Musikalische Nachtwanderung im Museum – Caravaggio-Ausstellung München goes Opera

München, Deutschland (Kulturexpresso). Eigentlich ein guter Gedanke, zwei Genres der Kunst zu verbinden: Gesang und Malerei wurden miteinander verflochten vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und der Alten Pinakothek München, das sollte öfters gemacht werden. Die Ausstellung, die seit April viele Besucher begeisterte, bot am Dienstagabend eine Plattform für junge Studierende des Opernstudios. Das musikalische Konzept von Tobias Truniger wurde unter dem Titel ‚Selbstermächtigung‘ präsentiert, ein Wort das angeblich nicht im Duden steht und das ist vielleicht gut so, denn vielleicht wäre Selbstüberwindung ein besseres Wort gewesen. Selbstüberwindung, Überwindung des Egos, war es vielleicht auch, das Caravaggio so faszinierte an den Helden/Heiligen, die er immer wieder so bezwingend klar und berührend auf die Leinwand brachte.

Auch die Musikbeiträge von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Francesco Bartolomeo Conti, Franz Schubert, Claudio Monteverdi und Luciano Berio gaben dem Abend eine transzendente Dimension. Die Wanderung durch den Ausstellungsbereich glich einem Pilgerpfad, den man im Dunkel zu begehen hatte. Zuschauer und Künstler bewegten sich körperlich und musikalisch tastend durch die Säle, nicht alle Bilder waren beleuchtet, geführt wurde man von den Mitwirkenden mit Neonleuchten in den Händen. Nicht für jeden Besucher gab es Sicht auf die Künstler, wer etwas Raum wünschte, blieb im Dunkel. Doch auch so konnte diese unmittelbare Kunstform gefallen. Das Finale fand im größten Ausstellungsraum inmitten der Gemälde mit weltlichen Motiven (Spieler, Musiker, Wahrsager, Geldwechsler, Kartenspieler) statt und man konnte sich zu Luciano Berios ‚Folk Songs‘ um die jungen Musiker gruppieren.

Das Künstlerische Niveau war
beachtlich, die unmittelbare Nähe zu den Mittwirkenden dürfte so
nicht mehr oft zu erleben sein. Es sangen: Anna El-Khashem (Sopran),
Niamh O’Sullivan (Mezzosopran), Caspar Singh (Tenor) und Oleg
Davydoe (Bass), alle mit beachtlicher Stimme, Charisma und sehr guter
Technik. Man könnte verleitet sein zu sagen, dass es aktuell nicht
an der Ausbildung liegt, wenn manche große Talente nicht voll
erblühen, sondern vielleicht an dem anstrengenden Alltag des
Sängerlebens, das keine Zeit für eine künstlerische Entwicklung
zulässt.

Begleitet wurde mit Violine (Felix Key Weber), Fagott (Martynas Šedbaras) und Akkordeon (Kai Wangler), auch das eindrucksvoll und aus der Nähe umso tiefgehender. So muss es jedenfalls auch das Publikum empfunden haben, denn der Applaus am Schluss war euphorisch. Die Ausstellung blieb dann nur für die Besucher noch geöffnet.

Weitere Termine: 21.06., 22.06., 25.06., 26.06.2019.




5000 Jahre Kunstgeschichte – Das Ägyptische Museum ein Stern im Kunstareal München

München, Bayern, Deutschland (Kulturexpresso). München ist eine Stadt, die mich immer wieder in Atmen hält. Habe ich in anderen Städten ein gutes Orientierungsgefühl, so verlaufe ich mich dort noch immer und das seit Jahrzehnten. So geschah es auch als ich das Ägyptisches Museum besuchen wollte, gleich hinter der Alten Pinakothek soll es sein, dort war ich zudem schon öfters vorbei gefahren. Doch dann fand ich den Eingang einfach nicht, sah nur die Hochschule für Fernsehen und Film, komisch!

Ein Stück aus dem Goldschatz von Nubien und Sudan. © SMÄK, Foto: M. Franke

Schnell erklärten mir die Studenten, dass das Museum einen unterirdischen Eingang habe und mir gingen die Augen auf. Fast war der Eingang so geheimnisvoll wie eine Eingangshalle im alten Ägypten. Das war so wohl auch gewollt. Architektonisch ist der Gebäudekomplex des Architekten Peter Böhm ein Meisterwerk. Am 11. Juni 2013 öffnete es seine Pforten gegenüber der Alten Pinakothek. Neben Berlin und Hildesheim zeigt man nun dort eine der wichtigsten Sammlungen ägyptischer Kunstschätze in Deutschland und das Haus ist zudem das einzige Museum außerhalb Ägyptens, das ausschließlich ägyptische Schätze zeigt. Ende Dezember 2013 zeichnete die Münchner Abendzeitung das Museum mit dem „Stern des Jahres“ in der Kategorie „Kunst“ aus.

© 2019, Foto: Midou Grossmann

Dem kann man zustimmen, denn betritt man das Museum über die breite Rampe, die tief in das Fundament des Gebäudes führt, gelangt man in einen großen Raum, der an eine Kathedrale denken lässt. Am Eingang begrüßen schon zwei wunderbare Kunstwerke den Besucher, quasi wie Wächter stehen dort eine hohe Horusfigur sowie eine Statue eines Musikers. Diese eindrucksvolle Sammlung wurde von Herzog Albrecht V. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begonnen. Die Entwicklung ägyptischer Kunst über 5000 Jahre hinweg wird hier sehr eindrucksvoll gezeigt.

Die Goldmaske gehört zu den Hauptwerken der Sammlung. © 2019, Foto: Midou Grossmann

Vom Neuen Reich,
ca. 1532–1070 v. Chr., sind zu sehen: Bildnisse der Pharaonen
Ramses II., Thutmosis III., Echnaton und Hatschepsut, Löwenkopf aus
Kalkstein, Kopf einer Sphinx Amenophis II., Kniefigur des Senenmut,
Goldfigur der Teje, Würfelstatue des Bekenchons, Kelch mit der
Namensaufschrift Thutmosis’ III, das älteste Glasgefäß der Welt
(1450 v. Chr.). Doch auch das alte Reich, ca. 2707–2216 v. Chr.,
ist vertreten mit der Doppelstatue des Niuserre als junger und als
alter Mann, einem Köpfchen, das vermutlich Cheops darstellt, der
Granit-Familiengruppe des Dersenet und Scheintüren aus dem Grab des
Menes. Eindrucksvoll auch die Sargmaske der Satdjehuti Satibu,
entstanden ca. 1575 v. Chr. Alte Schriften aus dem Totenbuch sind
digital abrufbar und werden übersetzt anhand eines Bildschirms, der
unterhalb des Papyrus‘ auf einer Schiene gleitet. Ein Besuch lohnt
sich allemal, er wirkt entspannend und aufbauend zugleich, man zeigt
was Kunst in der Psyche der Menschen bewirken kann und so etwas
braucht der heutige Mensch gerne immer. Es ist auch interessant zu
sehen, dass unsere aktuelle Zivilisation nicht unbedingt die Krone
der Schöpfung zu sein scheint.

Zu Recht darf dieses Museum als weiterer Stern der Kunst im Münchner Kunstareal bezeichnet werden, das zudem mit Grünflachen und Cafés zu einer wahrhaftigen Insel der Inspiration geworden ist.

https://smaek.de




Alte Kunst hoch aktuell und zeitlos – „Utrecht, Caravaggio und Europa“ in der Alten Pinakothek in München

München, Deutschland (Kulturexpresso). Caravaggio oder Michelangelo Merisi (von 1571 bis 1610) ist vielen Menschen immer noch kein Begriff außerhalb der Welt der Malerei. Das kann man nun schnell ändern, denn noch bis zum 21. Juli ist eine außergewöhnliche Ausstellung in der Alten Pinakothek München zu sehen. Die Zusammenstellung dieser teilweise auch verstörenden Gemälde wird sicherlich für einige Jahrzehnte so nicht mehr zu erleben sein, wenn überhaupt. Zwar sind nur vier Originale vom Maler selbst in München ausgestellt, doch Caravaggio ist der Star. Die Grablegung von Christus, ein absolutes Meisterwerk, wird allerdings schon in drei Wochen in den Vatikan zurückkehren.

„Die Grablegung Christi“ von Caravaggio in einem Katalog. © 2019, Foto; Midou Grossmann

Caravaggio beeinflusste mit seiner plastischen Chiaroscuro/Hell-Dunkel-Malerei eine gesamte Generation von jungen Malern – auch Caravaggisten genannt – die aus ganz Europa nach Rom kamen, um diesen Malstil zu erlernen. Die ausgestellten Gemälde entstanden alle zwischen 1600 und 1630. Klare Kontraste inspirieren den Betrachter mit einer fast fotografischen Wirkung. Grelle Scheinwerfer geben den Bildern in dem schwarzen Ausstellungsraum noch eine besondere Dramatik. Das Leben der damaligen Menschen steht unmittelbar im Raum, ebenso das Erleben von Jesus und seinen Jüngern, die im Hauptsaal der Mittelpunkt sind. Körper, wie aus Stein gemeißelt, erzählen manche verstörende Geschichten. Ein posthumes Porträt des Malers vom 1614 zeigt uns den fragenden Blick eines Menschen, der tief in die Fragen des Daseins eingetaucht ist, zeigt einen Künstler der mit dem Leiden vertraut war.

Enthauptungen zeigen zudem das grausame Leben dieser vergangenen Jahrhunderte. Kreuzigungen und Verleumdungen, Verrat und Betrug scheinen eine blutige Spur bis heute über den Globus zu ziehen. Auch gerade deshalb ist diese Ausstellung mit einer unmittelbaren Aktualität so wichtig und notwendig. Es stellt sich die Frage, warum wir keine solchen Gemälde in der modernen Kunstszene sehen? Diese hier bewegen immer noch, der Besucherandrang spricht für sich selbst.

Noch zu sehen bis zum 21. Juli 2019

www.pinakothek.de/caravaggisti




Bauhaus imaginista – die große Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man ist erschlagen, hätte meine Mutter gesagt. Umfassend, überraschend international und ein ganzes Jahrhundert darstellend – die Ausstellung Bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt mit begleitenden Konferenzen, die nächste am 11.und 12. Mai 2019. Schon am Eröffnungstag 14. März ein umfangreiches Programm.

Große Eröffnung der großen Ausstellung bauhaus imaginista

Ankündigung des Programmablaufs der Ausstellungseröffnung „bauhaus imaginista“ im Haus der Kulturen der Welt Berlin. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Nach den Begrüßungsreden eine Lichtinstallation, die die Licht-Begrüßungssequenzen aus dem Science-Fiction-Film „Independance Day“ locker in den Schatten stellte. Die ganze Eröffnungsfeier musste live aus dem Foyer in die Leinwand im Großen Auditorium übertragen werden, da im sehr großen Haus der Kulturen der Platz für die geladenen Gäste und vielen Besucher sonst nicht ausgereicht hätte.

Bis nach 22 Uhr Bleibende wurden mit einer Party samt DJane belohnt. Und der Ausstellungsalltag ab 15. März 2019? In drei großen Sälen und einem kleineren Ausstellungsbereich unzählige von mehreren internationalen Kuratoren zusammengestellte Exponate. Man ist versucht zu sagen, „aus aller Herren Länder“, das ist natürlich im Wortsinne nicht richtig. Wenn aber im mittleren Saal ein Film von einer Universität in Afrika gezeigt wird, gleichzeitig Architekturmodelle, Möbel und zweidimensionale Objekte, wenn nebenan, nur durch einen türlosen Durchgang getrennt, seltene Originaltextilien aus Dessau ausgestellt werden – photographieren mit Blitz ausdrücklich untersagt, das Kulturgut muss geschützt werden – sowie Keramik und im Saal neben dem ehemaligen Standort der Buchhandlung viele weitere Exponate aus dem Ausland stehen und hängen, dann kommt der Ausdruck „aus allen Ländern“ der Wirklichkeit recht nahe.

Der Führer zur Ausstellung Bauhaus imaginista: Ein Buch mit 7 Siegeln oder eins mit 128 Seiten?

Über das Bauhaus und die Ausstellung Bauhaus imaginista (bauhaus imaginista ist die Eigenschreibung) könnte man ein ganzes Buch schreiben. Tatsächlich haben die von der KBB, der aus Steuergeldern finanzierten Kulturstiftung des Bundes, unterstützten Macher der Ausstellung sogar zwei Bücher geschrieben. Ein schwarzes auf deutsch – den Ausstellungsführer – und ein entsprechendes weißes auf Englisch.

Flyer zur Ausstellung Bauhaus Imaginista im HdKdW Berlin
Der Flyer oder Handzettel zur Ausstellung Bauhaus Imaginista im Haus der Kulturen der Welt Berlin. Die Vorderseite neonrosa. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Dann gibt es noch einen dreimal gefalteten rosa Flyer in einer auffälligen Neonfarbe, die viele heutzutage, da das Wort „rosa“ ausstirbt beziehungsweise ihm ein Mauerblümchendasein für neu ausgedachte Bedeutungen wie „omarosa“ zugewiesen wird, ‚pink‘ nennen würden. Neonrosa, nicht zu übersehen …

Wir zitieren unten aus dem farbig illustrierten Ausstellungsführer der Bauhaus imaginista, um einen Eindruck von der Breite und Tiefe der Auswahl und des Angebotes zu verschaffen.

Deutsch oder englisch – oder: Deutsch-englisch oder englisch

Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn Sie glücklich den deutschsprachigen Führer gegriffen haben, der auf dem schmalen, aber immerhin 7 Millimeter starken Rücken die Aufschrift trägt: „ bauhaus imaginista – Ausstellungsführer“. Auf dem Deckel steht nur bauhaus imaginista, was schon einmal dazu führen kann, zu denken, man hätte den englischsprachigen in der Hand. Zudem auf der nächsten Seite vier Begriffe groß herausgestellt werden: „Corresponding With“, „Learning From“, „Moving Away“ und „Still Undead“. Auch im weiteren ist zum Beispiel der Bambushocker auf Seite 81 im englischen Original benannt – „Bamboo Cube Stool“, dann jedoch mit einer deutschen Übersetzung erläutert. Es geht immer weiter: ‚Light Murals und die Language of Vision‘, ‚Center for Advanced Visual Studies‘, ‚Soft Cells ‚Bedsit Tapes‘‘, ‚Party, Performance und Self Fashioning‘ usw. usf. & etc. pp. Wenn man das schwarze Hochkantbüchlein weglegt und zum weißen greift, wird man prozentual noch mehr englisch finden.

Rätsel über Rätsel

Zum Thema Ausstellungsführer sei erwähnt, dass er es einem in einigen wichtigen Punkten nicht leicht macht. Aus Betriebsblindheit oder mit Absicht, ist egal. So ein Führer sollte einem einen Überblick verschaffen und jederzeit räumliche Zuordnung ermöglichen. Das tut er bedingt. Wenn man die unter den Buchklappen versteckten vier Raumpläne gefunden hat, ist wenigstens innerhalb der Ausstellungsräume eine Zuordnung möglich. Mit der Lage der Räume zueinander, einer Basisinformation, wird man alleingelassen. Zwar sind die Pläne der Räume, die „Learning From“ und „Moving Away“ getauft wurden, annähernd genordet – ohne eine Windrose anzuzeigen, selbstverständlich. Dass es sich um benachbarte Räume handelt, ist nirgends vermerkt.

Auch findet sich der Plan zu „Learning From“ vorn (auf Umschlagseite 4), „Moving Away“ dagegen hinten nach der letzten Buchseite, wenn man die hintere Klappe lüftet. Die Seitenzahlen sind über den Plänen notiert, „Learning From“ wird ab Seite 35 geschildert, „Moving Away“ ab Seite 71. Jedoch handelt es sich bei „Learning From“ um einen Ausstellungsbereich in einem toten Zimmer beziehungsweise toten Saal, der also nur durch einen anderen Saal erreicht werden kann, dem unter dem Motto „Moving Away“. Vom Foyer aus betritt man zum Beispiel über eine Doppeltreppe nach unten den Saal „Moving Away“ – und kann sich ab Seite 71 beraten lassen. Wendet man sich dann nach links, gelangt man durch einen türlosen Durchgang in den Bereich „Learning From“; möchte man darüber etwas lesen, muss man nicht weiterblättern, sondern zurück.

„Moving Away“ bewegt einen also im Buch weg von „Learning From“, weil man die Seiten überschlagen muss. In der Ausstellung kommt aber „Moving Away“ vor dem anderen Saal, anders kommt man in den Bereich „Learning From“ gar nicht hinein.

Aufklärung statt Kryptik

Das Büchlein mag ja bestimmt viel Arbeit verursacht haben. Es ist auch erst kurz vorher fertig geworden: Redaktionsschluss des Führers war am 20.2.2019. Doch erwartet man von einem Ausstellungsführer, dass er weniger Rätsel enthält. Dafür mehr Aufklärung. Ein Ausstellungsführer ist etwas anderes als ein Kreuzworträtsel. Apropos Rätsel: das ‚b i‘ hinten auf dem Umschlag bedeutet bauhaus imaginista.

Je weniger Rätsel – unsere schnelllebige Zeit und die anderen Bauhaus-Ausstellungen im Hinterkopf – desto schneller kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Statt Zeit mit dem Herumsuchen zu verschwenden, könnte man früher viele interessante Dinge erfahren. In der Ausstellung Bauhaus imaginista warten nämlich tolle Schätze. Man kann Querverbindungen ziehen, das 1919 gegründete Bauhaus und seine weltweite Wirkung und Durchdringung begreifen; viele Exponate sehen, die entweder unzugänglich wären oder nur verstreut nach langen Reisen auffindbar.

Bauhaus imaginista – Exil in Mexiko und Universitätsbau in China

Das Kapitel „Moving Away“ im gehasst-geliebten Ausstellungsführer, beginnt mit dem Entwurf für ein Bauhaus-Buch. „Von 1939 bis 1939 lebte Hannes Meyer, der zweite Direktor des Bauhauses, gemeinsam mit der am Bauhaus ausgebildeten Weberin Lena Bergner in Mexico City.“ Warum das hier nicht in der deutschen Form Mexiko-Stadt steht, oder wenigstens mit Bindestrich, lassen wir hier offen. „In Mexiko begann er mit der Arbeit an einem Buch über das Bauhaus Dessau in seiner Zeit als Direktor …“

Spannend, zudem sich 1939 die Zahl der Staaten auf der Welt noch in zweistelligen Grenzen hielt, während wir heute nach der Dekolonialisierung und der Auflösung der Sowjetunion im niedrigen dreistelligen Bereich angekommen sind.

Überschrift der nächsten Seite: „Von Hua Tung (sprich: Dung) zum Campus der Universität Tunghai (sprich: Dung(c)hai): Walter Gropius und I.M.Pei“ (siehe Beitragsbild).

Zur Erläuterung: Die Tunghai-Universität liegt in der Republik China. Heute, wo die Republik China nur noch ein kleines Territorium auf der Insel Formosa oder Taiwan beherrscht, ist umgangssprachlich meist von „Taiwan“ die Rede, genauso wie man fälschlich „England“ oder den Namen einer Insel, „Großbritannien“, für das Vereinigte Königreich verwendet.

Die Tunghai-Universität ist die erste private Universität des Staates und die zweitälteste. Wir vermeiden den Ausdruck „Landes“, da das Land China ist und selbstverständlich viele andere Universitäten vorweisen kann. Tunghai (in Hanyu pinyin Donghai) bedeutet „Osten“, oder „östlich“, und „Meer“. Die Universität ist in der Stadt Taichung. Sie liegt an der Westküste der Insel Taiwan und damit östlich des Meeres, konkret der Taiwanstraße.

Der Entwurf der Universität stammt von I.M.Pei. Geboren am 26. April 1917, feiert er im April 2019 seinen 102. Geburtstag.

Pei und Gropius – fruchtvolles Treffen in den Vereinigten Staaten

Schild zurm Architekturmodell von Pei et al. in der Ausstellung bauhaus imaginista
Drei Architekten zeichneten 1951 für das Modell der Tunghai-Universität (sprich: Dunghai) verantwortlich: Pei (sprich Bej), Chen (1921-2007) und Chang. 1955 wurde sie dann eröffnet. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Ieoh Ming Pei ist ein Architekt der Klassischen Moderne und war genau wie Walter Gropius ein Flüchtling. Nirgendwo dauerte der Zweite Weltkrieg so lang wie in China, da der durch den Langen Marsch bekanntgewordene Bürgerkrieg die 30er Jahre ausfüllte und auch nach dem Japanischen Angriff auf China 1937 (!) nicht sofort endete. Nach Weltkriegsende 1945 kämpften die erschöpften und ausgebluteten Regierungstruppen noch vier Jahre weiter, bevor sie den Kommunisten unterlagen und sich auf ein paar südliche Inseln, die die Japaner als Verlierer hatten räumen müssen, zurückzogen.

Pei, Jahrgang 1917, studierte seit 1945 in Harvard an der Graduate School of Design. Bauhausgründer Gropius leitete diese Schule schon seit 1938, bot Pei eine Stelle als Assistierender Professor an. 1946 schloss Pei mit einem Master ab, aber anstatt nach China zu gehen, unterrichtete er in Neuengland weiter. 1948, noch vor Bürgerkriegsende in China, beschloss Pei, in den USA zu bleiben. Seine Gebäude stehen auf drei Kontinenten, bekannt sind die National Gallery of Art in Washington, D.C., die Bank of China in Hongkong, der Pariser Louvre und der Ausstellungsbau des Deutschen Historischen Museums.

Bauhaus imaginista – Beispiel Tagore und Indien

Der indische Subkontinent, dessen kartographisches Abbild, jahrzehntelang von der Tagesschau recht klein dargestellt, – ähnlich wie bei Afrika – seine Größe und Vielfalt nicht im geringsten erahnen lässt, birgt größte Schätze. Alte Schriftrollen, die von Luftfahrzeugen ferner Zeiten berichten, den Vimanas, aber auch Zeugen des britischen, französischen und portugiesischen Kolonialismus und überraschende Verbindungen zu Europa.

Seite 29 des Ausstellungsführers geht auf das Kala Bhavan ein, das Kalahaus (Bhavan = Haus). „Die Kunstschule Kala Bhavan wurde 1919“ – also im selben Jahr wie das Bauhaus – „von Rabindranath Tagore etwa 150 Kilometer nördlich von Kalkutta (heute Kolkata) auf dem Gelände einer utopisch-reformerischen Gemeinschaft in Santiniketan gegründet, die der Vater des Dichters, Maharishi Debendranath Tagore, im 19. Jahrhundert ins Leben gerufen hatte.“

Rabindranath Tagore, Autor von Das Postamt, Der König der dunklen Kammer, Das letzte Poem, Wolke und Sonne, Das Opfer und andere Dramen u.v.a.

Sohn Rabindranath Tagore erhielt bereits 1913 den Nobelpreis für Literatur; als erster Asiate. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis 1968 wieder ein Asiate ausgezeichnet wurde, ein Japaner. Rabindranath Tagores Werk ist von riesigem Umfang. Es umfasst neben Romanen auch Lyrik und Theaterstücke und wurde im Kaiserreich und zu Zeiten der Weimarer Republik stark rezipiert. Es gab im Deutschen Reich schon früh viele Übersetzungen und eine recht große Werkauswahl, auch wenn diese nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtœvres darstellt.

Seite 31: „Eine Besonderheit der 14. Jahresausstellung der Indian Society of Oriental Art 1922 in Kalkutta, bestand darin, dass neben indischen Künstlern, […], auch Werke von Bauhaus-Künstlern gezeigt wurden.“ „Diese Ausstellung war ein außergewöhnliches, kulturübergreifendes Kulturereignis der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und zudem die erste Bauhaus-Schau außerhalb Deutschlands.“ Dieses Ereignis ist kaum dokumentiert. „Zu den wenigen Spuren, die es hinterlassen hat, gehört eine Kritik von O.C.Gangoly, die“ im Haus der Kulturen „im Nachdruck gezeigt wird. Sie erörtert am Beispiel Wassily Kandinskys die Abstraktion in der Kunst als einen Bruch mit dem vorherrschenden westlichen Klassizismus und als Möglichkeit für die Kunstformen des Ostens, dem Westen auf Augenhöhe zu begegnen.“

Bauhaus imaginista – Ausstellung, Konferenzen

im Haus der Kulturen der Welt (HKW), John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Wann? 15.3.–10.6.2019

Täglich (außer dienstags) und feiertags: 11–19 Uhr

Eintritt: 7€/ 5€ inkl. Zweitbesuch (!)

Montags und unter 16 Jahren: Eintritt frei
(Gruppen ab acht Personen: 5€/3€ pro Person)

Weltnetz: hkw.de/imaginistahttps://hkw.de/de/programm/projekte/2019/bauhaus_imaginista/start.php




5. Urban Art Biennale unlimited in der Völklinger Hütte

Völklingen, Deutschland (Kulturexpresso). „Die Urban Art Biennale in der Völklinger Hütte ist eine Erfolgsgeschichte, seit wir sie 2011 ins Leben riefen, eigentlich als einmaliges Ereignis gedacht“, teilt Generaldirektor Prof. Dr. Meinrad M. Grewenig mit. „Als sich sehr versierte, meist junge, englischsprachige 60.000 Kenner der Szene aus aller Welt zeigten, beschlossen wir die Fortführung“, lässt er uns weiter wissen.

Mittlerweile besuchten mehr als 400.000 Besucher die Biennalen und auch die Fünfte scheint in der Völklinger Hütte, die UNESCO-Weltkulturerbe ist, gut zu laufen.

„Urban Art ist die Kunst des 21. Jahrhunderts, fährt er auf der Pressekonferenz mit anschließender Führung fort, „wer sich dem verschließt, ist an der Zeit vorbeigegangen.“ In der Tat zeigen sich während der Führung durch den Kurator Frank Krämer auf dem großen Industriegelände äußerst kreative Kunstwerke von hoher Qualität von 100 Künstlern aus 4 Kontinenten wie Cope2 (USA), Dran (Frankreich), Frau Isa (Österreich), Liu Bolin (China), Katre (F), Mambo (USA/Chile), Mentalgassi (D), Tec (Argentinien), Aya Rarek (Ägypten). Was einst als Graffity-Sprühdosenkunst auf Häuserwänden startete, ist spätestens seit Banksys millionenschwerem „kaputten“ Kunstwerks, ein Bild vom Mädchen mit dem Ballon wurde auf einer Versteigerung in London geschreddert, auch den Konservativsten ein Begriff geworden. Längst ist diese Art von Stadtkunst etabliert und gesellschaftsfähig.

Die Künster haben sich auch im Laufe der Jahre qualitativ weiterentwickelt, wie sich zum Beispiel an einer Variation des „Le déjeuner sur l’herbe“ von Monet von Jean Faucheur zeigt. Der Pionier der ungenehmigten Kunstintervention im öffentlichen Raum Frankreichs kombiniert mit Spraydose auf bedrucktem Papier die Techniken des Graffiti und des Pointilismus.

Auch einige wenige Frauen werden ausgestellt, darunter Miss Van, die sich Ihren Platz in der Männerdomäne gesichert hat. Vanessa Alice Bensimon wird als eine der besten female painters der internationalen Graffitiszene bezeichnet. Sie hat sich über Street Art zu Atelierpraxis hin entwickelt.

Ein breites qualitativ hochwertiges Spektrum von Motiven ist zu sehen: Comic-Interpretationen, Sozialkritik von des Norwegers „Pøbel“ (norw. für Hooligan), der mit seinem „Portrait of a pipe-smoking fisherman“ auf den Untergang der Fischerkultur hinweisen will. Durch die Privatisierung der Fischrechte sind Lebensgrundlagen vernichtet worden.

Bei „Mardi Noir“, Jean Baudrillar, dreht sich vieles um „Signalethique“ (die Wissenschaft der Signalgebung). Die falsche Übersetzung Signalethik trifft jedoch eher den Kern seiner Botschaft. Wie eine Ansammlung verwitterter alter Plakate soll sein Werk auf die Vergänglichkeit von Autoritäten hinweisen.

Der
Berliner „Rocco und seine Brüder“ sind mit Interventionen in der
Berliner U-Bahn bekannt worden. Eine Installation aus Glasfenstern
(geklaut in der Berliner U-bahn) die die Bildsprache dieser mit der
Bildsprache von Kathedralen verbindet „Only God Forgives“.

Die
Vielfältigkeit dieser phantastischen Kunstwerke zu entdecken
erfordert viel Zeit – über das ganze Industriegelände sind sie
verstreut zu finden.

Die international Bewegung des „Style Writing“ (Graffiti Writing) hat auch die arabische Welt erobert. Die arabische Schrift-Kalligraphie bietet mehr Möglichkeiten im Graffity-Style als die lateinische Schrift, da sie in allen arabisch-sprechenden Ländern verstanden wird. Auch hier zeigt die Biennale-Werke z.B. des Beiruter Libanesen Ghabel Awila. Dieser studierte Grafikdesign und klassische arabische Kalligraphie und verschrieb sich dieser Kunstform. Geometrische Konstruktion und ausdrucksstarke Handschrift machen traditionell die Basis des Writing aus – was einen Zusammenhang mit Urban Art bildet.

„Ein Schwerpunkt sind der Libanon und Ägypten“, erklärt der Kurator Frank Krämer beim Rundgang, „als Hinweis auf die am 18. Mai 2019 beginnende Ausstellung „PharaonenGold“ über 3000 Jahre altägyptische Hochkultur.

Bananensprayer Thomas Baumgärtel: Brexit. Stay with us!, 2019
317 x 178 cm
Sprühlack auf Leinwand
© Copyright Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Foto: Karl Heinrich Veith

Am Ende fügt der “Bananensprayer” Thomas Baumgärtel noch ein hochaktuelles Werk mit “Brexit. Stay with us“ bei. In dem sprühte er Queen Elisabeth II eine Bananenkrone auf und staffierte sie mit einem blauen Auge aus. Schau’n wir mal, ob wir alle mit einem blauen Auge davon kommen in Bezug auf den Brexit.

Bei
der Biennale-Eröffnung am 14. April 2019 wird neben
Urban-Art-Tanzperformances von OSMOSIS der madrilenische
Urban-Art-Künstler SpY die stillgelegten Schornsteine des
Industriekulturerbes, die ehedem die gesamte Umgebung vergifteten, in
einer pyrotechnischen Performance rosaroten Rauch spucken lassen, als
Zeichen für….? Alles rosarote Wolken?

„Unlimited“
heißt die Biennale, weil sie in unendlich vielen Kunst-Kooperationen
agiert, wie „Le Mur“ (Paris) und „Fluctuart“ – das neueste
auf der Seine schwimmende UrbanArt-Projekt in Paris sowie dem
Urban-Art-Museum Mausa Vauban im elsässischen Neuf-Brisach in der
Weltkulturerbe-Festung Vauban sowie „The House“ in Berlin sowie
weiteren begleitenden Partnerprojekten z. B. im Europäischen
Kulturpark Bliesbruck-Reinheim.

Die 5. Urban Art Biennale Unlimited ist noch bis zum 3. November 2019 zu sehen.




„Schweben“, ein temporäres ‚Kunst-Ereignis‘ südlich von Berlin

Stahnsdorf, Deutschland (Kulturexpresso). Dank der Unterstützung von Damen und Herren der Stadt Teltow, der Gemeinden Stahns­dorf und Kleinmachnow sowie dem Landkreis Potsdam-Mittelmark lädt laut einer Pressemitteilung vom 11. 4. 2019 „die regionale Künstler­gruppe ArtEvent … unter dem neuen Namen dimension14 … vom 11. bis 26. Mai 2019 wieder zu ihrem jährlichen temporären ‚Kunst-Ereignis‘ südlich von Berlin ein“, genauer gesagt: in die Villa Pardemann in Stahnsdorf.

Bald, wenn es hoffentlich wärmer wird, würden „Ende April … neun Künstler und zwei Gastkünstler das Gebäude an der Ruhlsdorfer Str. 1“ beziehen, „um es erneut in den Blickpunkt zu rücken“. Die würden sich dann „in einem Arbeitsprozess von knapp zwei Wochen“ vom Thema „Schweben“ sowie „dem verwunschenen Ort zu neuen Werken inspirieren“ lassen.

Vielleicht sollten wir einmal zu Kaffee und Kuchen vorbeischauen?

Dass die Künstler „mit dem Thema … nicht nur die ungeklärte, politische Situation des Hauses“, das sich quasi ‚in der Schwebe‘ befindet, aufgreifen würden, das wird auch mitgeteilt sowie deren Begriffsverständnis. Schweben? „Der Begriff beschreibt einen Zustand, der sowohl physikalischer wie geistiger Natur sein kann. Künstlerisch geht es um die Überwindung der Schwerkraft, im weitesten Sinne auch um die geistige Freiheit als wesentliche Voraussetzung künstlerischen Schaffens. Ebenso kann aber auch das Gegenteil thematisiert werden.“

Auf jeden Fall dürfen alle „ab 11. Mai an drei Wochenenden frei­tags bis sonntags von 15 bis 19 Uhr“ einschweben und „auf ca. 250 m²“ schauen und so weiter. Der Eintritt ist frei. Kaffee und Kuchen darf man hoffentlich mitbringen.




Blaue Stunden in der Astronomie, Kunst und Musik. Was bedeutet eigentlich „Blaue Stunde“?

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Vor weniger als zwei Jahren bekam man in vielen Bäckereien den kleinsten Kaffee zum Mitnehmen für etwa zwei Drittel des heutigen Preises. Das nennt sich Inflation. Blaue Stunden gibt es anscheinend auch vielerorts, wenn man nur hinschaut – oder -hört? Doch was ist das eigentlich, eine „Blaue Stunde“?

Blaue Stunden stehen vor den Sternen

Im Englischen gilt „blue“ meist als „traurig“, wenn es nicht gerade um die Farbe geht und selbst dann drückt sich Freude eher mit orange aus.

Blaumachen

Im Deutschen galt „blau“ eher für Freiheit und Freizeit. Reisebüros und Friseure leisteten es sich in den 70er und 80er Jahren noch, den ersten – beziehungsweise zweiten – Tag der Woche geschlossen zu lassen oder erst am Nachmittag zu öffnen.

Im Mittelalter, die in England auch synonym mit ‚dark ages‘, also den dunklen Zeiten oder Zeitaltern, bezeichnet werden, war der blaue Montag frei.

Heute wird zuviel Augenmerk auf die tatsächlichen oder angeblichen Errungenschaften der Gegenwart gelegt. Besonders dann, wenn es etwas wenigstens angeblich früher nicht gab, wird das gern breitgetreten. Dass es aber auch viele Vorteile gab, denen wir inzwischen verlustig gingen, wird entweder gern verschwiegen, vergessen oder geht in Unkenntnis unter. Allmende, Kleiderordnung 4-Tage-Woche bei Dutzenden von Feiertagen würde ja die heutigen Verhältnisse in einem schlechten Licht erscheinen assen. Zumindest einem schlechteren.

Blauer Montag

Im echten oder übertragenen Sinne wird der „blaue Montag“ gern als Bezeichnung verwendet. Ein aktuelles Beispiel ist ein Angebot des Hotels Sellhorn in der Lüneburger Heide. Offeriert wird eine Übernachtung mit Genießerfrühstück und Candle-light-Dinner im seit 1873 bestehenden Haus in Hanstedt/ Nordheide (https://www.hotel-sellhorn.de/).

Blaues Licht – kein Blaulicht – blaue Stunden?

Womit wir beim blauen Licht wären. Blaulicht, dass aufleuchtet, wenn jemand unverantwortlicherweise blau in Schlangenlinien die Straßen entlangbraust, ist hier kein Thema.

Auch der Witz „Blau ist keine Farbe, blau ist ein Zustand“ nicht.

Blau ist eine Farbe, OKAY. Aber …

Grün hat eine Wellenlänge von 500 Nanometer (nm), blau von 400. Darunter kann man keine Farben sehen. Rot hat 700 nm, darüber liegt Infrarot, das kann man auch nicht sehen, aber spüren. Die 1000 nm der Infrarotstrahlung fühlen wir warm unter der Glühlampe, deren Licht mehr gelb- und Rottöne als das Tageslicht aufweist und deswegen als „warm“ gilt. Außerdem liegt bei dieser Wellenlänge der Bereich der Selbstreparatur der Netzhaut.

In der blauen Stunde ist nicht nur der Himmel blau, sondern auch das Licht. Warum war noch mal der Himmel blau? Es gibt ja Leute, die Kinder kriegen, damit sie alles nochmal lernen dürfen (was sie zum Teil schon vergessen hatten, aber das fiel nicht auf, denn es hatte niemand gefragt). Wie schön, dass wir heute bei ecosia.org oder sonstwo im Internet alles nachgucken können. Da erfährt man zum Beispiel, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt.

Friederike weiß, warum der Himmel blau ist

Die Himmelsfarbe erklärt Friederike Wilhelmi in „Was ist wahr? Müssen Fische trinken?“ (München 2005). Die Erde ist ja von der Atmosphäre umgeben. „Sie besteht aus vielen unsichtbaren Luftschichten und ihr tummeln sich unzählige winzige Teilchen“. Wie recht Frau Wilhelmi doch hat. Sehr anschaulich formuliert. „Das Sonnenlicht strahlt in allen Farben des Regenbogens, also in Violett, Blau, Grün, Gelb und Rot, durch diese Atmosphäre hindurchauf die Erdoberfläche.“ Ja schon, aber wann kommt der springende Punkt?

„Dabei verhalten sich die einzelnen Farben ganz unterschiedlich: Das rote und das gelbe Licht fließen ohne Umwege wellenförmig auf die Erde zu.“ Das scheint ein Widerspruch zu sein, aber wenn man eine Welle ist, der direkte Weg. Ganz schön zielstrebig; ich kenne solche Leute. „Doch das blaue Licht lässt sich von den vielen kleinen Teilchen, die in der Atmospäre herumschwirren, aufhalten und wild durch die Gegend schubsen.“

Wäre ein gehänseltes Kind, das herumgeschubst wird, eine Farbe, wäre es also blau. „Es zerstreut sich in alle Richtungen. Stell dir einen Gummiball vor, der wild durch ein Zimmer wirbelt. Durch diese so genannte hohe Streuung der blauen Farbe scheint uns der Himmel blau.“ Der scheint uns also nur blau, der ist es gar nicht. Eigentlich schade. Ich finde schwarz irgendwie angsteinflößender. Dann müsste ja auf dem Mond der Himmel gar nicht blau sein. Stimmt, auf den gefälschten Photos, die gar nicht gefälscht wurden, ist der Himmel ja schwarz. Dafür ist die Erde blau. Das muss aber am Himmel liegen, also am Erdhimmel, der hiesigen Atmosphäre. Vom Erdmond aus und auch von anderen Monden aus muss man ja durch die Atmosphäre des Planeten hindurchgucken um auf den Grund der Tatsachen zu kommen.

Blauer Himmel, okay, aber Stundenlicht? Die Atmosphäre ist doch die ganze Zeit da? Warum Blaue Stunden?

Schön und gut, zugehört und verstanden, aber warum erscheinen manche Stunden in einem anderen Licht? Die Erdatmosphäre ist doch die ganze Zeit da, obwohl sie durch die Spraydosen kleiner geworden ist. Oder?

Die blaue Stunde ist ein Teil der dunkleren Phase der Morgendämmerung. In der Abenddämmerung dann wieder; macht, wenn Nebel oder schlechtes Licht keinen Strich durch die Rechnung machen, zwei blaue Stunden pro Tag.

Die blaue Stunde ist dann, wenn die Sonne noch recht weit unter dem Horizont ist (morgens) oder schon recht weit unter dem Horizont. Recht weit? Das ist etwas ungenau! In der Tat. Die Dämmerungsphasen kann man schon genauer bezeichnen, da gibt es die astronomische, nautische und bürgerliche Dämmerung. In dieser Reihenfolge morgens. Das sind feststehende Ausdrücke, die man qua Definition minutengenau für einen bestimmten Ort auf der Erde berechnen kann. 18 bis 12 Grad unter dem Horizont ist die Sonne dann. Gerade in der lichtverschmutzten Stadt mit vielen Straßenlaternen wird man die Nacht nicht leicht von der astronomischen Dämmerung unterscheiden können.

Zwischen 12 und 6 Grad nennt man es nautische Dämmerung. Jetzt ist der Übergang von der Nacht zum Tag schon deutlicher zu merken, falls man nicht noch im Berghain ist oder sich in einem geschlossenen Raum mit Jalousien befindet. Der Name nautische Dämmerung kmmt daher, dass ein Kapitän auf einem Schiff mit dem Sextanten bei gutem Wetter und klarer Sicht den Horizont und die hellen Sterne sehen kann. Durch die Messung der Höhe der Sterne über dem Horizont lässt sich die Position bestimmen.

Bürgerliche Dämmerung ist dann die letzte Phase bevor die Sonne aufgeht. Zwischen 6 und 0 Grad unter dem Horizont steht die große Leuchtkugel. Zivile Dämmerung sagen auch manche. Sie dauert am Äquator etwa 20 Minuten, in Frankfurt am Main über eine halbe Stunde. Während der Tagundnachtgleichen.

Dämmert es, wann die blaue Stunde ist?

Immer noch wissen wir jetzt nicht genau bescheid. Zum Beispiel, warum
das Licht so blau ist. Oder wann die blaue Stunde ist.

Vieles kann man – für einen bestimmten Ort auf der Welt – ganz genau bestimmen. Nehmen wir mal den 8. April 2019. Die Sonne geht in Berlin in der Bundesrepublik Deutschland um 6,25 Uhr auf und um 19.52 wieder unter. Die Tageslänge kann man auf die Sekunde genau berechnen: 13 Stunden 26 Minuten und 43 Sekunden. Etwa 4 Minuten länger als der 7. April. Die astronomische Dämmerung begann um 4.19 Uhr, die nautische um 5.07 Uhr, die bürgerliche um 5.50 Uhr, Sonne, wie gesagt, ging um kurz vor halb sieben auf, den Mond ignorieren wir mal, und um kurz vor acht geh die Sonne wieder unter. Das Ende der bürgerlichen Dämmerung liegt um 20.27 Uhr, das der nautischen um 21.11 und das der astronomischen um 21.59 Uhr.

Sehr praktisch dieser Tag. Wenn die Nacht wirklich beginnt, ist auch per Gesetz in den Häusern Ruhe angesagt und wer die Bohrmaschine betätigt, dem kann man das untersagen. Später im Jahr, im Sommer, wenn die Tage wegen der vermaledeiten „Sommerzeit“ abends lange hell sind, sieht das der Lärmende vielleicht anders.

Sehr praktisch dieser Tag. Wenn die Nacht wirklich beginnt, ist auch per Gesetz in den Häusern Ruhe angesagt und wer die Bohrmaschine betätigt, dem kann man das untersagen. Später im Jahr, im Sommer, wenn die Tage wegen der vermaledeiten „Sommerzeit“ abends lange hell sind, sieht das der Lärmende vielleicht anders.

Nicht minutengenau – und unterschiedlich lang: Die Blaue Stunde

Die Blaue Stunde jedoch lässt sich nicht auf die Minute bestimmen, anders als Ruhezeiten einer Hausordnung oder das Unumstößliche Aufgehen oder Untergehen der Sonne. Es geht um die Lichtverhältnisse. Am wahrscheinlichsten trifft man diese ins Bläuliche getauchte Kulisse zwischen -4 und -8 Grad (des Vertikalwinkels) an. Das passiert in zwei Dämmerungsphasen, der bürgerlichen und der nautischen.

Am 8. April 2019 in Berlin am Abend also gegen 20.20 Uhr bis kurz vor
neun.

Blaue Stunden in Berlin und anderswo

Konzertveranstaltungen und Ähnliches „Blaue Stunde“ zu nennen
ist wieder in Mode. Nach der Kapernaumkirche annoncierte auch die
Grunewaldkirche 2018 eine Veranstaltung unter diesem Namen.

Blaue Stunden in Kunst und Literatur sowie Lyrik

Worpswede ohne Blaue Stunden – undenkbar. Die Künstler nutzten das
blaue Licht besonders in den Abendstunden.

Ingeborg Bachmann und Gottfried Benn ließen sich von der Blauen Stunde inspirieren und benannten ein Gedicht nach ihr. William Boyds und Joan Didiers Romane heißen auf deutsch blaue Stunden, bei Boyd im singular Allerdings handelt es sich um die Titel der Übersetzungen, die Originale heißen „Blue Afternoon“ (Boyd), Blauer Nachmittag, und „Blue Nights“ (Didion, Blaue Nächte).

Musikalische Veranstaltungen werden nicht nur ‚Blaue Stunden‘
genannt, nein, es gibt auch so benannte Musiktitel. Lieder von Faun
und Funny van Dannen heißen „Blaue Stunde“. Herbert und Rudolf
Nelsons Chanson „Eine blaue Stunde“ wurde Greta Keller bekannt.
Und Udo Lindenberg besingt sie, die Blaue Stunde, in seinem Stück
„Odyssee“.




Neu im Mudam: „Bert Theis, Building Philosophy – Cultivating Utopia“

Luxemburg (Kulturexpresso). In der Pressekonferenz des Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (Mudam) in Luxembourg mit anschließender Führung wurde die beeindruckende und beträchtliche Retrospektive des sozialkritischen und philosophischen Künstlers Bert Theis, der von 1952 bis 2016 lebte unter dem Titel „Building Philosophy – Cultivating Utopia“ präsentiert.

Enrico Lunghi, ehemaliger künstlerischer Leiter des Mudam und aktueller Kurator, führte anschließend durch die „Vielfältigkeit seines 30-jährigen Schaffens“ (Lunghi). Das scheint eine Ausstellung mit unendlich kreativen und interessanten Modellen, Dokumenten, Fotografien, Videos und Plakaten gegen Krieg, Atomkraft und Kirche zu sein.

Einblicke in weniger bekannte Aspekte seines Schaffens werden auch gezeigt, etwa seine Collagen, in denen er laut Lunghi „bekannte Bilder in seinem kritischen Sinn zusammenfügte“, Werke, in denen er sich der kritischen Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, der Gesellschaft und dem Status des Bildes widmete, sowie seine Performances und auch einen Teil seiner Textarbeiten.

© 2019, Foto: Eva-Maria Becker

In seinen Werken zeige sich seine Philosophie. Schon in der Schulzeit sei Theis „revolutionär“ gewesen, meinte Lunghi. Er sei ein Rebell gegen Etabliertes und auch speziell gegen die römisch katholische Kirche, die in Luxemburg fast schon „Staatsreligion“ ist, gewesen.

Seine feinfühlige, kritische, soziale Verantwortlichkeit zeigende Ästhetik, Humor und nochmals Humor (Cartoons) inspirieren den Betrachter sich mit gesellschaftlich kritischen Situationen auseinanderzusetzen. Kunst darf als Waffe des Denkens wahrgenommen werden.

Nachdem er die Malerei aufgegeben hatte, „um mit bereits vorhandenen Bildern arbeiten zu können“ (Lunghi), begann er in den 1990er-Jahren „Plattformen“ und „Pavillons“ zu kreieren, die Besucher – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – sichtbar machen und erhöhen.

Auch sein temporärer Pavillion ist zu sehen: 1995 repräsentierte er Luxemburg in der Kunstbiennale in Venedig mit seinem temporärer Pavillon. Dieser erregte internationales Aufsehen und Anerkennung, stellte er doch das Konzept des internationalen Kunsttreffens in der Lagunenstadt in Frage.

Work presented in the exhibition Bert Theis, Building Philosophy – Cultivating Utopia. 30.03.2019 – 25.08.2019, Mudam Luxembourg

Bert Theis
From Fight Specific Isola to Isola Utopia, 2015 (detail)
Photomontage of 6 photographs
Collection Mariette Schiltz

© Mudam Luxemburg

Sein Engagement in Bezug auf historische, gesellschaftliche und urbane Zusammenhänge führte zu vielen Aufträgen weltweit für den öffentlichen Raum. Ab 2001 war 15 Jahre lang im Kampf gegen die Gentrifizierung des Mailänder Arbeiterviertels Isola im Isola Art Center beteiligt, wo er seit 1993 lebte. Er nutzte diese kollektive Plattform von und für Künstler, Architekten, Philosophen und Bürger als Ausgangspunkt für die Errichtung einer „konkreten Utopie“ mit künstlerischen Mitteln.

Seit seinem Tod im Oktober 2016 füllen Bürger, Arbeiter, Intellektuelle und eine Generation junger Künstler seine Ideale mit dem Gemeinschaftsgarten Isola Pepe Verde und in der Kooperative RiMaflow mit Leben.

Die Luxemburger Ausstellung reiht sich in das Projekt namens „Arcipelago Bert Theis“ ein. Das umfasst Ausstellungen und Veranstaltungen nicht nur in Stadt und Staat Luxemburg, sondern über die Grenzen hinaus. Die Zusammenarbeit findet mit 2001 architecture, Cercle Cité, Stadtgemeinschaft Strasbourg, Fonds Belval, Fonds Kirchberg, LUCA Luxembourg Center for Architecture, Musée national d’histoire et d’art Luxembourg, Rotondes, Universite du Luxembourg – Master in Architecture, Stadt Luxemburg statt.

Und die Ausstellung im Mudam, die am 30. März begann, läuft noch bis zum 25. August 2019.




Thomas Kay Marsen, der „Kunst(Zer)Teiler“ und das Pocket-Museum im Hosentaschenformat

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Keine Ahnung, was das ist oder soll. Und das scheint auch egal. Doch die Pressemitteilung vom Pocket-Museum vom 26.3.2019 mit der Überschrift „Der Kunst(Zer)Teiler: Thomas Kay Marsen – Kunstsammler zerteilt moderne Kunstwerke und präsentiert neue Exponate in seinem Pocket Museum“ fand Aufmerksamkeit in der Redaktion des Magazin KULTUREXPRESSO.

Thomas Marsen soll ein „Kunstliebhaber und Kunstsammler aus Oldenburg“ sein, der „zwölf Kunstwerke seiner modernen Gemäldesammlung in 16×16 mm kleine Stücke zerschnitten und sie neu zusammengesetzt“ habe. Das mache ich manchmal mit alten Unter- und Oberhemden. Die ausgetragenen Klamotten sammle ich erst, dann zerschneide ich sie, allerdings in größere Stücke, um damit anschließend mindestens mein Fahrrad zu putzen. Die anderen Putzlappen reiche ich weiter.

Marsen und ich scheinen etwas gemeinsam zu haben. Wir kaufen auch, was uns gefällt. Er Kunst, ich Klamotten. Dann zerschneiden wir sie. “ Ihm gefällt viel und er kauft viel“, heißt es zu meinem scheinbaren Bruder im Geiste. Mir gefällt zwar auch viel, aber ich kaufe wohl weniger.

Zu Kunstliebhaber und -käufer Marsen heißt es weiter, dass deswegen „im Laufe der Jahre seine Kollektion so umfangreich geworden“ sei, „dass er sie nicht mehr aufhängen“ konnte. Mein Kleiderschrank war auch immer proppevoll, aber vermutlich kleiner als sein Kunstschrank oder -keller. Weiter im Text: „Wie viele Sammler stand er vor dem Problem, wohin mit der schönen Kunst? Aber anders als andere Kunstsammler, die gewinninteressiert verkaufen oder versteigern lassen, wählte er eine radikale Methode ohne Rücksicht auf den finanziellen Kapitalwert der Kunst. Er zerteilt die Originale und teilt die Kunst fortan mit anderen.“

Wir sind wohl Seelenverwandte. Ich teilte meine Lappen auch immer. Vielleicht tausche ich eines Tages mal in sein Pocket-Museum und tausche mit Marsens Fetzen. Obwoh, wozu sollen 16×16 mm gut sein?

In einem Shop genannten Laden verkauft Marsen übrigens seine Pocket-Museen. Eines soll angeblich „300,00 € inklusive MwSt und kostenlosem Versand“ kosten. Vielleicht sollte ich das mit meinen getragenen Lappen auch machen und noch eine Null dranhängen. Schließlich gibt es genügend Nullen auf dieser Welt, die – nennen wir es – Kunst sammeln und kaufen.




Frobenius oder die Kunst des Forschens im Museum Giersch der Goethe-Universität

Frankfurt am Main, Deutschland (Kulturexpresso). Seit dem 24. März und noch bis zum 14. Juli 2019 läuft im Museum Giersch der Goethe-Universität (MGGU) in Frankfurt am Main die Ausstellung “ Frobenius – Die Kunst des Forschens“.

In der Pressemitteilung des MGGU vom 19.3.2019 heißt es, dass die neue Sonderausstellung „mehr als 200 Bildwerke – ethnographische Bilder, Fotografien und Nachzeichnungen prähistorischer Felsbildkunst – aus der einzigartigen Sammlung des Frobenius-Instituts für kulturanthropologische Forschung in Frankfurt“ präsentiere.

Wohl wahr: das ist ein „Bilderschatz, der „von Zeichnerinnen und Zeichnern“ stamme, „die den Institutsgründer, den Ethnologen Leo Frobenius (1873–1938), auf seine Expeditionen begleiteten“.

Beachtliche und „beeindruckenden Nachzeichnungen prähistorischer Felsbilder geben einen überwältigenden Einblick in die weltweite Kunst der Vorzeit.“ Zu sehen seien „Werken von Paul Klee, Willi Baumeister und Wols, die „den Einfluss prähistorischer Vorbilder auf die europäische Moderne“ zeigen würden.

Mehr auf der Heimatseite unter Museum-Giersch.de im Weltnetz.