Journalismus ist wichtig und muss belohnt werden – „Spotlight“ gewinnt Oscar für Besten Film; Brie Larson Beste Darstellerin in „Raum“, der am 17. März in Deutschland startet; Kanada mehrfach Sprungbrett

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© Open Roads Film

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nun hat es endlich ein Ende mit den Spekulationen: Die Academy Awards wurden vergeben. Einen „Oscar“ zu bekommen, ist nicht leicht, scheint es. Dennoch erhielten in diesem Jahr viele Erstnomierte auch eine Trophäe. Das nimmt den Zweite-Hand-Jammerern zum Glück ein bisschen den Wind aus den Segeln, die sich meinen, im Februar befleißigen zu müssen, um für einen Gnaden-Oscar zu werben: „Oh, guck mal, dieser Millionär ist schon so oft nominiert worden und hat immer noch keinen. Manno. Jetzt sollten sie dem aber einen geben…(heul).“ Nein. So läuft es – zum Glück – nicht. Meist erhält jemand den Oscar, obwohl es mindestens einen eben so guten Mitstreiter gab, bzw. Mitstreiterin.

Brie Larson ist 26 Jahre jung. Im kanadisch-irischen Film „Raum“ – im Original „Room“ – sieht es so aus, als hätte sie davon viele der besten Jahre in nur einem Zimmer verbracht. Es ist die Verfilmung einer Romanvorlage. An „Ma“ werden viele Verbrechen begangen, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, Nötigung, Körperverletzung. Wer das Buch von Emma Donoghue nicht gelesen hatte, kommt in den Film durch die Augen des kleinen Jack (Jacob Tremblay war auch im Dolbytheater anwesend). Der sehr androgyn und aufgeweckt wirkende kleine Junge hat viel Phantasie, die zum Teil von der Mutter geformt wurde. Um seine Welt zu beschreiben, verwendet er teils bekannte Wörter, die aber eine ganz andere Bedeutung bekommen, wie eben Raum. Raum wirkt hier auch unbegrenzt wie „Space“, ist doch dieser Raum seine ganze Welt. Regen und Schnee sieht er nur durch ein Oberlicht und kann sie also auch nur bedingt begreifen. Erst später erfahren wir, dass der Junge diesen Ort zeitlebens noch nie verlassen hatte. Um die Spannung zu erhalten, wird hier nicht noch mehr verraten. Dieser wunderbare Film über ein schreckliches Verbrechen, der in Kanada in einer bewohnten Gegend spielt, lenkt die Aufmerksamkeit auf die große Freiheit und Leistung des Geistes und ermuntert so jeden von uns, sich nicht im Alltag nur vom Fernsehen einlullen zu lassen, sondern wenigstens ab und zu auch den Geist zu benutzen. Ungeahnte, spannende Welten warten auf uns! Die Österreicherin Natascha Maria Kampusch wurde während der jüngsten Berlinale 28 und war über acht Jahre ihrer Freiheit beraubt. Der Mann, der ihr das angetan hatte, beging nach ihrer Flucht ein weiteres Gewaltverbrechen: Selbstmord. In der Gesellschaft hatte das Ereignis Folgen: Vorwürfe wegen unzureichender Ermittlungen beim Verschwinden, eine Evaluierungskommision und zwei Untersuchungsausschüsse im Parlament.

Sharmeen Obaid-Chinoy erreichte mit ihrem kurzen Dokumentarfilm sogar noch mehr: Eine Gesetzesänderung. In ihrer pakistanischen Heimat – sie stammt aus Karatschi – beschloss die Legislative, das Parlament, ein neues Gesetz zu Ehrenmorden, das zu einer veränderten Rechtsprechung führen wird. Wer meist die Täter und die Opfer sind, können wir uns schon denken: Täter: Männer. Bei 84. Oscarverleihung vor vier Jahren erhielt die heute 37jährige Regisseurin ihren ersten Oscar für „Saving Face“, auch eine Kurzfilm-Doku. Es war auch der erste, den jemand aus Pakistan erhielt.

In der Laudatio für diesen Oscar verwies Louis C.K. darauf, dass alle, die bei der Verleihung leer ausgehen würden, immer noch reich seien. Dokumentarkurzfilmer dagegen würden garantiert nicht Millionäre. Für sie bedeute der Oscar umso mehr. Mit Dokumentationen (für das Fernsehen zum Beispiel) ließe sich ja vielleicht noch etwas verdienen, aber mit Kurzfilmen? Doku-Kurzfilmen? Die Aussicht auf einen Oscar könne die Entschädigung dafür sein, in einer schäbigen Wohnung zu wohnen.

Dass nicht nur in Pakistan, wo „A Girl in the River – The Price of Forgiveness“ („Ein Mädchen im Fluss – Der Preis des Vergebens“) spielt, Männer im Fokus stehen und das heutige Patriarchat noch nicht überwunden ist, dafür gibt es weltweit viele Beispiele. Die deutsche Wikipedia meldet am 29. Februar 2016 in den Nachrichten, dass bei den 88. Oscarverleihung Leonardo DiCaprio den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt. Weiter heißt es auf der Titelseite: „Als bester Film wurde „Spotlight“ ausgezeichnet. Punkt. Drei Nachrichten, eine aus Hollywood, dazu ein Photo, das wohl die Bedeutung der Preisverleihung in Los Angeles unterstreichen soll. Wen zeigt das Bild? Vielleicht Brie Larson, da DiCaprio ja bereits im Text erwähnt wurde? Frauen: Fehlanzeige. Dafür ein doppelter Leonardo.

Spike Lee und Jada Pinkett-Smith, die Ehefrau von Will Smith, hatten es im Januar in die Presse geschafft mit der Kritik, dass wieder, wie im Vorjahr, nur Weiße für den Oscar nominiert wurden. Er wirbt für „ethnic diversity“ und trifft damit ins Schwarze. Immerhin hatten auch Michael Jordan für „Creed“ und Will Smith für seine hervorragende Leistung in „Concussion“ von Peter Landesman („Erschütternde Wahrheit“; am 18. Februar gestartet), einem sehr sehenswerten Film, in den vergangenen 12 Monaten Preise in den USA erhalten. Auf der 66. Berlinale präsentierte Lee seinen neuen Film „Chi-raq“ im Wettbewerb (außer Konkurrenz). Der Titel verweist auf Teile Chicagos, besonders im Süden, die eher dem Irak gleichen.

Hunderte Menschen, meist Schwarze, sterben durch Waffengewalt. Der Streifen ist wie ein Musical gehalten und entwirft eine Utopie, in dem die „Schwestern“ die Männer durch einen Sexstreik zum Frieden zwingen, ähnlich, wie es in Liberia erwogen worden war, um den Bürgerkrieg zu beenden. John Cusack spielte eine weißen Pfarrer, der seit ewigen Zeiten in der Gegend wohnt und arbeitet und im Gegensatz zu vielen anderen Weißen nicht weggezogen ist und auch nicht schweigt.

Nach seinem „Boykott“ der Oscarverleihung befragt, erneuerten Spike Lee und John Cusack ihre Forderungen nach mehr Gerechtigkeit. Dass nicht nur Afroamerikaner, sondern auch Mexikaner und Asiaten in Zukunft davon profitieren könnten, müssen Jada Pinkett-Smith und die beiden wohl hinnehmen.

So rein weiß wie man befürchten könnte, ging es auf der Verleihung allerdings nicht zu. Moderiert wurde das ganze von Chris Rock. Und die Chefin der Akademie, die die Academy Awards oder Oscars vergibt, ist Cheryl Boone Isaacs – sie hat etwas geschafft, was es im Präsidentenamt der USA noch nie gab: sie ist weder weiß noch Mann. Cheryl Boone Isaacs beschloss denn auch neue Regeln, die dazu führen sollen, dass bis 2020 weniger Weiße Schauspieler zu den Nominierten zählen.

Auch Alejandro Inarritu plädierte in seiner Danksagung dafür, uns „vom Stammesdenken zu befreien“ und der Hautfarbe nicht mehr das Primat zuzugestehen, das sie bis heute innehat. Er erhielt seinen vierten Oscar und war zum siebten Mal nominiert. Vergangenes Jahr räumte er mit „Birdman“ richtig ab und Clint Eastwoods „American Sniper“ ging bis auf den Tonschnitt leer aus. Die Kinokasse und die Preise sind zwei verschiedene Dinge. Eastwoods erfolgreichster Blockbuster ist gleichzeitig der mit den meisten US-Einnahmen 2014 und der nominell erfolgreichste Kriegsfilm.

Viele, die dieses Jahr nicht zum ersten Mal nominiert waren, gingen leer aus. Die ganz hervorragende Cate Blanchett den Preis für das beste Kostümdesign, er ging an Jenny Beaver für „Mad Max Fury Road“. Sie war selbst zum 7. Mal nominiert, als beste Hauptdarstellerin in dem hervorragenden Film „Carol“. Doch auch Rooney Mara konnte die Trophäe als beste Nebendarstellerin im selben Film nicht mit nach Hause nehmen, das tat Alicia Vikander „A Danish Girl“. Auch die außergewöhnliche Jennifer Lawrence, die seit Debra Graniks „Winter’s Bone“ immer wieder brilliert, zuletzt in „The Hunger Games – Mockingjay 2“ und in „JOY“, wird mit dem Oscar kein Freude haben, da Brie Larson ihn hat.

Die Theorie, dass viele Nominierungen die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen, hat sich nicht bestätigt. Auch im Falle des besten männlichen Nebendarstellers nicht. Mark Rylance, das erste Mal nominiert, erhielt ihn für seine Rolle des Rudolf Abel in „Bridge of Spies – der Unterhändler“ an der Seite von Tom Hanks, der gar nicht erst nominiert wurde. Der Hervorragende Rylance („Stokij Tschelowek“ – der Standhafte) bedankte sich bei Hanks, der James Donovan spielte, und Regisseur Steven Spielberg, der ihm vom Rand einer der mittleren Sitzreihen zulächelte.

„The Martian“/ „Der Marsianer – Rettet Mark Whitney“ war dieses Jahr 7mal nominiert und blieb ohne Erfolg. Und das bei einem guten Film mit einer spannenden Geschichte und einem Matt Damon, der einem Handwerkszeug an die Hand gibt und damit Hoffnung schürt, falls auf der Erde das Kartoffelpflanzen mal nicht mehr so einfach sein sollte.

Ja, aber, das Leonardo DiCaprio jetzt „endlich“ (Pro Sieben) einen Oscar hat, ist das nicht ein „Beweis“ oder wenigstens ein Indiz? Sechsmal nominiert zu werden ist die Auszeichnung für viele gute Leistungen in vielen guten Filmen, so 2013 „The Wolf of Wall Street“. „Ob das legal ist? Natürlich nicht?“, sagt Jordan Belfort alias Leonardo D.

Wenn es ein Beweis ist, dann dafür, dass es schon einen Alejandro González Iñárritu braucht, der Regie führt und einen Emmanuel „Chivo“ Lubezki, mit dem Iñárritu ein erfahrenes Team bildet, um den Weißen Leonardo D. so in Szene zu setzen und ins richtige Licht, dass er nun einen Oscar erhielt. Alles andere ist Geschwätz. Mitleiderheischend. Blödsinn! „Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ war neunmal nominiert 2015 und erhielt vier Auszeichnungen. Es war der erfolgreichste Film, auch weil Iñárritu drei der „Großen Fünf“ Preise erhielt, für die Beste Schauspielerin war der Film nicht nominiert und statt Michael Keaton wurde Eddie Redmayne bester Darsteller. (Leonardo D. war nicht nominiert.) Der vierte Birdman-Oscar war eben der Kamaeraoscar an Emmanuel Lubezki und das darf man nicht unterschätzen.

Außerdem hat sich Leonardo D. diesmal auch wirklich besonders ins Zeug gelegt. Es heißt, er hätte soviel gelitten wie der verletzte Mann, den er spielt. Er habe auch rohe Bisonleber gegessen.

Tomer und Barak Heymann erzählten anlässlich ihres 2. Panorama-Publikums-Preise auf der Berlinale, wie Sektionsleiter Wieland Speck sie 2005 weggeschickt habe. Legt 2006 wieder was vor, jetzt aber macht euch an die Arbeit. Die Heymanns befolgten Specks Rat und kassierten 2006 und 2016 den 1. Preis für „Paper Dolls“ bzw. „Who’s gonna Love me now?“
Ohne Fleiß kein Preis.

Kanada und Mexiko scheinen auch zu helfen. Der zweiterfolgreichste Film „Titanic“ wurde großenteils in Mexiko gedreht. Die Mexikaner Alejandro Iñárritu und Emmanuel Lubezki drehten „The Revenant – Der Rückkehrer“ in Kanada und Argentinien auf der Suche nach Schnee. Wie der Hauptdarsteller in seiner Danksagung vermerkte: „Golbal warming is real.“ Der in Kanada spielende kanadisch-irische Spielfilm „Raum“ brachte Brie Llarson von Null auf Hundert die höchste Auszeichnung.

Der „Spotlight“-Oscar wirft ein Scheinwerferlicht auf die gleichnamige Redaktion für investigativen Journalismus des “Boston Globe“, einer der großen Zeitungen neben der New York Times. Statt mit Lokalem, Kleintieren oder Sport geht es darum wirklich etwas aufzudecken. Im Film ist es der massenhafte sexuelle Missbrauch durch katholische Priester – in diesem Ausmaß auch für die Journalisten völlig unvorstellbar. Man kann sich nur wünschen, dass in Bezug auf Frieden und Gesundheit und solche Themen wie Syrien oder die Ukraine mal solche Teams prämiert werden, damit die ganze unsägliche Propaganda und Verschleierung endlich mal ein Ende hat. Hier passt der Terminus „endlich“.

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