisseur geordnet oder chronologisch zu zeigen, sondern immer wieder bestehende senkrechte und Querverbindungen aufzuzeigen, die man glatt übersehen hätte oder übersehen hätte können.

Das „senkrechte“ Weltbild

Schon Rüdiger Dahlke hatte seinen Beitrag zum Aufweichen bisher vorherrschender Sicht-Weisen geleistet, als er mit Nicolaus Klein 1986 über „symbolisches Denken in astrologischen Urprinzipien“ schrieb. Dieser (Unter-)Titel ist natürlich wenig eingängig, und so hieß das Buch im Hugendubel-Verlag kurz „Das senkrechte Weltbild“.
Damit brachen sie verhärtete und verkrustete Weltbilder bereits in den 80er Jahren vorsichtig auf; zu einer Zeit, als man sich im Kalten Krieg (trotz unterschwelliger Angst vor totaler atomarer Vernichtung aller Physis und Kultur einschließlich des dies denkenden Individuums) noch ausruhen konnte in der Gewissheit der Blöcke. Begriffe wie Sozialismus und Kommunismus, Freie und Dritte Welt machten nicht nur die Runde, sondern wurden von jedem als Kategorie verstanden. Atomwaffen befanden sich nur in den Händen „verantwortungsvoller“ Politiker oder Militärs, also des weißen Mannes und der Chinesen. Die südafrikanische Kernwaffe eingeschlossen.
Alles schien irgendwie an seinem Platz, trotz Entkolonialisierung, der 68er und der Notstandsgesetze.
1986 konnte man noch darüber nachdenken, ob man denn einen Computer oder Rechner bräuchte – oder eben nicht.
Dahlke und Klein zeigten jetzt aber, dass das Denken nicht nur immer linear geradeaus geht. (Sie wissen schon, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann…) Beim Blättern im senkrechten Weltbild erfuhr man, dass ganz erstaunliche Zusammenhänge bestünden oder bestehen – ja, ganz unglaublich – zwischen, sagen wir Orangen, Grünkohl, Dinkel und Linsen (die Beispiele sind willkürlich gewählt und entsprechen nicht den tatsächlichen Verbindungen, die in dem Buch enthüllt werden).
Waagerechtes Denken sind wir gewohnt, wir tun im Grunde nichts anderes. Wir tun Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen und Pampelmusen in die Schublade „Obst“, können Blumenkohl und Paprika dem „Gemüse“ zuordnen, stimmen seit der Grundschule zu, dass Hafer, Gerste und Roggen „Getreide“ sind sowie Erbsen und Bohnen in die Rubrik „Hülsenfrüchte“ gehören. Alles an seinem Platz. So kann die astrologische „Jungfrau“ Ordnung schaffen.
Linsen und Binsen lassen sich durch den Deutschunterricht verbinden, in dem wir verschiedene Reimarten kennenlernten. Dass Roggen und Piroggen, Blumenkohl und Aerosol, Kupfer und Gras-Hupfer noch in anderer Form zueinandergehören könnten, war fast unvorstellbar.
Dahlke und Klein entwarfen dann ein Weltbild, das – wie gesagt, dies sind keine realen Beispiele aus dem Buch – den inneren Zusammenhang zwischen Äpfeln, Tomaten, Hafer und Linsen zeigten, ja darüberhinaus auch noch Metalle, Halbedelsteine und Planeten zuordneten.
So wurden Reihen beschrieben wie Apfelsine, Chinakohl, Roggen, Bohnen, Kupfer, Amethyst, Mars oder Pfirsich, Rettich, Gerste, Erbsen, Silber, Venus usw.

Das senkrechte Weltbild im Film

Bei Kinofilmen sind wir gewohnt, entweder dem Regisseur oder den oberflächlich sichtbaren Schauspielern zu huldigen. Nur bei Oscar- und Bärenverleihungen denken wir auch mal an die Kostüme, das Bühnenbild, die Produzenten und Location Scouts. Zwar ist die Leistung der Deutschen Kinemathek nicht so epochal wie Rüdiger Dahlkes, doch wurden wir in der Filmreihe „Master of Light“ auf unsichtbare Zusammenhänge gestoßen.

Das Versteck hinter der Kamera

Kameraleute sind denkbar gut versteckt, 180° hinter dem Gesehenen drehen sie das zu Zeigende. Manche haben ihre eigene Handschrift und sind nicht nur die Exekutive des Regisseurs.
Dass die Kameraführung wichtig ist, zeigt auch, dass nicht nur manchmal gut verdienende Stars der Leinwand zu Produzenten oder gar Regisseuren werden, sondern dass auch letztere nicht nur Regie führen wollen, sondern zuweilen das Gerät übernehmen, ohne den kein Streifen auskommt.

Soderbergh setzt auf kreative Kontrolle

Steven Soderbergh („Ocean’s 12“, „Magic Mike“) hat für sein neuestes Projekt mit Channing Tatum nicht nur ein eigenes Unternehmen gegründet („Fingerprint Releasing“). Der Regisseur ist schon extrem eigen, hatte er doch sogar mit dem „normalen Filmemachen“ aufgehört und ging zum Fernsehen. Die Rückkehr auf die Kinoleinwand erfolgte nur, weil er die kreative Kontrolle über alle Aspekte behalten konnte. Der Verleih bildet die Basis, da man heutzutage auch ohne die großen, traditionellen Filmstudios auskommen kann. Stichwort digitale Weltveränderung.
Die schöpferischen Aspekte, die Soderbergh kontrollieren wollte und will sind Regie, Schnitt – und Kamera.

Das Ding, an dem man dreht

Man kann einen Film ohne Farbe machen, ohne Darsteller (oder nur mit Tieren), ohne Kostüme. Ohne Ton (Stummfilme), fast ohne Geld (Low-Budget- und „No-Budget“-Filme) und sogar ohne Feingefühl.
Einen Film ohne Kamera können noch nicht einmal die Stop-Motion-Filmemacher herstellen, auch nicht mit noch soviel Knete („Shawn, das Schaf“).

Und so konnte man sich im August die Augen reiben und im Kino Arsenal Filme (wieder-) sehen, die für viele Zuschauer nicht im Zusammenhang standen. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Was hat „Paris, Texas“ mit „Dead Man“ und „Die gläserne Zelle“ zu tun? Wer hätte das gewusst?

Aufklärung

Die Deutsche Kinemathek erläutert:
Der Niederländer Robby Müller (Jahrgang 1940) gilt als einer der bedeutendsten europäischen Kameramänner. Er wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet (s.u.) und trug seit den 70er Jahren beträchtlich zum Erfolg einer ganzen Generation unabhängiger deutscher Filmautoren bei, bevor er später überwiegend in den USA arbeitete.

Die wichtigsten Aspekte der Bildgestaltung Robby Müllers sind das Photographieren mit möglichst natürlichem Licht, die bewegliche Kamera sowie eine dem jeweiligen Sujet angepasste Farbdramaturgie.
Landschaften und Kamerafahrten in „PARIS, TEXAS“ oder Close-ups von Johnny Depp in „DEAD MAN“ zeugen von seiner Virtuosität und zeigen Bezüge zu Werken Hoppers und Vermeers auf.

Jan Vermeer van Delft und das Licht

Bei Jan Vermeer (1632-75) bezieht sich Müller auf einen Landsmann. Bei der „Dienstmagd mit Milchkrug“ ist das Licht entscheidend, bei der berühmten Delfter Stadtansicht beeindrucken der wolkige Himmel und die Schatten auf dem Wasser. Das berühmte Bild „Meisje met de parel“ (Das Mädchen mit der Perle), vor dem man, einfach, wie es ist, lange verweilen kann, steht die junge Frau vor einem fast schwarzen Hintergrund. Die Perle schimmert und glänzt aus dem Schatten heraus.

Die „Ausstellung zur Filmreihe“ im Museum für Film und Fernsehen ist bis zum 5. November 2017 geöffnet (s.u.).

Von der Karibik über West- nach Mitteleuropa

Geboren wurde Müller in Willemstad auf Curacao, da sein Vater, ein begeisterter Hobbyfilmer, im Ölgeschäft mitmischte. Willemstad hat eine riesige Raffinerie, eine der weltgrößten, die venezolanisches Erdöl verarbeitet; kurz nach Robbys Geburt zum Beispiel zu Flugbenzin für US-Bomber.
Robby konnte die Zweitkamera seines Vaters nutzen.
1962 bis 1964 studierte er in Amsterdam Kamera und Schnitt. Die Assistententätigkeit bei seinem Kollegen Gérard Vandenberg wurde sein Brückenkopf in die Bundesrepublik. Der 1999 in München Verstorbene war in Amsterdam geboren.

Eine Auswahl aus Müllers Filmtiteln

1968 war er schon bei Geißendörfer für den Fernsehfilm „Der Fall Lena Christ“. Geißendörfers „Gläserne Zelle“, 1979 oscarnominiert (der vierte Film der Arsenal-Reihe), schoss Müller zehn Jahre später.
Die Kooperation mit Wim Wenders, durch die er bekannt wurde, schloss sich an. Anschließend, in den 80ern, drehte er fast exklusiv in den USA.
1999 Wenders‘ „Buena Vista Social Club“ und den zweiten Film mit Lars von Trier, „Dancer in the Dark“. 1996 hatte Müller im Veröffentlichungsjahr für „Breaking The Waves“ den New York Film Critics Circle Award erhalten.

Spätwerk

2003 drehte er seinen wohl letzten Kinofilm wieder mit Jim Jarmusch und Ralf Schmerbergs Filmdrama „Poem – ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“ wurde auf der Berlinale welturaufgeführt; zusammengestellt aus 19 Gedichten, von denen Müller das 6., 9. und 15. verfilmte: Goethes „Gesang der Geister“, Ingeborg Bachmanns „Nach grauen Tagen“ und Heinrich Heines „Der Schiffbrüchige“ mit Klaus Maria Brandauer.
Danach folgte 2004 noch die 10. Episode von „Visions d’Europe“ – europäische Visionen – in der Regie von Béla Tarr, der 2011 für „Das Turiner Pferd“ den Großen Preis der Jury (Silberner Bär) der Berlinale und den FIPRESCI-Preis erhielt.

Prijs, Preise und Awards für Robby Müller

Zwischen 1975 und 1991 dreimal das Filmband in Gold für die Kameraführung („Falsche Bewegung“, Geißendörfers „Klassen Feind“, „Korczak“).
1984 Goldene Kamera und 1985 Bayerischer Filmpreis für Wenders‘ „Paris, Texas“.
2005 Ehrenkameramann/Deutscher Kamerapreis; 2006 Camerimage für das Lebenswerk; 2007 Goldenes-Kalb-Kulturpreis.
2009 erhielt Müller den Bert Haanstra-Oeuvreprijs (van de Nederlandse film). Der heute 77jährige ist der vorerst letzte Bert-Haanstra-Preisträger und erhielt das bisher höchste in diesem Zusammenhang vergebene Preisgeld (50.000 Euro).

Wieder für sein Lebenswerk: 2013 der International Achievement Award der American Society of Cinematographers und 2016 die Manaki Brothers Film Festival Golden Camera 300.

Liste der Filme zur Ausstellung

Vom 4. bis zum 17. August zeigte das Kino Arsenal in Kooperation mit der Deutschen Kinemathek sechs Filme, die von Robby Müller fotografiert wurden:

1. „Der amerikanische Freund“ (BRD/F 1977, Regie: Wim Wenders), OmU, 126 min (am 4.8. )
Wenders Verfilmung des Patricia-Highsmith-Romans „Ripley’s Game“ siedelt das Geschehen in Hamburg und Paris an. Dennis Hopper als Tom Ripley findet in dem von Bruno Ganz dargestellten Jonathan Zimmermann einen ebenso arglosen wie überforderten Auftragsmörder. Nicht zuletzt durch Robby Müllers brillante Kameraführung und ausgeklügelte Farbgestaltung gelingt Wenders eine kongeniale filmische Umsetzung des Stoffs.

2. „Dead Man“ (USA/D 1995, R.: Jim Jarmusch), OmU, 121 min am (5.8. )
Jarmuschs auf einem selbst verfassten Drehbuch basierender Western um den von Johnny Depp dargestellten Buchhalter William Blake wurde von Robby Müller in betörend schönen Schwarzweiß Bildern fotografisch komponiert. Der Zuschauer wird in das kafkaeske Geschehen, das sich aus den zufälligen und seltsamen Begebenheiten im Leben von Blake ergibt, hypnotisch hineingezogen.

3. „Paris, Texas“ (F/BRD 1984, R.: Wim Wenders), OmU, 148 min (am 8.8.)
Bei „Paris, Texas“ arbeiten Robby Müller und Wim Wenders zum wiederholten Male zusammen. Und wieder versteht es Müller, seine eigene Kunst überzeugend in den Dienst des Regisseurs zu stellen, mit dem er am häufigsten im Laufe seines Lebens kooperiert hat. Harry Dean Stanton verkörpert Travis, dessen Liebe zu Jane (Nastassja Kinski) sich in Besessenheit wandelt und ihn schließlich sprachlos macht. Dafür sprechen die weiten und kraftvoll farbigen Bilder unter einem unendlichen texanischen Himmel umso beredter.

4. „Die gläserne Zelle“ (BRD 1978, R.: Hans W. Geißendörfer), 93 min (am 11.8.)
Der Architekt Phillip Braun (Helmut Griem) kehrt nach fünf Jahren aus dem Gefängnis zu seiner Familie zurück. Er hat unschuldig für ein Verbrechen gebüßt, das ein anderer begangen hat, doch seine Frau und sein Sohn haben sich inzwischen von ihm entfremdet. So gerät er in einen Strudel aus Schwermut und Abhängigkeit. Den neuerlich auf einer Geschichte von Patricia Highsmith basierenden Film gestalteten Geißendörfer und Müller in dichten Bildern als kammerspielartiges Psychogramm eines Verzweifelten.

5. „Barfly“ (USA 1987, R.: Barbet Schroeder), OF, 99 min am (15.8.)
Basierend auf einem Drehbuch von Charles Bukowski spielt Mickey Rourke den saufenden Dichter Henry, der sich auf eine Beziehung mit der ebenfalls alkoholkranken Wanda (Faye Dunaway) einlässt, was zu fortgesetzten Auseinandersetzungen zwischen den beiden führt. Müller zeichnet ein Amerika der Gescheiterten in faszinierend pastelliger, beinahe schöner Farbigkeit.

6. „Breaking The Waves“ (DK/S/F/NL/NO/IS 1996, R.: Lars von Trier), OmU, 158 min (am 17.8. )
Von Triers monumentales Werk um einen Bohrinselarbeiter (Stellan Skarsgård), der, nachdem er durch einen Unfall gelähmt wird, von seiner tiefgläubigen Freundin (Emily Watson) verlangt, sich für ihn zu prostituieren, erhält seine atemlose Dynamik durch den forcierten Einsatz der Handkamera.

Es gab Einführungen von Nils Warnecke, Georg Simbeni, Maximilian Weinberg („Paris, Texas“), Gerlinde Waz, Peter Mänz und Kristina Jaspers (in den wellenbrechenden Trierschen Film um die Folgen des Bohrinselarbeitsunfalls „Breaking The Waves“).

Die Lichtmeister-Ausstellung

Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen widmet dem Kameramann seit dem 6. Juli die Ausstellung „Robby Müller – Master of Light“. Die ursprünglich vom EYE-Filmmuseum in Amsterdam konzipierte Schau legt den Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Regisseuren Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier. In der Ausstellung vermitteln großflächige Projektionen ausgewählter Filmszenen einen Eindruck vom visuellen Scharfsinn und der Vielschichtigkeit seiner Werke.

Die Ausstellung „Robby Müller – Master of Light“ ist im Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz bis 5. November 2017 zu sehen.

www.deutsche-kinemathek.de/ausstellungen/robby_mueller

Museum für Film und Fernsehen (und Kino Arsenal) im Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten bzw. -Mitte

Wer ähnlich tiefsinnige Filmreihen in Zukunft nicht verpassen möchte, informiert sich rechtzeitig auf www.arsenal-berlin.de Kino Arsenal im Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten

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