Ein Blick auf das Gutshaus Steglitz in Berlin.

Das Gutshaus Steglitz in Berlin wird mit einer Rosa-Loy-Ausstellung neu eröffnet

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 17. Januar 2019 soll um 17 Uhr das Gutshaus Steglitz als neuer Kunstort für zeitgenössische Malerei neu eröffnet werden. Den Auftakt würden laut Pressemitteilung des Veranstalters vom 20.12.2018 „35 Arbeiten“ der Malerin Rosa Loy bilden.

Das Gutshaus Steglitz sei „auch bekannt als ‚Wrangelschlösschen'“ bekannt, heißt es weiter im Text, und würde „zu den raren erhaltenen Beispielen frühklassizistischer Architektur“ zählen, weswegen die „vier Ausstellungsräume in diesem bedeutenden Baudenkmal“ und nicht nur die Ausstellung einer Hauptvertreterin der Neuen Leipziger Schule eine Reise nach Berlin wert sein dürften.

Zum Gesamtwerk von Rosa Loy heißt es, dass ihre „Arbeiten … oft surreal“ anmuten würden. „Vielfältig sind die Quellen, aus denen sie schöpft. Eigene Erfahrungen, Wahrnehmungen und Phantasien ebenso wie Mythologien, Märchen und Legenden sowie nicht zuletzt die Kunstgeschichte mit ihrem visuellen Reichtum aus vielen Epochen bilden das Rohmaterial. Überblickt man Rosa Loys Œuvre, staunt man über die Fülle von Motiven, den unaufhörlich aus Erlebnissen und Eindrücken gespeisten Strom von Bildern und Bilddetails, häufig rätselhaft, dann wieder sofort zugänglich.“

Wenn das so ist, dann nichts wie hin ins

Gutshaus Steglitz

Schloßstraße 48, 12165 Berlin-Steglitz

Öffnungszeiten: von Montag bis Sonntag in der Zeit von 10 Uhr bis 18 Uhr.

Eintritt: frei




"Gute Aussichten - junge deutsche Fotografie 2018/19" in den Technischen Sammlungen Dresden.

Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie 2018/2019

Dresden, Deutschland (Kulturexpresso). Seit dem 8. Dezember 2018 läuft in den Technischen Sammlungen Dresden eine Sonderausstellung mit dem Titel „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie“, die am 7. Dezember ihren Auftakt hatte.

Die Ausstellung ist bis zum 17. März 2019 geplant. Das gesamte Projekt für junge Fotografen wurde 2004 von der Kunsthistorikerin Josefine Raab und dem Publizisten Stefan Becht gegründet und bietet in diesem Winter 229 Motive, darunter 39 unikate Belichtungen, sieben Fotogramme, drei Siebdrucke und zwei Risografien, sowie vier Videos, zwei Künstlermagazine, einen Kurzfilm, ein Buch und eine Diaprojektion.

Professoren aller deutschen Hochschulen und Akademien, die einen Studiengang Fotografie anbieten, dürfen bis zu fünf ihrer Abschlussarbeiten für den Wettbewerb einreichen, der als einer der renommiertesten in deutschen Landen gilt.

In der Pressemitteilung der Technischen Sammlungen Dresden vom 7.12.2018 heißt es weiter, dass „eine namhaft besetzte Jury … aus den Einsendungen die besten Portfolios, die anschließend national und international in verschiedenen Ausstellungen, Aktionen und Medien der Öffentlichkeit vorgestellt werden“, küre. Weiter im Text: „Zu den Wettbewerben werden jeweils ca. 100 Beiträge aus insgesamt ca. 35 Institutionen deutschlandweit übermittelt.“

Wer sich einen ersten Ein- und Überblick verschaffen möchte, der greife zum umfangreichen Jahreskatalog in deutscher und englischer Sprache, zu Sondereditionen von Originalen und zum Spezialheft „Gute Aussichten“.

Wir wünschen gute Aussichten!




200 Bilder von 30 Künstlern – Artvent, Kunst für alle: Malerei, Zeichnung, Fotografie, Grafik …

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Freitagabend eine schwere Entscheidung: Bundespresseball, Around the World in 14 Films oder die Vernissage von Artvent, Kunst für alle. Dort war Malerei, Zeichnung, Multiples (was ist das?), Edition (?), Fotografie, Grafik … versprochen worden. Bei der Anreise zum Kunstraum Neukölln in der Reuterstraße 82 stellt man erst einmal fest, dass die Karl-Marx-Straße gesperrt ist, so wie die Emser südlich der Düsseldorfer und Dutzende weitere Straßen auch. Ein Taxifahrer sagte am Freitag: man kennt sich nicht mehr aus. „Berlin ist ein Überraschungsei!“. Ich war jetzt auf dem Weg zu einem anderen Ü-Ei.

Also besser U-Bahn zur Boddinstraße, am nördlichen Ausgang raus, durch die Flughafenstraße (benannt nach Tempelhof THF, dem Zentralflughafen; nach BER wird wahrscheinlich nie eine Straße benannt: in Berlin muss jemand erst mindestens fünf Jahre tot sein, bevor die Benennung vollzogen werden kann) bergab zur Reuter (nach Ernst Reuter) und auf der linken Seite den absteigenden Hausnummern folgen. Da! Das Hinweisschild zur Galerie! Nein, Koks wird annonciert. Gibt es noch irgendwo Ofenheizung? Bei den Mieten. Egal, schnell weiter! Es warten Ball und Festival.

Da raucht jemand vor einer Ladenwohnung mit einem großen Schaufenster, ein schlecht lesbarer Aufsteller im Dunkeln davor. 18-21 Vernissage am 23. November. 21 Uhr? Da bin ich ja genau richtig!

Artvent: Bilder, Bilder, Bilder

Ich gehe rein – und kann schon die Tür hinter mir nicht schließen. Alles voller Menschen. Und Bilder, Bilder, Bilder. An den Wänden, auf dem Boden, an der Decke, scheint es … Es dreht sich alles. Dazu Saxophonmusik von Martin W. Ich erkenne ein bekanntes Gesicht: Rosaana Velasco. Gott sei Dank. Sie wird mir vielleicht helfen, die Rätsel dieses Raumes schnell zu lösen, denn ich muss weiter, weiter, immer weiter.

Florian, der Mitorganisator, drückt mir einen Umschlag mit Informationen in die Hand. 50 Künstler. Neine, 30. Lebende? Nein, 10% sind verstorben, also 3.

Ich grabsche den Flyer, ich werde ihn gleich in der U-Bahn lesen. Vielleicht… Ich muss los!

Artvent

Berlin-Neukölln (Kreuzkölln), Reuterstraße 82, 12053 Berlin

24.11.2018 – 22.12.2018, Freitag, Samstag, Sonntag jeweils von 15-18 Uhr

Jeanette Abée, Juliane Daldrop, Gloria Pense, Inge Denker, Viola Wandrey, Ana Mena, Rosaana Velasco und andere.

Die Künstlerin auf dem Photo heißt Shirleny dos Santos

PS: Wenn wir richtig gezählt haben, ist dies der 1000ste Artikel im Kulturexpresso.




Mutter der Nanas – Künstlerin Niki de Saint Phalle wäre 88 Jahre alt geworden

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 1930 wurde sie am 29. Oktober geboren, im Mai 2002 starb sie 71jährig in La Jolla, einer Community von 50.000 Einwohnern in den USA. 7 Meilen oder 11 Kilometer lang ist die Küstenlinie La Jollas am Pazifik, das zur Stadt San Diego gehört, seit Kalifornien um 1850 ein Staat wurde. Der heutige Bundesstaat der USA gehörte zu Mexiko und war eine Kriegsbeute nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg wie Arizona, New Mexico und andere Provinzen auch. Niki de Saint Phalle hatte es geschafft.
Ihr Name und ihre Kunst wurden weltweit berühmt, vor allem in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders herausragend im doppelten Sinne sind riesige bunte Frauenfiguren, die sogenannten Nanas.

Wer an einem Ort wie La Jolla seinen Alterssitz hätte, dem stünden lange Sandstrände und felsige Uferbereiche in allernächster Nähe sehr abwechslungsreich zur Verfügung. Hier an der Ostküste des Stillen Ozeans geht die Sonne, so die Wolken es zulassen, immer im Meer unter. Im größten Weltmeer, das der blaue Planet zu bieten hat.

Niki de Saint Phalle und ihr Werk. Zum Beispiel „Hon“

Der Lebensweg von Niki de Saint Phalle war lang und interessant. Sieben Jahrzehnte mit Reisen, von denen man viel erzählen könnte. Sie gewann wichtige Freunde und Mitstreiter in der Kunstwelt und lernte viele Menschen kennen.

Zum Beispiel Claes Oldenburg und Martial Raysse. Pontus Hulten hatte sie nach Schweden eingeladen. Im Moderna Museet in Stockholm sollte parallel zur elften Ausstellung des Europarates im Nationalmuseum, „Königin Christina“, eine Skulptur gezeigt werden. Herr Hulten bat die vier Künstler, Jean Tinguely eingeschlossen, sie zu bauen. Da die anderen drei absagten, verhindert waren, oder, wie Tinguely, keine rechte Lust hatten, machte Niki de Saint Phalle es allein. Schweden ist kein armes Land und recht groß. Das stolze skandinavische Königreich war durch seine Erze ziemlich unabhängig und blieb im Zweiten Weltkrieg neutral. Das ‚moderne Museum‘ für moderne Kunst ist nicht klein; die große Halle erst recht nicht. So entstand „HON“ (schwedisch für Sie). „Die größte Nana aller Zeiten“, wie es ihre Düsseldorfer Biographin, die Kunsthistorikerin Dr. Monika Becker ausdrückt.

Keine Reise nach Moskau

Letztlich machte Tinguely doch mit und Per O. Ultvedt stieß dazu. Doch den dreien fiel nichts ein. Pontus Hulten „wollte die Inspiration beflügeln, indem er den Künstlern anbot, ein paar Tage nach Moskau zu reisen“. Vielleicht dachte Hulten an die Zwiebeltürme, die den Rundungen der Nanas in nichts nachstehen.

Die Erlöserkirche in Leningrad, wie Sankt Petersburg damals noch hieß, ist ein Beispiel für den beeindruckenden Gebrauch der Farben. Auch in der russischen Hauptstadt gibt es unzählige kunsthistorische Beispiele. Die Petersburger Kirche ist von so einer beeindruckenden Schönheit und Andersartigkeit, dass sie aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Staunend hält man an und ein. Ähnlich wie die Sagrada familia in Barcelona, sind das die Orte, wo Kunst Ehrfurcht bewirkt – und Transzendenz.

„Leider wurde nicht daraus“. Aus der Reise in die Sowjetunion, schreibt Dr. Becker.

Also blieb Niki de Saint Phalle bei den Farben aus Henri Matisses Palette. Hellgrün, Gelb, Blau, Rot und Orange. Ergänzt durch ein leuchtendes Rosa. Für Sprachverführte und -verirrte: Rosa ist das, was viele heute „pink“ nennen.
Dazu kam an einigen Stellen Schwarzweiß.

Zeitdruck und Zufälle

Das Problem, rechtzeitig zur Ausstellungseröffnung im Moderna Museet fertigzuwerden, löste Pontus Hulten. Er schlug eine Nana vor, die die ganze Museumshalle ausfüllen sollte. Höchste Eisenbahn. Bis zum Eröffnungstermin 9. Juni waren nur noch 6 Wochen geblieben. Da die Halle sich in die Waagerechte erstreckt, musste „SIE“ liegen. Fast 27 Meter lang sollte sie werden und von innen begehbar! „Oberweite: 24 Meter.“

In anderthalb Monaten hätte die drei Künstler – ja, zwei Künstler und eine Künstlerin verflixt – das nie allein schaffen können. Tinguely leitete andere an.

Wieder wurde Pontus Hulten aktiv. Er wohl mehr als die Künstler war in der Verantwortung, wenn sein Stadion erst nach den Olympischen Spielen fertig geworden wäre.

Er organisierte eine Mannschaft. Darunter Rico Weber. Der war auch aus der Schweiz. So ein Zufall. Doch damit nicht genug: Weber, der sich zu dem Zeitpunkt als Koch in der Snackbar des Museums etwas dazuverdiente, war Künstler. Als deutsch und französisch sprechender Künstler war die Kommunikation im fernen Schweden kein Problem.

Jetzt hatte er für die nächsten zehn Jahre einen Job; solange arbeitete er nämlich dann mit Tinguely und de Saint Phalle zusammen. Im Register der Beckerschen Biographie taucht er allein zwölfmal auf.

Kopfkino? Nein, Kino im linken Arm

In einem Arm war ein kleines Kino vorgesehen mit genau einem Dutzend Plätze. Es sollte immer derselbe Streifen gezeigt werden. Gretas Garbos erster Film. „Luffarpetter“. ‚Luffar-Petter‘ bedeutet „Peter, der Vagabund“. Der mittellange Stummfilm von 1922 ist ein Slapstickkomödie. Ein Stummfilm, versteht sich. Dieser Spielfilm ist nie in Deutschland in die Kinos gekommen und wurde auch im Fernsehen nie gezeigt. Manchmal lohnt es sich eben doppelt, nach Schweden zu fahren.

Big Brother oder Kein Datenschutz auf der Liebesbank

Verschiedenes für Kinder und Erwachsene fand im Innern Platz. Ein halbes Tausend Besucher täglich hatte man eingerechnet, 1.800 wurden es. Ein Kritiker hatte sich sehr positiv geäußert und so strömten ein Vierteljahr lang die Leute nur so ins Museum.

Und das, obwohl es einen klaren Bruch des Datenschutzes, der Privatsphäre gab. Die Datenschutzgesetzgebung war um 1970 noch nicht so ausgefeilt.

Im Knie gab es die „beschallte Bank der Verliebten“ mit beleuchtetem roten Samt. „Von der Liebeslaube aus hatte man einen Ausblick auf die Galerie der Fälschungen, daneben ein Münzfernsprecher.

Das Geflüster der Liebenden wurde heimlich per Mikro in die Colabar in der rechten Brust übertragen.“

„Die Idee für diese Indiskretion hatte man aus der phantastischen Grottenarchitektur aus dem italienischen Orsini-Park in Bomarzo. Dort trug der Schall das, was im Innern des Felsenraumes geflüstert wurde, nach draußen in den Park.“

Leergut ohne Pfandrückgabe

„Das Leergut der Flaschen aus der Cola-Bar wurde einer komplizierten Maschine im Verdauungstrakt zugeführt, die es zermalmte.“ Gebaut, na klar, von Jean Tinguely, dem Maschinenbauer.

Selbst in Malmö würde so etwas heute nicht mehr durchgehen. Wo das Überleben der Welt gefährdet ist, werden Solarzellen, Recycling und Kreislaufdenken Existenz-entscheidend.

Kleinkopferter Großkörper

Weitere Attraktionen waren ein bewegliches Holzgehirn im Kopf, eine Radioskulptur in der Nana-Hüfte, in der linken Brust ein Planetarium. Im Herzen den „Mann im Schaukelstuhl“ von Ultveldt.

„Daß man in der Tatsache, die Figur durch das Geschlecht betreten zu müssen, absolut nichts Pornographisches zu sehen habe, wurde explizit auf der Innenseite des rechten Oberschenkels notiert.“ Warum dort? Nun zum einen war das neben dem Eingang.
Viele mussten warten. Eine rote Ampel regelte den Verkehr. Waren 150 Menschen im Innern, mussten sich die anderen die Füße vertreten. „Ein Blick durch ein beleuchtetes Aquarium mit Goldfischen und ein versilbertes Schaufelrad einer Wassermühle verwandelte“ eventuell aufkommende Unruhe, Ungeduld und Unwillen in Ruhe und „Neugierde“.

Zum anderen stand der Hinweis auf einem schwarzen Streifen, der sich als Strumpfband interpretieren ließ: „Honi soit qui mal y pense“. Der englische Hosenbandorden benutzt diesen französischen Vers, der auf deutsch bedeutet: Ein Schelm sei, wer Schlechtes dabei denkt. „Die Anregung, den Eingang mit einem Leitspruch zu versehen, hatte man von dem Höllenmaul aus dem Heiligen Hain von Bomarzo bekommen.“ Es trägt die Inschrift „Ogni pensiero vola“.

Was blieb von „IHR“, von „HON“?

Nur der Kopf blieb erhalten. Dass er so klein war, löste Diskussionen aus. Alle Köroerteile, die sie mit Emotionen verbunden sah, betonte Niki de Saint Phalle.

Neue Neuro-Forschungen strafen sie lügen. Ohne Kopf kein Gefühl, steuert doch die Hypophyse mit Hormonen alles.

„HON“ hatte Folgen – für die Theaterbühne

Dass Niki de Saint Phalle nicht nur wahrgenommen wurde und polarisierte, sondern auch inspirierte und aufgegriffen wurde, zeigt das Beispiel von „LYSISTRATA“, der Aristophanes-Komödie, im nordhessischen Kassel. Den jungen Regisseur Rainer von Diez inspirierte das berühmte Pressephoto, das das Publikum in einer Warteschlange zwischen den monumentalen Beinen der HON abbildet.

Das athenische Volk sehnt sich nach Frieden. Er wird durch die List der „Heeresauflöserin Lysistrata“ erzwungen. „Sie überredete alle Frauen Griechenlands, in den Liebesstreik zu treten“ – gemeint ist natürlich Sexualiät – „bis ihre Männer Frieden schlössen“.

Niki de Saint Phalle baute dann in Kassel eine 10 Meter große Nana im Theater.

Diez hatte Erfolg: „LYSISTRATA“blieb ausverkauft.

Rundungen im Freien

Niki de Saint Phalles Werke stehen heute in vielen Museen oder im Freien. Einiges schuf sie allein, anderes mit anderen zusammen. Als Frau wurde sie von Feministinnen besonders wahrgenommen. Ihr Tun verstand sie jedoch selbst auch frauenbefreiend.
Die erste zusammenfassende deutschsprachige Biographie erschien mit ebendiesem Hinweis 1999 und 2001 als Taschenbuch. Das Paperback wurde in den drei Jahren der Abschaffung der D-Mark in mindestens drei Auflagen gedruckt. Und das zu einer Zeit, als das gedruckte Buch bereits ernsthafte Konkurrenz erhalten hatte und das ebook am Horizont drohte. 2001, im ersten Jahr des neuen Jahrtausends (das Jahr 2000 gehört ja zum 20. Jahrhundert), war das deutsche Buch also im Schnitt schon einmal jährlich gedruckt worden. Das ist umso bemerkenswerter, als dass es noch zu de Saint Phalles Lebzeiten geschah. Natürlich erfuhr die Künstlerin posthum, ab Mai 2002, nochmals eine gewisse Aufmerksamkeit.

Das phantastische Paradies

„Le Paradis Fantastique“ (sprich Le paradi fantastiehk, alles hinten betont) ist in Zusammenarbeit Saint Phalles mit dem Frankoschweizer Jean Tinguely in den Jahren 1967-1971entstanden. Die beiden kollaborierten immer wieder. Dieses Werk ist ein gemeinsames Frühwerk. Es brachte den beiden den Durchbruch.

Die Expo 2000 in Hannover und der damit verbundene Schuldenberg sind nur ein Abglanz früherer Weltausstellungen. Viele kennen diese Phase vielleicht nur von der Innenseite eines Flakons Kölnischwasser. In einer Zeit. Als Reisen nicht so selbstverständlich und preiswert war, wirkten die Weltausstellungen und die Berichte darüber in den Zeitungen wie Magneten.

Die Ausstellungen waren auch ein Anlass, in die Zukunft zu weisen oder etwas für die Zukunft zu hinterlassen. Das Atomium in Brüssel und der Eiffelturm sind solche Wahrzeichen.

Montreal hatte sich 1967 zum Ziel gesetzt, „einem neuen Weltbild zur Reife zu verhelfen, einem Weltbildes totalen Engagements, zu dem der schöpferische und soziale Mensch fähig ist“. Was wäre für die Neuen Realisten der Nouveaux Réalistes ein besserer Anlass für eine Beteiligung gewesen? Doch zuerst musste der Auftrag an Land gezogen werden. Das erledigte die kämpferische Niki. Die Französischkenntnisse des Künstlerduos waren nicht nur in Paris, sondern auch in der Schweiz und in Quebec, dem französischsprachigen Osten Kanadas, von Vorteil. Letztlich gelang es. Die französische Regierung erteilte einen exklusiven Auftrag für eine Außenskulptur, den Dachgarten des französischen Pavillons.

Tinguelys schwarze Maschinen griffen quasi die bunten Riesenfiguren de Saint Phalles an. Seit Radha und Krishna, wie Lakshmi und Narayan in ihrer Kindheit hießen, gehört necken wohl dazu. Der indische Tanz drückt das mit verschmitzten Blicken und vielerlei Gesten bis heute aus.

Die Kosten des Ruhms

Das Konzept wurde verstanden und kam an. Zu dem großen Erfolg des PHANTASTISCHEN PARADIESES trug bei, dass der französische Pavillon beim Publikum der Welt nicht gut aufgenommen wurde. Dabei war er der größte auf der Expo und hatte acht Ebenen. Doch wurde er als zu schwer und kompliziert empfunden. Dagegen der Kontrast, wenn man auf das Dach hinaus kam. Die Fröhlichkeit der bunten Figuren, obwohl von dunklen Maschinen bedrängt, und das bei Tageslicht und frischer Luft muss wie eine doppelte Befreiung gewirkt haben nach acht Etagen bedeutungsschwangerer Schwere.

Wie sehr ein Künstler unter den Ausgaben für das Material zu leiden hat, dafür ist das phantastische Paradies ein Lehrbeispiel. Zwei Tonnen Polyester und 300 Kubikmeter Schaumstoff verarbeitete de Saint Phalle für die neuen Skulpturen auf dem Pavillon-Dach.

De Gaulle hatte zwar das beauftragt, die Finanzierung war damit aber nicht abgesichert!

Anschließend kaufte das Ministerium für Kunst und Wissenschaft vier Figuren. 80.000 DM. Immerhin. Die Materialkosten waren damit eigentlich nicht gedeckt, geschweige denn die Kosten für Produktion und Transport. Aber das nordamerikanische Publikum liebte das „Paradies“. Nach der Expo ‘67 in Montreal verließ es Kanada, ging nach nach Buffalo in den Innenhof einer Galerie und dann 1968 in den Central Park in Manhattan, New York. De Saint Phalle und Tinguely überließen es dann dem Moderna Museet. Sammler aus Texas bezahlten des Transport aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Schweden.

Bibliographische Angaben

Monika Becker: Starke Weiblichkeit entfesseln. Niki de Saint Phalle. In der Reihe „Rebellische Frauen“. Als List-Taschenbuch im Econ Ullstein List Verlag GmbH und Co. KG München 2001. Copyright 1999/2001. Anhang, Quellen, literatur, Register, 249 Seiten. „Originalausgabe“

Titelabbildung: Thilo Tuchscherer – „Schutzengel“ in der großen Halle im Hauptbahnhof Zürich




Bild in der Ausstellung im Nachbarschaftshaus Urbanstraße 21 in Kreuzberg am M41er

Südkreuz am Südstern oder Ein Stern ist aufgegangen. Nils Ben Brahims zweite Ausstellung

Berlin-Kreuzberg, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Stern ist aufgegangen, ist das zuviel gesagt? Wir werden sehen. In den sternenklaren Nächten nach der Zeitumstellung – der letzten oder vorletzten, wie man hört – sieht man die Sterne schön und klar. Endlich wieder fallender Regen wusch Stickoxide, Staub und Feinstaub fast sauberwaschend aus der Luft. Klare, kühle Luft, die alle Geräusche lauter durch die entlaubenden Bäume transportiert, lässt einen unwillkürlich nach oben schauen. Die jetzt längeren Nächte bieten immer mehr Gelegenheit dazu bis der Weihnachtsstern erscheint und die Dunkelheitsumkehr die Tage wieder länger und hoffentlich fröhlicher werden lässt. Wer nicht nur fernsehen will – und wer will das schon? – gehe doch in Nils Ben Brahims zweite Ausstellung ins Nachbarschaftsheim Urbanstraße.

Der Eintritt ist frei.

Nils Ben Brahims zweite Ausstellung hängt im Nachbarschaftsheim in der Urbanstraße 21

Der Künstler in seiner Ausstellung „Remain in Light“: Nils Ben Brahim. Im Raum „verdrängen“. © Foto/BU : Dirk Fithalm, 2018

Eröffnung: Gestern nacht, oder soll man sagen abend? Um 20 Uhr war es bereits mehrere Stunden dunkel. Um 20 Uhr in der Urbanstraße 21, das hatte ich mir leicht merken können. Um halb neun erreichten wir den Ausstellungsort, den wir noch nicht kannten. Ein schöne, alte, glücklicherweise nicht zerbombte Villa, in dem teils grünen, recht ruhigen Fast-Niemandsland zwischen laut-ratternder U1 im Norden und im Untergrund rumpelnder U7 im Süden, zwischen Hermannplatz im Osten und Blücherplatz mit der Bibliothek AGB im Westen.

Wer es nicht lassen kann zu „googlen“, wird doch bei den Landkarten der mepps vielleicht fündig. Je nach Verfügbarkeit von Geräten, je nach Akkuleistung, Stromanschluss und Schnelligkeit der durch den Dunst schwirrenden mobilen Daten.

Dort wird er vielleicht ein Foto finden. Es wurde (vor etwa 10 Jahren?) tagsüber aufgenommen. Zu einer ähnlichen Jahreszeit, als abgeworfenes Laub in den Gossen lag und Autos mit aufmontierten Kameras jede Straße jeder Stadt vermaßen. Ein kleiner Junge, den man vielleicht nicht gefragt hat, ob er auf dem Bild sein möchte, ist links im bild. blauer Hose, blaugestreiftes Oberteil, schwarzer Rucksack, junge, helle Haare. Weiter drei abgestellte Fahrräder und ein Schaukasten an der Straßenseite der Freitreppe. Aus Datenschutzgründen ist die Schrift über dem Schaukasten unkenntlich gemacht worden. Das Haus wird jedoch gezeigt. Ein großer Buchstabe am Ende ist noch zu sehen, es ist ein „V“. Vermuten lässt die der Name eines Vereins, der die beliebten Buchstaben anhängt, die zusammengeschrieben evangelisch bedeuten, durch Punkte getrennt jedoch Vereinsmeierei.

Die von Ost und West beziehungsweise von links und rechts zugängliche Treppe führt in ein gelbes Haus, dessen Tür geöffnet ist. Ein Transparent rechts verkündet mit interessanter Typologie: „Sommerfest 6. Juli“. Das Laub ist grüner als jetzt.

Nils Ben Brahims zweite Ausstellung: Umweltfreundlicher Weg ins Grüne

Jetzt wieder auf: „Nachbarschaftshaus Urbanstraße“ in der Urbanstraße 21. © Foto/BU : Dirk Fithalm, 2018

2018: Heute verdeckt ein Container den Blick aufs Haus, das obendrein eingerüstet ist. Am Geländer: „Wieder offen für alle. NHU“.

Die zwei Schaukästen gibt es noch. Die Aufschrift lautet: „Nachbarschaftshaus Urbanstraße“. Ohne e.V. Dafür mit „NHU“. Nicht hier unterstellen? Nieten, Herren, Untertanen? Neue Heimat umsonst?
Niemand hat Unkenntnis. Noble Herren unken. Niemandsland hiesigen Ursprungs. Nicht helfen, unabhängig machen!
Neues Haus ursprünglich. Nur Häuser überleben.

Wai (Was auch immer). Parkplätze gab es im Sommer vor ein paar Jahren ausreichend. Dieselfahrverbote drohen. Autofahrer mögen also bitte Navi oder Stadtplan konsultieren, BVG-Benutzern helfen wir auf die Sprünge, damit sie nicht nur Kohlendioxid vermeiden, sondern sogar Handystrom sparen können.

Startpunkt Südstern …

Südstern bezeichnet dreierlei: Eine Kirche, eine Straße beziehungsweise einen Platz, in den sternförmig 7 Straßen münden und einen U-Bahnhof der U7 mit einem teilverglasten, oberirdischen Eingangsgebäude. Große Straßen kommen hier zusammen. Die Bergmannstraße vom Marheinickeplatz und Mehringdamm, die Gneisenaustraße, die Blücher- und: die Lilienthalstraße (nicht nur der Flughafen Tegel ist nach Otto, dem Flieger benannt) und am schönsten natürlich: die Hasenheide mit Denkmal für Turnvater Jahn.

… und dann nach Norden

Das Nordende der Fontanepromenade an der Urbanstraße. Wer es bis hierhin geschafft hat, ist am Ziel: Links auf der Ecke steht die Villa des Nachbarschaftshauses. © Foto/BU : Dirk Fithalm, 2018

Wer den U-Bahnhof verlässt, sollte sich nördlich wenden, aber bitte nicht die Hauptstraße kreuzen oder dazu sich verleiten lassen, die belebte Körtestraße entlangzugehen. Wer das trotzdem tat, bitte links in die Freiligrath.

Der kürzeste Weg in Nils Ben Brahims zweite Ausstellung führt durch die Fontanepromenade in ihrer ganzen Länge. Sie geht auf Höhe der Kirche nach Norden vom Südstern weg. Ein Nordstrahl sozusagen. Eine ruhige Straße mit einem Mittelstreifen samt Kinderspielplatz.

Ein Dichtertreffen

Zwischen Südstern und Urbanstraße: Zwei Dichter treffen sich an der Straßenecke. © Foto/BU : Dirk Fithalm, 2018

An der ersten Ecke ist man geneigt zu vermuten, dass hier die Straßennamen alphabetisch sortiert sind, Fontane Ecke Freiligrath. Sie kennen letzteren nicht? Ein Dichter namens Ferdinand. Er hat die kürzere Straße abbekommen, schließlich beschäftigte sich der andere nicht nur mit der Streusandbüchse Mark Brandenburg, in der Berlin liegt, sondern ist auch ein Multitalent. Fontane war Dichter und Schriftsteller. Dafür erhielt er zwei Richtungsfahrbahnen und als Bonus den Mittelstreifen für Flanierende.

Am anderen Ende das Haus links ist unser Ziel. Hier erwarten sie Bilder mit Elementen der Verfremdung und Übermalung. Öl, Acryl, Kohle. Der passende Untertitel: Entfremden, verdrängen, vergessen. Der Haupttitel ist natürlich auf englisch, denn wir sind ja in Berlin: Remain in the Light. Vielleicht ein frommer Wunsch für die Karriere des Künstlers? Ein Wunsch an uns alle? Oder eine gutgemeinte Warnung, sich mit der Dunkelheit nicht einzulassen?

Bilden Sie sich selbst ein Urteil.

Nils Ben Brahims zweite Ausstellung: Nachbarschaftshaus Urbanstraße, Urbanstraße 21, 10969 Berlin
Bis 2019.
Bus M41, U-Bahn U7 „Südstern“ + 550 Meter Fußweg durch die Nordsüdstraße „Fontanepromenade“

Unter die Oberfläche: „Cishuman“, erste Ausstellung von Nils Ben Brahim

www.nilsbenbrahim.com




Ganz in Weiß und ohne Blumenstrauß – Zur Ausstellung „Durchdringung“ von Annika Grabold

Rüsselsheim, Deutschland (Weltexpress). Am Sonntag, 28. Oktober 2018, wird um 16 Uhr die Ausstellung „Durchdringung“ von Annika Grabold in der Schleuse der Opelvillen eröffnet, die bis zum 2. Dezember 2018 besichtigt werden kann.

Die 1995 in Langen geborene Künstlerin studiert seit 2014 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und absolvierte zu Beginn dieses Jahres ein Auslandssemester in Tallinn an der Estonian Academy of Arts. Nach Ausstellungsbeteiligungen in Deutschland und Europa erhält sie in der Schleuse ihre erste Einzelschau.

Der erste Blick, das erste Bild: ein Raum ganz in Weiß und ohne Blumenstrauß.

Was will uns die Künstlerin damit sagen, deren Intention Simon Lunkenheimer laut Pressemitteilung der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim vom 22.10.2018 wie folgt beschreibt: „Da stetig mehr und mehr Fotografien, Bilder und Schnappschüsse entstehen, scheint es schwierig, der auf das Individuum einbrechenden Bilderflut zu entkommen. Welche Bilder uns erreichen, bestimmen hierbei zumeist Agenturen und Algorithmen, sowie Redakteur*Innen und Kurator*Innen. Immer seltener scheinen die alltäglichen, aber auch professionellen Fotografien dabei eine eingängige ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. Stattdessen beobachtet man nicht erst seit Instagram, wie die Alltags- und kommerzielle Fotografie sich sowohl inhaltlich als auch medial an (abgeschmackten) Klischees bedient. Für ihre Arbeit ‚Durchdringung‘ (2018) … hat Annika Grabold diese Problematik und ihre Kritik in Form einer Fotoinstallation manifestiert. Die Künstlerin zeigt mit „Durchdringung“ nicht einfach ein kulturpessimistisches Gegennarrativ. Viel eher ermöglicht die facettenreiche Arbeit eine ästhetische Erfahrung, die über Klischees erhaben ist, obwohl sie jene auf kreative Art nutzt, um dann mit den Sehgewohnheiten des Rezipienten zu brechen. Was auf den ersten Blick bekannt aussieht, ist auf den zweiten Blick ein Rätsel, fast wie in Platos Höhle.“




Kunst auf der Burg in Neustadt/ Glewe. Architektur, Feste und Grafik in einem Kleinod am Wegesrand

Neustadt-Glewe, Deutschland (Kulturexpresso). Neustadt gibt es öfter, Neustadt/ Glewe ist einmalig. Die Burg in Neustadt/ Glewe trägt viel dazu bei. Die meisten, die schon einmal von Berlin nach Hamburg unterwegs waren – oder umgekehrt – sind hier unachtsam vorbeigefahren. Wer im Flixbus saß, dem sei das verziehen. Autofahrer haben die Wahl – und die 2 Kilometer von der Autobahnabfahrt bis in den Ort hinein sind wirklich kein großer Kohlendioxid-Fußabdruck.

Die A24 (Autobahn 24 Hamburg-Berlin) beginnt am Berliner Ring A10 oder in Hamburg-Horn im Osten der Hansestadt. Wer aus der Hauptstadt kommt, durchquert lange Brandenburg – zurzeit besonders lange, wegen vieler 60er-Baustellen – bis ungefähr Wittstock/ Dosse, wo die A19 zur Ostsee abgeht. Brandenburg dauert dann noch ein bisschen an, während Namen wie Pritzwalk, Heiligengrabe und Putlitz auftauchen.

Putlitz, einer der ältesten Städte der Prignitz

Putlitz liegt 57 Meter hoch; 2.700 Seelen wohnen dort. Es ist eine der ältesten Städte der Prignitz (Wittstock gehört zur Ostprignitz). Ein Schild im eher kleinen Ort nennt ein Alter von 1050 Jahren. Das muss 1996 aufgestellt worden sein und ist also schon mehr als 20 Jahre alt. Tatsächlich ist Putlitz älter als Lüneburg (!) und das will hier im Norden schon etwas heißen. Die erste Erwähnung einer slawischen Burg stammt aus dem Jahr 946.

Die Sache mit dem Amt Neuhaus – britisch, verschenkt, dann Ost, jetzt West

Lüneburg wurde „erst“ 956 sicher genannt. Der Landkreis Lüneburg übrigens m.W. der einzige, der als „West“-Landkreis auf das Gebiet der ehemaligen DDR hineinreicht, umfasst seit 1993 nicht nur wieder das rechtselbische Amt Neuhaus, sondern auch das historisch zu Mecklenburg gehörende Niendorf, da es 1974 nach Sumte eingemeindet worden war. So gelangte ein Stück Mecklenburg nach Niedersachsen.

Amt Neuhaus: Zunächst gehörte dieses ehemalige Stück Kurhannover beziehungsweise Königreich Hannover auch 1945 zur britischen Besatzungszone. Die Engländer verschenkten es aber an die sowjetische Besatzungszone, da es keine Elbbrücke gab.

Immer wieder Mecklenburg

Wer an Wittstock, Pritzwalk, Heiligengrabe und Putlitz vorbeigebraust ist, sieht endlich das Schild „Mecklenburg-Vorpommern“ (MVP). Parchim mit seinem kuriosen Flughafen Schwerin-Parchim gehört zum Bundesland und wird auch an der A 24 passiert. MVP reicht in Boizenburg bis an die Elbe, dazu müsste man in Zarrentin abfahren.

Schon zwischen den Kilometern 120-100 sollte man auf die Schilder achten, um die Burg in Neustadt/ Glewe nicht zu verpassen. An der Autobahnabfahrt wird gerade gebaut, zwischenzeitlich war sogar die Abfahrt gesperrt. Ende September war die Ausfahrt aber möglich, rechtzeitig zum Burgfest und zur Ausstellung Grafik Nord.

Die Burg in Neustadt/ Glewe – ein Anziehungspunkt für Kenner

Glocke am Flaschenzug an der Uhr. Burg Neustadt-Glewe: Wenn hier keine Romantik aufkommt … dann ab nach Rothenburg ob der Tauber! © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Nur zwei Kilometer sind es nach Neustadt. (Vorsicht bei der Rückfahrt zur A24, bitte innerhalb der Geschwindigkeitsbegrenzung bleiben.) Kurz bevor die Hauptstraße mit abknickender Vorfahrt rechts in den Ortskern einbiegt, sieht man bei entlaubten Bäumen vor sich halblinks die Burg in Neustadt/ Glewe. Sie spiegelt sich im Wasser. Wenn man hier links in die kleine Straße einbiegt statt halbrechts in den Ort weiterzufahren, hat man vom Parkplatz oder Ufer aus einen hervorragenden Blick auf die Burg in Neustadt/ Glewe, vielleicht den besten. Wer ihn ausdehnen möchte, kann in dem Restaurant mit großen Fenstern Platz nehmen. Essen kann man sehr gut auf der Burg bei bestem Ambiente.

Am Wasser liegen immer wieder Sportboote, die durch die Schleuse wollen, über die die Hauptstraße führt. Man kann die Burg direkt auf dem Wasserweg ansteuern, ein weiterer Vorteil. Wo wir schon beim Wasser sind: Es ist neben politischen und historischen Gegebenheiten der Grund, warum die Burg in Neustadt/ Glewe zu den besterhaltenen in Mecklenburg-Vorpommern gehört. In einem Bogen geht ein Graben ab, der auch hinter der Burg den Burggarten oder Park umschließt. Die angrenzende Straße heißt Wasserstraße. Sie ist keine Wasserstraße.

Der Park ist übersichtlich und enthält keine dunklen Ecken, was ihn für Spaziergänger recht sicher macht. Ein angenehmes Fleckchen Erde.

Fahren wir nun endlich ein kurzes Stück weiter auf der Hauptstraße, biegen wir die nächste links ab zur Burg in Neustadt/ Glewe. Mächtig die Mauern, kurios die Uhr. Wo andernorts mit dem Flaschenzug Lasten transportiert wurden, scheint hier die Uhr aufgehängt. Bei diesem Anblick bitte verweilen. Das Fahrzeug kann auf dem Parkplatz direkt vor der Burg abgestellt werden. Wer zu spät kommt, findet ein verschlossenes Tor vor.

Die Burg in Neustadt/ Glewe – Ort der Kunst

Plakat für die Grafik Nord 05 Grafikausstellung MVP
Grafik Nord 5, Grafikausstellung Mecklenburg-Vorpommern auf der Burg in Neustadt-Glewe. Mi-So 11-16 Uhr. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Durch das Tor gelangt man auf den hochliegenden Burghof, rechts und links geräumige Flügel. Der linke beherbergt das Restaurant, das gern für Feste gemietet wird. Geräumig, historisch, gute Küche. Wer nicht einkehren will, für den ist, wenn nicht wie am 7. Oktober gerade ein Fest gefeiert wird auch vor der Burg, Grafik das Zauberwort der Stunde. Mittwochs bis sonntags zwischen 11 und 16 Uhr nix wie hin zur Grafik Nord 05. Die überflüssige Null führen wir mal mit auf, vielleicht hat ja ein Schalkefan die Nummerierung mitbestimmt. Die Grafikausstellung Mecklenburg-Vorpommern ist in der Galerie auf der Burg zu sehen – noch bis 21. Oktober 2018.

Die Burg in Neustadt-Glewe ist auch bei wiederholtem Besuch ein freudeauslösender Ort. Sie lädt zum Flanieren und Einkehren ein. Bietet Architektur mit Überraschungen: die vierte Hofseite ist schlicht mit einer Mauer geschlossen. Bietet Kunst und Burgfeste. Ein feste Burg ist …

Wer nicht weiß wohin, hier ist ein schöner Ort. Es gibt einen Neustädter See und drei Naturschutzgebiete in der Stadt. Neben der Burg auch noch ein Schloss (von 1717). Einen Marktplatz und ein Rathaus. Hinten links eine Tankstelle, die rund um die Uhr geöffnet hat. Hinten rechts eine Autowerkstatt. Der Name der Werkstatt findet sich auf den Autokennzeichen wieder: STA-NG. Die anderen Wagen hier tragen regionale Nummernschilder. Auf dem Gelände der BMW-Werkstatt gibt es auch eine Telefonzelle – mit Wählscheibe! Sehenswürdigkeiten gibt es hier wirklich genug.

Glewe bedeutet ‚Stall‘ und hieß erst so, dann Neustadt-Glewe, dann sechs Jahrhunderte lang einfach nur Neustadt. Erst seit 1926 heißt es wieder so wie heute.

In der Umgebung liegt u.a. Wöbbelin, das man auch als Autobahnabfahrt kennt, und die Landeshauptstadt Schwerin ist nur 30 Kilometer entfernt.




Zur Ausstellung „Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne“ im Städelmuseum

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Seit dem 26. September 2018 zeigt das Städelmuseum in Frankfurt am Main die Sonderausstellung „Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne“. Über 100 Werke des 1906 in Fünfkirchen (ungarisch Pécs) geborenen und 1997 in Paris gestorbenen Vasarely werden in der Retrospektive des Erfinder der Op-Art der 1960er Jahre präsentiert.

Die Ausstellung wird übrigens über zwei Stockwerke gezeigt und läuft rückwärts, behandelt also die Entstehung und Entwicklung Vasarelys Werk entlang einer rückläufigen Chronologie.

Das Œuvre des Künstlers, des Malers und Grafikers wie unschwer zu erkennen ist, erstreckt sich allerdings über weit mehr als eine halbes Jahrhundert und bediene sich laut einer Pressemitteilung des Städelmuseums aus dem Jahr 2018 „unterschiedlichster Stile und Einflüsse. Die Entwicklung des Jahrhundertkünstlers wird mit zentralen Arbeiten aller Werkphasen nachgezeichnet. Der oftmals auf seine Op-Art reduzierte Künstler verbindet die Kunst der frühen Moderne Ost- und Mitteleuropas mit den Avantgarden der Swinging Sixties in Europa und Amerika. Er bediente sich Zeit seines Lebens klassischer Medien und Genres und integrierte in den 1950er-Jahren das Multiple, die Massenproduktion und die Architektur in sein weitverzweigtes Werk. Zugleich blickt die Ausstellung mit Arbeiten wie Hommage au carré (1929) oder figurativen Malereien wie Autoportrait (1944) zurück zu Vasarelys künstlerischen Anfängen.“

Vor und zurück, hin und her, schön und schräg, psychedelisch und populistisch. Wie auch immer man diese Kunst der Moderne auch betrachtet, er ist ein bekannter und bedeutender Künstler gewesen, der in weitere Felder des kulturellen Überbaus der kapitalistischen Gesellschaft vordringen konnte. 1972 entwickelte er beispielsweise ein neues Rauten-Logo im Stil des Op-Art für den Autobauer Renault.

Fahren Sie also standesgemäß mit einem Renault zum Städelmuseum nach Frankfurt an den Main oder besser gleich zu einem Vasarely-Museum wie dem in Aix-en-Provence, Budapest, New York oder dem im Geburtshaus des Künstlers in Pécs. Und denken sie daran, dass heute „jeder Kritz und jeder Kratz … zum Kunstwerk im Namen des heiligen Subjektivismus erklärt werden“ kann, wie Vasarely meinte.

Wer es in die Ausstellung im Städelmuseum, die noch bis zum 13. Januar 2019 laufen soll, nicht schafft, der reise anschließend an die Seine, denn die in enger Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou entwickelte Frankfurter Ausstellung wird direkt im Anschluss in Paris als „Vasarely, le partage des formes“ eröffnen werden.




Eröffnung EMOP 2018 in Berlin vor Delphi Lux und C/O Berlin gegenüber Jebensstraße am Bahnhof Zoologischer Garten in Charlottenburg

The Jooles eröffnen EMOP. Musik zu Beginn der Opening Days des Europäischen Photographiemonats 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ein Staatsbesuch beherrschte fast den ganzen Freitag. Am 28. September reiste Präsident Erdogan vom Bosporus an. Dazu viele Demonstranten, einige dafür, viele dagegen. Abends gab es am Flughafen Tegel fast keine Mietwagen mehr. Bei Europcar und Buchbinder überhaupt keinen einzigen. Was die Demonstranten übrig gelassen hatten, brauchten Reisende, die am Boden blieben. Ryanair-Streik. Außerdem fielen zwei German-Wings-Flüge aus an den Niederrhein und nach Stuttgart. Viele brachen in Fahrgemeinschaften noch in der Nacht nach Baden-Württemberg auf. Mit etwas Glück erreichten sie zu Sonnenaufgang ihr Ziel. 7 Stunden ist man auf vier Rädern von TXL in die südwestliche Landeshauptstadt bestimmt unterwegs. Am Abend dürfen endlich alle feiern, der EMOP (European Month of Photography) wird eröffnet. Gegen 21 Uhr treten The Jooles auf, ab 22 Uhr gib es einen DJ vor Kino und Ausstellung.

Feiern mit THE JOOLES

Nach 21 Uhr ist das Amerikahaus brechend voll, hier residiert seit noch nicht zu langer Zeit das c/o Berlin. Vor dem Haus, zum Parkhaus hin, steht eine Freilichtbühne, als ob die Veranstalter gewusst hätten, dass es trocken bleibt. Dr. Klaus Lederer (Linke), der als für Kultur Zuständiger schon so manches Filmfestival eröffnen durfte, spricht ein paar Worte. Anschließend gibt es Musik im Rahmen eines Bühnenprogramms. Besonders gute Laune erzeugt The Jooles. Die Band ist paritätisch besetzt – genderbezogen. Links auf dem Photo Alexander Dommisch, Musiker und Label-Manager. Rot-lila beleuchtet die Leadsängerin, rechts daneben ihre Kollegin mit dem Saiteninstrument. Dazwischen im Dunkel versteckt der Schlagzeuger. Die Band The Jooles (www.THEJOOLES.com) hat kürzlich ihre erste Platte herausgebracht. Moving Memories erschien auf CD und – auf Vinyl!

Immer faszinierend die Enge und Gleichzeitigkeit des Geschehens, die es wohl sonst so nur in Indien gibt. Am Bahnhof der Christiane F. und der Stadtmission aus „Auf der Straße“ die Jebensstraße mit einem weiteren Photo-Museum. Daneben das Gericht mit seinen historischen Ausstellungen. Auf der Südseite der Hardenbergstraße das auf dem Photo abgebildete Geschehen. Der Mittelstreifen – Baustelle.

Zeitverlust durch hauptstadtbedingte Aufgaben

Eine Delegation huscht über den Kudamm.
Mit grüner Fahne: Polizeigesicherte Fahrzeugkolonne am Kurfürstendamm. Am Mittag des 28. September 2018. © Foto/BU : Andreas Hagemoser, 2018

Dass das Land Berlin, das unter einer zig-milliarden-Euro-schweren Schuldenlast ächzt, vom Bund hauptstadtbedingte Kosten verrechnen darf, mag dem Finanzsenator helfen. Wieviele Stunden der arbeitende (und natürlich auch der arbeitslose) Berliner allerdings verliert und wieviel das kostet, interessiert niemanden. Kurz vor zwei am Nachmittag rauscht fast lautlos eine lange polizeibegleitete Wagenkolonne den Ku‘damm entlang Richtung Innenstadt. Wesentlich mehr Probleme entstehen durch Demonstrationen, die den Bus M29 aufhalten. Wer gegen 17 Uhr am Landwehrkanal entlang zur CDU-Zentrale im Diplomatenviertel oder über den Kurfürstendamm Richtung Grunewald möchte, hat das Nachsehen.

Warum auch die S-Bahnen staatsbesuchsbedingt ausfallen, ist dagegen nicht einsichtig. Gegen 15 Uhr findet in einem der Gebäude auf dem Titelphoto ein Pressetermin statt. Ihn über Westkreuz pünktlich zu erreichen ist unmöglich. Ein Zug nach Erkner, der angeblich drei Minuten später fahren sollte, wurde ersatzlos gestrichen. Der nächste Zug Richtung Osten soll erst in 10 Minuten (!) folgen. Im Berufsverkehr bei der Größe Berlins viel zu viel. Gerade erst hat der Senat eine Rekordmillionensumme der S-Bahn gestrichen wegen Unpünktlichkeit

Ein ganz normaler Freitag in Berlin.

Vergangene EMOP-Aktivitäten in Berlin:

Kieke mal Kike Arnal! Die unglaublichen „Voladores“-Flieger aus Mexiko in einer Fotoschau von Ximena de la Macorra oder: Wie Tugend und Kultur Frieden erhalten

Dagmar Gester und Gäste in der Ausstellung „Fluchtgepäck“ (EMOP 2016):

Was bleibt. Photographin Dagmar Gester ist in ihrer EMOP-Ausstellung „Fluchtgepäck“ zu sprechen

Photoausstellung jenseits des EMOP mit Sabine Mittermeier:

Bäume Schwarzweiß. Sabine Mittermeier, Laure Catugier und Tim van den Oudenhoven are „Undrawing the Horizon“ in HB55 Räume der Kunst




Schloss Sacrow: Künstler und Gärtner – 2. Parkspaziergang mit Schlossgärtner Uwe Held und Strawalde / Jürgen Böttcher

Potsdam, Deutschland (Kulturexpresso). Im Rahmen der Ausstellung „Der Kreis schließt sich. Strawalde – Jürgen Böttcher“ im Schloss Sacrow in Potsdam findet am Sonntag, den 16. September 2018, ab 15 Uhr der 2. Parkspaziergang mit Schlossgärtner Uwe Held und Strawalde / Jürgen Böttcher statt.

Schloss Sacrow mit Park

Die Teilnahme kostet 10 Euro, ermäßigt 5 Euro. Um Anmeldung unter karten@ars-sacrow.de wird gebeten. Kartenverkauf im Schloss ab 14:30 Uhr, Treffpunkt vor dem Schloss Sacrow.

Bei Erwerb eines Ausstellungstickets (8 Euro) zahlen Sie für den Parkspaziergang nur den ermässigten Preis.

Infos unter www.ars-sacrow.de

Öffnungszeiten der Ausstellung: von Freitag bis Montag von 11 Uhr bis 18 Uhr.